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StipendienWissenschaftsjournalismus

Von ME/CFS bis Atommüll: ÖAW fördert vier wissenschaftsjournalistische Recherchen

Chronische Krankheiten ohne Lobby, blinde Flecken in der Medizin, das Rätsel früher Fehlgeburten und Atommüll für die Ewigkeit: Die ÖAW fördert 2026 vier Rechercheprojekte an der Schnittstelle von Wissenschaft und Journalismus.

19.03.2026
Schätzungsweise 80.000 Menschen in Österreich sind von ME/CFS betroffen.
© Adobe Stock

Warum werden Hunderttausende Kranke in Österreich medizinisch kaum versorgt? Warum werden Frauen bei Herzerkrankungen so häufig falsch diagnostiziert? Was können winzige Zellhaufen im Labor über das Rätsel früher Fehlgeburten verraten? Und was bedeutet es, Verantwortung für die nächsten 100.000 Jahre zu übernehmen? Mit dem Stipendienprogramm Forschung & Journalismus fördert die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) 2026 vier Rechercheprojekte, die komplexe wissenschaftliche Themen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

ME/CFS: Eine Krankheit ohne Lobby

ME/CFS ist die Abkürzung für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom. Bettina Figl widmet sich dieser schweren chronischen Erkrankung, von der in Österreich schätzungsweise 80.000 Menschen betroffen sind, viele davon bettlägerig und pflegebedürftig. Obwohl die Lebensqualität der Erkrankten im Durchschnitt niedriger ist als jene von Menschen mit Multipler Sklerose oder Lungenkrebs, fehlt es hierzulande an flächendeckender medizinischer Versorgung und öffentlicher Aufmerksamkeit. In einer dreiteiligen Longread-Serie mit begleitenden Podcasts beleuchtet Figl den aktuellen Stand der internationalen Forschung, die Versorgungslage in Österreich sowie die sozioökonomischen Folgen der Erkrankung für Betroffene, Sozialsystem und Arbeitsmarkt.

Geschlechterbias in der medizinischen Forschung

Theresa Steffner geht einer grundlegenden Frage der Medizin nach: Wessen Körper gilt als Norm? Weil klinische Studien historisch überwiegend an Männern durchgeführt wurden, gelten Symptome, die vom männlichen Referenzmodell abweichen, bis heute häufig als unspezifisch oder psychisch bedingt. Ihr Projekt rekonstruiert, wie dieser Bias in Studiendesigns, Ausbildungslogiken und Leitlinien entsteht – und sich schließlich in diagnostische Routinen übersetzt. Am Beispiel von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schmerzsyndromen zeigt Steffner, wie strukturelle Verzerrungen im Lehrbuch später zur Fehldiagnose führen. Geplant sind ein analytischer Hintergrundtext, eine Reportage sowie ein Audio- oder Videoformat.

Im Labor des Lebens

Drei Viertel aller Schwangerschaftsprobleme entstehen in den ersten zwei Wochen nach der Befruchtung. Doch dieser Prozess ist für die Forschung bislang kaum zugänglich. Anna Stockhammer begleitet am Institut für Molekulare Biotechnologie der ÖAW die Forschung an Blastoiden. Das sind mikroskopisch kleine Embryo-Modelle aus Stammzellen, die die entscheidende Phase kurz vor der Einnistung einer befruchteten Eizelle nachbilden. Stockhammer fragt, welche medizinischen Hoffnungen diese Technologie für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch weckt, wo falsche Erwartungen entstehen und welche ethischen und rechtlichen Fragen sich stellen, wenn Wissenschaft beginnt, frühe Entwicklungsstadien des menschlichen Lebens im Labor nachzubauen.

100.000 Jahre Verantwortung

Thomas Zauner reist nach Finnland, wo 2026 mit Onkalo das weltweit erste permanente Endlager für hochradioaktiven Atommüll eröffnet werden soll. Tief im Fels vergraben, soll der Abfall dort für Hunderttausende von Jahren sicher verwahrt werden – länger, als es menschliche Zivilisation gibt. Zauner untersucht, wie eine solche Anlage technisch und gesellschaftlich legitimiert wird, welche Rolle nukleare Semiotik dabei spielt – also die Frage, wie man künftigen Generationen überhaupt mitteilen kann, was im Untergrund schlummert –, und was das Projekt über unseren Umgang mit Risikotechnologien und intergenerationaler Verantwortung verrät. Entstehen sollen ein ausführlicher Reportageartikel sowie eine Audio-Reportage.

Wissenschaftsjournalismus stärken

Seit 2019 vergibt die ÖAW jedes Jahr vier Stipendien für Wissenschaftsjournalismus und unterstützt journalistische Projekte, die sich vertieft mit wissenschaftlichen Themen auseinandersetzen. Insgesamt stehen 20.000 Euro zur Verfügung, die zu je 5.000 Euro aufgeteilt werden. Eine unabhängige Jury, bestehend aus Vertreter:innen der ÖAW, den Unis Wien und Innsbruck, des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ), des Presseclubs Concordia sowie den Wissenschaftsredaktionen von APA und Ö1, wählt alljährlich die Stipendiat:innen aus.

 

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