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GebirgsforschungKlimawandel

Rekordschmelze auf Österreichs Gletschern steht bevor

Österreichs Gletscher stehen vor einem weiteren Jahr mit außergewöhnlich hohen Eisverlusten. Warum die aktuelle Schmelzsaison besonders kritisch ist, und wie ein Gletschertagebuch hilft, die Veränderungen sichtbar zu machen, darüber spricht ÖAW-Glaziologin Andrea Fischer im Interview.

 

14.07.2025
Ein nur mehr an der Spitze schneebedeckter Gletscher
Österreichs Gletscher verlieren in Rekordgeschwindigkeit ihre Schnee- und Eisbedeckung.
© AdobeStock

Noch nie war der Blick auf Österreichs Gletscher Anfang Juli so ernüchternd: Die weiße Schneedecke fehlt vielerorts, das blanke Eis liegt frei – und schmilzt ungebremst in der hochsommerlichen Sonne.

„Normalerweise messen wir Anfang Mai die größte Schneemächtigkeit des Jahres“, sagt Glaziologin Andrea Fischer, Glaziologin und stellvertretende Leiterin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck. Doch heuer brachte der Winter zu wenig Schnee, der Frühling zu viel Wärme – und der Sommer setzt der schutzlosen Eisfläche nun massiv zu.

Im Interview spricht die Gletscherexpertin über das Projekt „Gletschertagebuch“, das die Veränderungen dokumentiert, die zunehmende Instabilität im Hochgebirge und die Rolle der Wissenschaft in Zeiten der Klimakrise.

Schneefreie Oberflächen

Wie außergewöhnlich ist die aktuelle Schneesituation auf Österreichs Gletschern im Vergleich zu früheren Jahren?

Andrea Fischer: Zum 1. Mai war heuer ungewöhnlich wenig Schnee vorhanden – normalerweise messen wir um diese Zeit das jährliche Maximum der Schneedecke an den Gletschern. Heuer waren viele tiefgelegenen Zungen bereits schneefrei, selbst in hochgelegenen, nordseitigen Bereichen hatte die Schmelze begonnen. Der wenige Schnee war unter trockenen, kalten Bedingungen gefallen und vom Wind abgetragen – besonders im Westen. Im Juni gab es zwar noch Schneefälle, doch die anhaltend hohen Temperaturen haben auch diese rasch abschmelzen lassen. Anfang Juli war etwa die Hälfte der Gletscheroberfläche im Westen schneefrei – ein Zustand, der früher erst gegen Ende der Schmelzsaison eintrat, heute aber schon zu Beginn.

Bleiben die Temperaturen hoch und fallen keine sommerlichen Schneefälle – wie in den letzten Jahren – wird wohl bald die gesamte Oberfläche schneefrei sein. Ohne schützende Schneedecke wird die dünne Eissubstanz in den Hochlagen erneut stark angegriffen. Dort gab es zuletzt jährliche Schmelzraten von bis zu zwei Metern – bei nur zehn bis zwanzig Metern Eisdicke führt das rasch zu großen Flächenverlusten. Ich rechne daher erneut mit einem extremen Eisverlusten.

Jeder Tag mit frei liegendem Eis kostet etwa zehn Zentimeter Eisdicke.

Wenn das blanke Eis eines Gletschers bereits Anfang Mai sichtbar wird, bedeutet das also große Schmelzverluste?

Fischer: Genau. Jeder Tag mit frei liegendem Eis kostet etwa zehn Zentimeter Eisdicke. Je länger diese Phase andauert, desto stärker die Schmelze. Entscheidend ist nicht die Temperatur im Tal, sondern ob das Eis oben unbedeckt ist – denn rund 70 Prozent der Schmelzenergie kommen von der Sonneneinstrahlung, nicht von der Lufttemperatur. Zuletzt lagen die Nullgradgrenzen sehr hoch, mit Plusgraden auch in den Hochlagen. Dadurch setzt sich die Schmelze selbst nachts fort – es schmilzt praktisch rund um die Uhr.

Was hat dazu geführt, dass die Schneedecke im vergangenen Winter so gering war?

Fischer: Das hängt zum einen mit konkreten Wetterlagen zusammen, zum anderen mit klimatischen Veränderungen, die deren Häufigkeit beeinflussen. Es gab insgesamt wenige Lagen mit ergiebigem Niederschlag. Die Frontalzone lag ungewöhnlich weit im Norden, wodurch es seltener schneite – und wenn, dann oft bei zu hohen Temperaturen, sodass Regen statt Schnee fiel. Teils regnete es bis Mitte November bis in die Gletscherregionen. Früher war die Frontalzone weiter südlich, mit häufigeren Schneefällen und tieferen Temperaturen. Hinzu kommen sehr hohe Meerestemperaturen. Das zeigt, wie stark unser Wetter mit globalen Zirkulationsmustern, dem Energiehaushalt der Ozeane und dem Meereis verknüpft ist.

Kleine Gletscher besonders gefährdet

Wie werden Schneehöhen und Eisverluste auf den Gletschern eigentlich gemessen?

Fischer: Rund um den 1. Mai wird gemessen, wie viel Schnee sich über den Winter angesammelt hat – von Oktober bis Anfang Mai. Im Sommer bohrt man Schmelzpegel ins Eis und misst, wie viel davon freiliegt, um die Schmelze an verschiedenen Punkten zu erfassen. In Österreich wird das bei über zehn Gletschern im Detail gemacht. So lässt sich die jährliche Massenbilanz berechnen.

In den vergangenen Jahren wird das allerdings wegen der zunehmenden Instabilität der Gletscher und häufiger Massenbewegungen schwieriger. Deshalb kommen verstärkt geodätische Methoden zum Einsatz, etwa Drohnenmessungen aus der Luft, um die Gesamtbilanz zu erfassen.

In Österreich gibt es rund 900 Gletscher – inzwischen sind fast alle betroffen.

Welche Regionen oder Gletscher sind derzeit besonders stark vom Schmelzprozess betroffen?

Fischer: In Österreich gibt es rund 900 Gletscher – inzwischen sind fast alle betroffen. Besonders kritisch ist die Lage bei kleinen, hochgelegenen Gletschern, die lange als stabil galten. Doch da sie meist sehr dünn sind, schreitet die Schmelze nun auch dort rasch voran. Einige sind im Vorjahr fast verschwunden, und es ist fraglich, ob sie diesen Sommer überstehen. Die großen Gletscher verlieren schon seit Jahrzehnten an Masse, vor allem ihre Zungen sind inzwischen stark ausgedünnt.

Instabile Gletscher

Was bedeutet diese Rekordschmelze langfristig für die Wasserversorgung und die Ökosysteme?

Fischer: Österreich verfügt grundsätzlich über ausreichend Niederschlag. Durch den Klimawandel verschiebt sich jedoch die Verteilung. Starkregen wird häufiger, was Folgen für Wasserversorgung und Naturgefahren hat. Gletscherwasser spielt hier nur eine geringe Rolle, es wird kaum genutzt und trägt wenig zur Gesamtbilanz bei. In trockenen Hochgebirgsregionen ist das anders, dort ist es lebenswichtig. Auch bei uns nimmt die Instabilität im Gletscherumfeld zu und kann in Einzelfällen hochgelegene Siedlungen betreffen.

Im Sinne von Felsstürzen oder Murenabgängen?

Fischer: Ja, Ereignisketten bei denen Eis betroffen ist oder Wasser aufgestaut wird haben besondersgroße Reichweite. Besonders gefährlich sind Murgänge, die aus Wasseransammlungen in Eisresten entstehen, oder Massenbewegungen, die auf Gletscherreste treffen und dann zu lawinenartigen Abgängen führen können.

Sie belegen: Klimaschutz wirkt – nicht sofort, aber mittel- und langfristig.

Wie kann ein Projekt wie das „Gletschertagebuch“ helfen, das öffentliche Bewusstsein für die Klimakrise zu schärfen?

Fischer: Unsere Aufgabe als Wissenschaftler:innen ist es, Wissen zu schaffen und es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gerade bei so schnellen Veränderungen wie derzeit ist es wichtig, dass sich alle informieren können, was passiert und warum. Wir alle gestalten unsere Zukunft mit – durch individuelle und gesellschaftliche Entscheidungen. Dafür braucht es eine fundierte, objektive Grundlage: Wir wollen ja wissen, wofür wir uns entscheiden, oder wogegen. Modellierungen zeigen klar, wie sich Gletscher unter verschiedenen Treibhausgas-Szenarien entwickeln. Sie belegen: Klimaschutz wirkt – nicht sofort, aber mittel- und langfristig. Auch wenn nicht alles möglich ist: Jede Maßnahme hilft. Nichts zu tun wäre die schlechteste Option.

Vierter Extremsommer in Folge

Wie geht es mit dem Gletschertagebuch weiter?

Fischer: In diesem Sommer wollen wir etwa monatlich einen neuen Stand veröffentlichen, um den Verlauf der Schmelzsaison sichtbar zu machen. Es wäre bereits der vierte Extremsommer in Folge. Auch für uns als Glaziolog:innen ist das jedes Jahr wieder spannend, denn wir erleben Veränderungen, die wir uns vor Jahrzehnten so nicht hätten vorstellen können. Deshalb ist es wichtig, das genau zu dokumentieren: Die Entgletscherung ist nicht nur wissenschaftlich relevant, sondern auch gesellschaftlich.

 

Auf einen Blick 

Andrea Fischer ist Geophysikerin und Glaziologin sowie Vizedirektorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie forscht unter anderem zum Gletscher Jamtalferner. Sie ist zudem wirkliches Mitglied der ÖAW und wurde vom Club der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen zur Wissenschaftlerin des Jahres 2023 gewählt.