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Von Bad Bunny bis John OttiMusikwissenschaften

Melodien der Macht: Wie Politik die Musik instrumentalisiert

Was macht Musik politisch? Und warum ist politische Musik so wirkungsvoll? Der ÖAW-Musikwissenschaftler Stefan Schmidl erklärt, warum Musik und Politik seit jeher eine machtvolle Liaison eingehen.

11.03.2026
Ob Nationalstaaten, Regimes, Parteien oder politische Bewegungen: Sie alle haben gelernt, sich die Macht der Musik zunutze zu machen.
© AdobeStock

In Österreich schaffte es ein FPÖ-Parteisong der John Otti Band – von der Partei selbst zum Download empfohlen – kurzzeitig auf Platz 20 der Austria Top 40. Das war Anfang Februar. Eine Woche später war das Phänomen auch schon wieder vorbei. Gleichzeitig, auf der anderen Seite des Atlantiks, tobte rund um den Super Bowl ein Kulturkampf mit anderen Vorzeichen: Mit dem Auftritt des puerto-ricanischen Superstars Bad Bunny wurde Politik beinahe wichtiger als Musik: Dass der Künstler sich weigerte auf Englisch zu singen, verwandelte seinen Auftritt zu einem historischen Moment – und zu einem politischen Streitfall.

Musik und Politik waren schon immer eng miteinander verwoben. Aber was macht Musik politisch? Und warum greift Politik so hartnäckig zu Musik? Das haben wir Musikwissenschaftler Stefan Schmidl vom Austrian Center for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW)  gefragt. Er ist auch Professor für Geschichte und Theorie der Musik an der Musik und Kunstprivatuniversität der Stadt Wien.

Nationale Identität als Klangerlebnis

Musik ist ein dezidiert emotionales Medium und genau das macht sie für die Politik so unwiderstehlich, erklärt Stefan Schmidl. Musik vermag es, politische Inhalte emotional aufzufüllen und erlebbar zu machen: „Das Abstrakte der Politik kann über das Konkrete, Emotionale vermittelt werden“, sagt der Musikwissenschaftler, der sich seit Jahren mit dem Verhältnis von Musik und Ideologie beschäftigt.

Hymnen, Kampflieder, Parteimärsche: Politische Musik begleitet Nationen seit Jahrhunderten. „Die Idee der Nation ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts – die Vorstellung, Völker seien eigenständige kulturelle Einheiten – mit eigenen Bräuchen, einer eigenen Geschichte und vor allem einer eigenen Musik – entstand erst in dieser Zeit“, erklärt der ÖAW-Forscher.

Diese enge Verknüpfung von Musik und nationaler Identität zieht sich durch die Geschichte sämtlicher Länder: „Von der britischen Nationalhymne über die Marseillaise bis hin zur russischen Hymne, die 1943 geschrieben wurde und heute wieder erklingt: Jede dieser Melodien steht für ein politisches System, für eine Ideologie, für ein Kollektiv“, sagt Schmidl.

Der Ohrwurm als politisches Werkzeug

Dabei steht die Musik an sich nicht eindeutig für einen bestimmten Freiheitsbegriff oder gar für eine Nation. „Politische Musik ist dann am wirkungsmächtigsten, wenn sie sich nicht festlegt – wenn sie offen genug bleibt, um von jedem gehört und gefühlt werden zu können“, so der Musikwissenschaftler.

Je einfacher Botschaft und Musik, desto größer die Erfolgschancen.

Hinzu kommt ein schlichter, aber starker Mechanismus: Eingängige Melodien setzen sich fest, reproduzieren sich im Alltag, ohne dass man es bewusst steuert: „Wenn eine Melodie schön darin plätschert, singt man die nach.“ Diese „fatale Wirkung der Musik“, erklärt Schmidl, lässt sich kaum umgehen – und genau darauf kann Politik nicht verzichten. Für den Erfolg politischer Musik gilt eine klare Faustregel: „Je einfacher Botschaft und Musik, desto größer die Erfolgschancen.“

Beethovens Neunte als Paradebeispiel

Eine Rolle spiele darüber hinaus eine strukturelle Offenheit der Musik selbst. Als Paradebeispiel gilt Beethovens Neunte Sinfonie, auf die „sich seit der Uraufführung alle Ideologien draufgesetzt haben“, sagt Schmidl. Ebenso der Donauwalzer, den der Musikwissenschaftler als „schönes Beispiel für eine Politisierung von bestehender Musik“ bezeichnet: In der NS-Zeit war er die Hymne der Ostmark, ab 1945 sofort Symbol der Republik Österreich, und heute begrüßt der Donauwalzer Reisende am Wiener Flughafen.

Was sich durch die Geschichte zieht: Die musikalischen Mobilisierungsstrategien wiederholen sich, unabhängig vom ideologischen Vorzeichen. „Die Systeme lernen voneinander. Die Nationalsozialisten lernen von den Kommunisten und umgekehrt.“

Vom Dreivierteltakt zur Ideologie

Besonders eindringlich lässt sich das Zusammenspiel an der Wiener Filmproduktion der NS-Zeit studieren. Die spezifisch wienerische Musikidiomatik – Dreivierteltakt, charakteristischer Instrumentalklang, eine gewisse Schwermut – sprach ein regionales Identitätsgefühl an, das sich ideologisch instrumentalisieren ließ. „Die NS-Ideologie ist damit ganz besonders gut verpackt und in eine Synthese gebracht worden“, sagt Schmidl.

Dass politische Musik nicht automatisch zündet, zeigt für Stefan Schmidl die österreichische Bundeshymne, die bis heute ungeliebt ist. Sie sei „sehr kopflastig“ komponiert worden, ohne jene emotionale Unmittelbarkeit, die politische Musik braucht: „Die Hymne hat nie diese Emotionalität verbreiten können.“ Der Donauwalzer blieb deshalb die eigentliche Identifikationsmelodie.

 

Auf einen Blick

Stefan Schmidl studierte Musikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien, wo er 2004 promovierte. Er forscht am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ist Professor für Geschichte und Theorie der Musik an der Musik und Kunstprivatuniversität der Stadt Wien (MUK), stellvertretender Leiter des Zentrums für Wissenschaft und Forschung, Leiter des Kompetenzzentrums Film | Filmmusik sowie Mitglied des Senats.