Künstliche Intelligenz & Co.: Wie neue Technologien in den USA bewertet werden
03.06.2025
Wie reagieren verschiedene Länder auf neue Technologien wie Künstliche Intelligenz? Welche Rolle spielen Parlamente, Öffentlichkeit und Industrie? Von 2. bis 4. Juni lädt das Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gemeinsam mit dem GlobalTA network zur ersten globalen TA-Konferenz nach Wien. Unter dem Titel „Technikfolgen-Abschätzung weltweit verankern“ diskutieren Expert:innen aus aller Welt, wie Politik, Gesellschaft und Wissenschaft mit den rasanten technologischen Entwicklungen Schritt halten können.
Das Programm umfasst rund 80 Vorträge, Workshops und Diskussionsrunden mit Expert:innen aus Nordamerika, Lateinamerika, Afrika, Asien, Europa, Australien und sogar Ozeanien. Mit dabei: Karen Howard vom US-amerikanischen Government Accountability Office (GAO), die Einblicke in die Praxis der Technikbewertung in den Vereinigten Staaten gibt.
Rasanter technologischer Wandel
Wie würden Sie den aktuellen Moment der Technikfolgenabschätzung (TA) weltweit beschreiben?
Karen Howard: Es ist eine spannende Zeit. Neue Technologien entstehen in rasantem Tempo, und Regierungen stützen sich zunehmend auf Bewertungen, um Auswirkungen und politische Handlungsoptionen zu verstehen. Internationale Zusammenarbeit ist dabei von großer Bedeutung. Jedes Land bringt eigene Perspektiven mit, die durch den lokalen Kontext geprägt sind. Der Austausch von Erfahrungen und Strategien stärkt unser gemeinsames Verständnis und unsere Wirkung.
Neue Technologien entstehen in rasantem Tempo, und Regierungen stützen sich zunehmend auf Bewertungen, um Auswirkungen und politische Handlungsoptionen zu verstehen.
Wie geht die USA derzeit mit den Herausforderungen des technologischen Wandels um?
Karen Howard: Technologischer Wandel bringt sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich. In den USA – wie in vielen anderen Ländern – vollzieht sich dieser Wandel so schnell, dass die Gesellschaft Schwierigkeiten hat, Schritt zu halten – auch die Öffentlichkeit und gesetzgebende Gremien wie der Kongress. Regulierung und Gesetzgebung bewegen sich in der Regel langsamer als Innovation, daher gibt es einen ständigen Versuch, aufzuholen.
Beim Thema Künstliche Intelligenz etwa fehlt der Öffentlichkeit oft ein klares Verständnis darüber, wo sie eingesetzt wird und welche Vorteile oder Risiken sie mit sich bringt. Die Menschen hören bruchstückhafte Informationen, bekommen aber selten ein vollständiges Bild. Das erschwert es, sich fundierte Meinungen zu bilden oder Entscheidungen zu treffen – ebenso für politische Entscheidungsträger. Auch dem Kongress fehlt es oft an umfassenden, ausgewogenen und faktenbasierten Informationen. Hinzu kommt, dass Gesetzgeber die nationale Wettbewerbsfähigkeit in Innovation und Wirtschaft berücksichtigen müssen, was die politische Reaktion zusätzlich erschwert. Sie müssen das öffentliche Wohl mit wirtschaftlicher Strategie in Einklang bringen – eine schwierige Aufgabe angesichts schnelllebiger Technologien.
Machtwechsel im US-Kongress beeinflussen Politikberatung
In welcher Form existiert TA heute in den USA?
Howard: Die wichtigste Bewertungsinstanz für den Kongress ist das Government Accountability Office (GAO), speziell unser Team für Wissenschaft, TA und Analytik (STAA). Wir analysieren aufkommende Technologien, um Entscheidungen zu unterstützen – mit Blick auf Innovation, Sicherheit und Datenschutz. Auch Universitäten leisten Beiträge durch Forschung und Graduiertenprogramme, deren Berichte wir häufig konsultieren.
Wir arbeiten für den Kongress, nicht für den Präsidenten, und sind überparteilich.
Beeinflusst ein Wechsel in der US-Präsidentschaft die Arbeit des GAO, insbesondere bei der Technologiebewertung?
Howard: Nicht wesentlich. Das GAO arbeitet für den Kongress, nicht für den Präsidenten, und ist überparteilich. Viel stärker beeinflusst uns ein Machtwechsel im Kongress, da sich dadurch die Prioritäten und die Art der angeforderten Arbeiten verändern können.
Das Konzept der TA stammt ursprünglich aus den USA, richtig?
Howard: Ja. Das US Office of Technology Assessment (OTA), das 1974 gegründet wurde, war die erste Institution, die ein Parlament – den Kongress – in Fragen von Wissenschaft und Technologie beriet. Es war etwa 20 Jahre lang aktiv und diente international als Vorbild. Nachdem es 1995 nicht mehr finanziert wurde, übernahm das GAO im Jahr 2002 diese Rolle, die 2008 dauerhaft institutionalisiert wurde.
Perspektiven von Öffentlichkeit, Wirtschaft und Behörden zusammenbringen
Wie hat sich das Verhältnis zwischen Technologieunternehmen und TA entwickelt?
Howard: Wenn wir eine TA starten, beziehen wir stets eine breite Palette von Akteuren ein – auch die Industrie. Wenn wir zum Beispiel den Einsatz von KI in der medizinischen Diagnostik untersuchen, sprechen wir mit Unternehmen, die solche KI-basierten Geräte entwickeln. Sie teilen sowohl die Vorteile, die sie sehen, als auch die Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen. Natürlich sind Unternehmen profitorientiert, das ist berechtigt. Aber wir erleben auch, dass sie sich Gedanken über größere Zusammenhänge machen. So weisen sie etwa auf regulatorische Hürden hin, wie lange Genehmigungsprozesse durch die FDA oder unklare Anforderungen. Gleichzeitig thematisieren sie gesellschaftliche Fragen – zum Beispiel, ob Ärzte KI-Werkzeugen zu sehr vertrauen oder sie komplett ablehnen – beides kann die Einführung behindern.
Auch wenn die Industrie wichtige Einblicke liefert, gleichen wir ihre Perspektiven mit Einschätzungen von Bundesbehörden, Forschenden und Interessenvertretungen ab, um dem Kongress ein umfassendes Bild zu vermitteln.
Natürlich sind Unternehmen profitorientiert. Aber wir erleben auch, dass sie sich Gedanken über größere Zusammenhänge machen.
Wie sieht die Rolle der Öffentlichkeit bei der Bewertung technologischer Auswirkungen aus?
Howard: Die Öffentlichkeit spielt eine zentrale Rolle. Manchmal übernimmt sie neue Technologien sehr schnell – wie soziale Medien – ohne sich der Risiken bewusst zu sein. In anderen Fällen – wie bei der Fusionsenergie – gibt es Zurückhaltung aufgrund wahrgenommener Gefahren. Ziel der Technologiebewertung ist es, sowohl Risiken als auch Chancen darzustellen. In den USA ist die Beteiligung der Öffentlichkeit weniger ausgeprägt als in Ländern wie Dänemark, obwohl wir z. B. bei der Fusionsenergie Fokusgruppen durchgeführt haben.Angesichts der Größe und Vielfalt unserer Bevölkerung ist eine breite öffentliche Einbindung eine Herausforderung. Wir setzen daher oft auf gezielte Ansätze, etwa durch Konsultation von Patientengruppen, die wertvolle – wenn auch nicht repräsentative – Beiträge leisten.
Auf einen Blick
Titel: „Technikfolgen-Abschätzung weltweit verankern“
Termin: 2. bis 4. Juni 2025
Ort: Österreichische Akademie der Wissenschaften
Festsaal, Sitzungssaal, Johannessaal, Anton Zeilinger Salon, Aula (Posterausstellung)
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
