"Hiccup": Neuer ÖAW-Podcast unternimmt Zeitreise ins Mittelalter
25.07.2025
Das „finstere“ Mittelalter hat einen schlechten Ruf – aber war es wirklich so finster? Diese Frage klärt ÖAW-Historiker Johannes Preiser vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im ÖAW-Podcast „Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit“, der ab sofort auf allen Podcast-Apps verfügbar ist.
Wenn wir uns gedanklich auf eine Zeitreise ins Mittelalter begeben würden – was wäre Ihrer Meinung nach der beste Ort, um dort anzukommen?
Johannes Preiser-Kapeller: Das Mittelalter umfasst über 1.000 Jahre, also gäbe es viele Optionen. Große Städte zu friedlichen Zeiten bieten sich besonders an. In den großen mittelalterlichen Städten – viele davon hatten damals schon über 100.000 Einwohner:innen – war man Fremde gewöhnt. Natürlich müsste man sich vorbereiten – man würde ja möglichst nicht mit moderner Kleidung ankommen –, aber in solchen Städten, wo Kaufleute und Reisende aus aller Welt zusammenkamen, wäre es einfacher ins Mittelalter einzutauchen – ohne groß aufzufallen.
Man könnte etwa an einem wichtigen Handelsplatz im 9. oder 10. Jahrhundert ankommen, zum Beispiel in einer Großstadt wie Bagdad. Auch Konstantinopel wäre ein guter Ort, oder im fernen Osten Chang’an in China. In Europa böte sich Córdoba in Spanien an – zumindest im Mittelalter war das ein kulturelles Zentrum. In Westeuropa hingegen wäre es schwieriger, dort wuchsen die Städte erst später auf eine vergleichbare Größe. Im 14. Jahrhundert wäre z. B. Venedig der perfekte Ankunftsort.
Reisetipps fürs Mittelalter
Und umgekehrt – welche Zeiten oder Orte sollte man auf keinen Fall für eine Zeitreise ins Mittelalter wählen?
Preiser-Kapeller: Ähnlich wie bei heutigen Reisewarnungen des Außenministeriums: Alles, was mit Krieg oder Katastrophen zu tun hat, sollte man tunlichst meiden. Es gab im Mittelalter viele Konflikte, mal größer, mal kleiner. In eine Belagerung, etwa von Wien durch Rudolf von Habsburg 1276, sollte man nicht geraten – das wäre ungesund und unlustig. Auch Gebiete mit Hungersnöten, Seuchen oder Naturkatastrophen wären sehr schlechte Reiseziele. Besonders Jahre in denen die Pest wütet, etwa 1348, sollte man besser umgehen. Auch wenn man Medikamente dabeihätte – angenehm wäre das nicht, wenn ein Drittel der Bevölkerung tot auf der Straße liegt.
Und sollte man sich als Frau besser als Mann verkleiden oder könnte man auch als Frau im Mittelalter bestehen?
Preiser-Kapeller: Tatsächlich gab es durchaus Gesellschaften, in denen Frauen geschäftsfähig und respektiert waren – vor allem, wenn sie einen gewissen Status hatten. Die klassische Figur ist da die reiche Witwe – und die konnte im Mittelalter auch noch recht jung sein, da die Lebenserwartung allgemein niedriger war. Eine Frau mit Vermögen oder etwas Wertvollem zum Tauschen konnte sich also behaupten. In vielen Kulturen war das akzeptiert. Für Frauen und Männer gilt: Wenn man einen gewissen Status ausstrahlt, etwa durch hochwertige Kleidung, wird man durchaus respektvoll behandelt. Schließlich ging es auch damals schon um Geschäftsbeziehungen und Nutzen.
Die Vorstellung, dass man im Mittelalter sofort als Hexe verbrannt wird, sobald man etwas Ungewöhnliches tut, ist ein Klischee.
Und: Die Vorstellung, dass man im Mittelalter sofort als Hexe verbrannt wird, sobald man etwas Ungewöhnliches tut, ist ein Klischee. Die großen Hexenverfolgungen kamen erst später, in der frühen Neuzeit.
Zur Reisevorbereitung: Was würden Sie einem/einer angehenden Zeitreisenden empfehlen, in den Koffer zu packen?
Preiser-Kapeller: Definitiv Medikamente – insbesondere Antibiotika, Mittel gegen Durchfall oder Fieber. Die mittelalterliche Hygiene war nicht so katastrophal, wie man oft denkt – es wurde durchaus gerne gebadet, und das Essen war nicht per se schlecht. Aber wie bei jeder Reise in ein fremdes Umfeld kann es sein, dass man das ungewohnte Essen nicht gut verträgt. Da wäre es gut, vorbereitet zu sein.
Moderne Kleidung würde man ablegen müssen, aber es wäre empfehlenswert, wenigstens moderne Unterwäsche einzupacken – allein schon aus Komfortgründen. Die damaligen Stoffe – Wolle, Flachs, Baumwolle – und Webweisen könnten für uns heute ungewohnt und unangenehm sein.
Mittelalter-Essentials: Von Unterwäsche bis Pfefferkörnern
Wie sieht es mit Wertsachen aus?
Preiser-Kapeller: Was das Finanzielle angeht: Mit einer Kreditkarte kommt man im Mittelalter natürlich nicht weit. Münzen aus der Zeit wäre praktisch. Aber auch Dinge, die heute wenig wert sind, waren damals kostbar – zum Beispiel Pfefferkörner. Ein Sack Pfeffer könnte einem in Westeuropa schon viele Türen öffnen. Auch Edelmetalle wären natürlich hilfreich.
Ein Sack Pfeffer könnte einem in Westeuropa schon viele Türen öffnen.
Und als „geistiges Gepäck“ wären Sprachkenntnisse wichtig. Selbst das Deutsch des Mittelalters unterscheidet sich stark vom heutigen. In den großen Städten würde man mit den modernen Weltsprachen wie Englisch nicht weit kommen. Nützlich wären hingegen Sprachen wie Arabisch, Persisch, Griechisch oder Latein – also genau jene, die heute oft als tote Sprachen gelten, aber im Mittelalter sehr lebendig waren.
Gibt es bestimmte Verhaltensregeln, die man beachten sollte?
Preiser-Kapeller: Das ist vergleichbar mit Reisen heute. Man sollte nicht einfach drauflos fotografieren und in Tempel und Moscheen stürmen, sondern sich zunächst umsehen und beobachten, wie die Menschen miteinander umgehen, welche Gestik und Mimik üblich ist. Wenn man sich anpasst und zurückhaltend agiert, wird man weniger anecken. Wichtig zu wissen ist: Das Mittelalter war nicht so grau und düster, wie es oft in Filmen dargestellt wird. Es war bunt, lebendig und auch unterhaltsam. Wenn man das im Hinterkopf behält, ist schon viel gewonnen.
Auf einen Blick
Johannes Preiser-Kapeller leitet den Forschungsbereich "Byzanz im Kontext" am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW und lehrt Byzantinistik und Globalgeschichte an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die religiösen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Vernetzungen innerhalb der Welt des Mittelalters.
Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit
