„Globale Fairness gehört ins Zentrum jeder Pandemie-Vorsorge“
28.05.2025
Die Corona-Pandemie hat die Welt unvorbereitet getroffen. Es kam zu Lieferengpässen, einer ungleichen Verteilung von Impfstoffen und überforderten Gesundheitssystemen. Nun ziehen die Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Konsequenzen. In Genf wurde ein neues Pandemieabkommen beschlossen – ein historischer Vertrag, der eine gerechtere und schnellere Reaktion auf künftige Gesundheitskrisen ermöglichen soll.
Welche Lehren aus der Corona-Pandemie, in den Vertrag eingeflossen sind, und wie tragfähig diese Vereinbarung in der Praxis ist, darüber spricht Andreas Bergthaler von der Medizinischen Universität Wien und vom CeMM – Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Erstmals internationales Abkommen
Herr Bergthaler, was ist aus Ihrer Sicht das wichtigste neue Instrument, das das geplante Pandemieabkommen einführen soll?
Andreas Bergthaler: Zum ersten Mal gibt es einen internationalen Vertrag, der als Richtschnur dient, wie im Fall einer zukünftigen globalen Gesundheitskrise zu handeln ist – etwa vergleichbar mit der Covid-19-Pandemie. Es ist ein wichtiger Schritt, weil damit anerkannt wird, dass solche Ereignisse globaler Natur sind. Viren halten sich nicht an nationale Grenzen, und deshalb braucht es einen gemeinsamen, international abgestimmten Umgang – trotz unterschiedlicher Interessen.
Pandemien sind per Definition globale Ereignisse – und ihnen sollte man auch global begegnen.
Was sind zentrale Lehren aus der Corona-Pandemie, die in den Vertrag eingeflossen sind – und wo sehen Sie Defizite?
Bergthaler: Ein zentrales Thema ist der verbesserte Informationsaustausch: von genetischen Sequenzen von Erregern bis hin zu Daten über klinische Verläufe. Es geht aber auch um stärkere und resilientere Lieferketten – man erinnere sich an die Knappheit von Masken oder Impfstoffen. Während in Europa bereits 60 bis70 Prozent der Bevölkerung geimpft waren, lagen die Raten in Teilen Afrikas noch im einstelligen Bereich. Ein weiteres wichtiges Feld ist der Technologietransfer: Wenn ein wirksamer Impfstoff oder ein Medikament existiert, stellt sich die Frage, wie man das möglichst rasch global verfügbar macht – auch für Länder, die nicht selbst produzieren können. Der Vertrag soll hier Möglichkeiten aufzeigen, wie eine lokale Herstellung unterstützt werden kann.
Gesundheit aller Lebewesen im Fokus
Ein wichtiger Baustein ist auch das sogenannte „Pathogen Access and Benefit Sharing System“ (PABS). Was ist darunter zu verstehen?
Bergthaler: Im Kern geht es darum, globale Überwachungssysteme zu stärken: Welche Erreger könnten potenziell gefährlich werden? Das Prinzip kennen wir bereits von der jährlichen Grippeimpfung, bei der Labore weltweit – etwa in Asien oder Australien – Proben analysieren, um die künftige Zusammensetzung des Impfstoffs zu bestimmen. Neu ist die Idee, dies auf andere Krankheitserreger auszuweiten, inklusive der genetischen Sequenzierung. Dabei spielt etwa die Beobachtung zoonotischer Ereignisse eine Rolle – also Fälle, bei denen Erreger von Tieren auf den Menschen übergehen. Viele dieser Ereignisse bleiben lokal begrenzt, aber manche können durch neue Mutationen übertragbar werden. Auch Abwassersurveillance, so wie wir sie durchführen, ist in diesem Zusammenhang relevant. Entscheidend ist: Wenn man solche Daten frühzeitig und global teilt, kann man deutlich effektiver reagieren.
Entscheidend ist: Wenn man Daten frühzeitig und global teilt, kann man deutlich effektiver reagieren.
Der Vertrag hebt auch den „One Health“-Ansatz hervor. Wie schätzen Sie dessen Bedeutung ein?
Bergthaler: „One Health“ ist kein neuer Begriff, inzwischen spricht man auch von „Planetary Health“. Gemeint ist ein ganzheitlicher Blick auf Gesundheit, der den Menschen, Tiere und die Umwelt gemeinsam in den Fokus rückt. Viele Infektionskrankheiten haben ihren Ursprung im Tierreich. Wenn wir etwa durch Abholzung oder Lebensraumzerstörung vermehrt in Kontakt mit Wildtieren kommen, steigt das Risiko für neue Zoonosen. Der One-Health-Ansatz macht deutlich: Gesundheit ist keine rein menschliche Angelegenheit. Es geht um Wechselwirkungen, die wir verstehen und berücksichtigen müssen – auch im Sinne der Umwelt und des Tierwohls.
WHO spricht nur Empfehlungen aus
Es gibt den Vorwurf, das neue Pandemieabkommen greife zu stark in nationale Souveränität ein. Wird da bewusst missverstanden?
Bergthaler: Es gibt da unterschiedliche politische Narrative. Soweit ich das überblicke – ich bin kein Jurist – geht es im Abkommen primär um Empfehlungen und Rahmenbedingungen, nicht um bindende Eingriffe in nationale Hoheitsrechte. Diese Souveränität wird mehrfach betont. Die WHO kann keine Zwangsmaßnahmen verhängen, sondern spricht Empfehlungen aus. Im Idealfall geschieht das international koordiniert – denn, wie wir erlebt haben: Ein Virus mag nicht in Österreich entstehen, kann aber dennoch hier ankommen und weitergegeben werden. Das zeigt, wie wichtig abgestimmtes Handeln ist.
Die WHO kann keine Zwangsmaßnahmen verhängen, sondern spricht Empfehlungen aus.
Mit dem Wissen von heute: Was lief Ihrer Einschätzung nach in den Reaktionen auf die Corona-Pandemie gut, was nicht?
Bergthaler: Was die wissenschaftliche Zusammenarbeit betrifft, ist vieles beeindruckend schnell gelaufen: Die ersten Virus-Sequenzen aus China wurden innerhalb weniger Tage weltweit geteilt. Forscher:innen konnten mit diesen Daten sofort weiterarbeiten, obwohl sie das Virus selbst noch gar nicht isoliert hatten. Auch die Entwicklung von Impfstoffen innerhalb eines Jahres war bemerkenswert – das ist ein großer Erfolg der internationalen Wissenschaft. Neue Technologien haben das möglich gemacht, ebenso wie eine bisher beispiellose Koordination im Bereich der Virusüberwachung und Sequenzierung.
Weniger klar zu bewerten sind die politischen Reaktionen: Welche Maßnahmen waren wie wirksam? Ländervergleiche – Stichwort Schweden – sind zwar naheliegend, aber methodisch oft schwierig – unterschiedliche Bevölkerungsstrukturen, kulturelle Kontexte und politische Systeme machen direkte Vergleiche problematisch.
Was meines Erachtens stark unterschätzt wurde, ist die gesellschaftliche Dynamik. Die Pandemie hat zu Polarisierungen geführt, zu Vertrauensverlust in Wissenschaft und Politik. Kommunikation wurde zur Herausforderung – oft hat man nicht mehr miteinander gesprochen, sondern aneinander vorbei. Diese Spaltung wirkt bis heute nach und wird weiter politisch genutzt.
Weniger Spaltung, mehr globale Gerechtigkeit
Kann das Pandemieabkommen auch in dieser Hinsicht helfen – etwa durch bessere Kommunikation und mehr Transparenz?
Bergthaler: Ja, ich denke schon. Je klarer und verständlicher kommuniziert wird, je besser erklärt wird, warum welche Maßnahmen notwendig sind, desto größer ist auch die Bereitschaft, mitzugehen. Transparenz ist zentral – und das gilt auch für uns in Österreich. Andere Länder haben hier bessere Standards. Bei uns musste man etwa auf Pandemiegesetze aus der Zeit Kaiser Franz Josefs zurückgreifen. Dass es nun ein internationales Regelwerk gibt, mit dem man im nächsten Ernstfall arbeiten kann – auch wenn es primär Empfehlungen enthält – ist deshalb ein Fortschritt.
Noch ein Gedanke zur globalen Gerechtigkeit: Pandemien sind per Definition globale Ereignisse – und ihnen sollte man auch global begegnen. Oft wird aus einer eurozentrischen Perspektive argumentiert, aber wir sind nur ein Teil dieser Welt. Das Pandemieabkommen versucht, diese Ungleichgewichte zumindest teilweise auszugleichen – etwa beim Zugang zu Impfstoffen oder beim Technologietransfer.
Auf einen Blick
Andreas Bergthaler ist Adjunct Forschungsgruppenleiter am CeMM - Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professor für Molekulare Immunologie an der MedUni Wien. Er studierte an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Seine Forschungsarbeit im Bereich von Virologie und Immunologie führte ihn u.a. an die Universität Zürich, die Universität Genf und das Institute for Systems Biology in Seattle. Im Rahmen eines FWF Exzellenzclusters und weiteren Projekten untersucht seine Gruppe im Abwasser enthaltene Viren und Mikroben. Darüber hinaus erforscht er mit seinem internationalen Team Immunstystem und Stoffwechselveränderungen bei Virusinfektionen.

