Soziologie bioethischer Expertise. Bioethikkommissionen und Bürgerbeteiligung: Neue Politikberatungsformen zu moralischen Grundsatzfragen in Österreich und Europa

Gerade im Bereich politischer Entscheidungen, die sich auf biowissenschaftliche Forschungs­perspektiven und neue biomedizinische Anwendungen beziehen, kommt wissenschaftlicher Beratung und öffentlicher Beteiligung eine wachsende Bedeutung zu.

Komplexität und Kontroversialität der Biotechnologie führt zur Etablierung von neuen Politikberatungsformen: Ethikkommissionen und partizipative Verfahren treten an die Stelle traditioneller Interessenvertretung. Der kommunikative Produktionsprozess von bioethischer Expertise und deren (latente) Funktionen für politisches Entscheiden sind von der Soziologie bislang nicht befriedigend untersucht worden. Meine Fragestellung setzt hier in mehrfacher Hinsicht an:

  • Verhältnis von „Arguing“ und „Bargaining“: Auf welche Weise kommen die jeweiligen Stellungnahmen und Empfehlungen in den Ethikkommissionen und Laienpanels zustande? Wie sehen die Prozesse der Verhandlung, Abstimmung und Meinungsbildung in den Gremien und Foren aus?
  • Verhältnis von „Wissen“ und „Werten“: Welche unterschiedlichen Wissensformen und Rationalitäten spielen in den Gremien eine Rolle? In welchem Verhältnis stehen hier insbesondere das medizinische und biologische Sachstandswissen einerseits und ethische Expertise und normative Bewertung andererseits?
  • Verhältnis von Kommissionsethik und anderen Expertise-Formen: Was bedeutet die Institutionalisierung von Ethik für alternative Beratungsformen, die ebenfalls über kontroverse Aspekte von Biomedizin und Humangenetik befinden? Was bedeutet der Boom der Bioethikkommissionen für traditionelle Formen von Technikbewertung wie z.B. die Technikfolgenabschätzung?
  • Verhältnis von Expertise und Politik: Was bedeutet die Institutionalisierung von Öffentlichkeitspartizipation und „Kommissionsethik“ für die Frage der Legitimation politischer Entscheidungen? Welche Folgen ergeben sich für die Politik, wenn sich im Expertenvotum allenfalls divergierende Stellungnahmen dokumentieren? Welche Implikationen hat bioethische Politikberatung für gängige Interpretationen des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik („Expertokratie“)?

Im Rahmen von zwölf Fallstudien wird in diesem Forschungsvorhaben die institutionalisierte Politikberatung im Bereich der Bioethik in fünf europäischen Ländern untersucht (Österreich, Schweiz, Deutschland, Großbritannien und Frankreich).

In theoretischer Hinsicht zielt dies darauf, eine gesellschaftstheoretisch informierte und empirisch fundierte Soziologie der Ethik und Moral voran zu bringen, die Anschluss findet an gegenwärtige Entwicklungen sozialwissenschaftlicher Expertiseforschung. Thematisch bezieht sich die Analyse auf aktuell kontroverse Bereiche wie die Gendiagnostik, die Stammzellforschung und das Klonen. Methodisch basiert das Projekt auf ausführlichen Experteninterviews, teilnehmender Beobachtung sowie der Inhaltsanalyse relevanter Materialien und Dokumente. Dabei werden Fälle bioethischer Politikberatung durch staatlich initiierte und geförderte Kommissionen in verschiedenen Institutionalisierungsformen (nationale Ethikräte, Enquete-Kommissionen) ebenso einbezogen wie neue Formen der Öffentlichkeitsbeteiligung (Konsensus- bzw. Bürgerkonferenzen). Dies geschieht in Form eines internationalen Vergleichs.

Aus diesem europäischen Ländervergleich sind wesentliche Ergebnisse zur Frage der Legitimation politischer Entscheidungen und der Funktionalität von Öffentlichkeitsbeteiligung und Expertise im Kontext der durch den biowissenschaftlichen Fortschritt induzierten Kontroversen zu erwarten.

Publikationen

  • How to manage technology controversies? ITA-Dossier no. 2en (Jänner 2013; Autor: Alexander Bogner). / Bogner, Alexander.
    2 S. Wien. 2013. (ITA-Dossiers).

    -> In the past, politics faced problems with controversies over technologies such as nuclear energy or, later on, biotechnology.-> Technology controversies usually do not follow the traditional political logic of ‘left’ and ‘right’. They often arise over the acceptability of risks or over ethical concerns raised by technological innovation.-> Currently, controversies over new technologies take place not so much in the public but amongst expert panels and scientific communities. Nanotechnology or biomedicine are relevant examples.-> To ‘democratise’ the way we deal with new technologies, politics should provide appropriate deliberation and public dialogue formats.

  • Technikkonflikte managen – aber wie? ITA-Dossier Nr. 2 (Jänner 2013; Autor: Alexander Bogner). / Bogner, Alexander.
    2 S. Wien. 2013. (ITA-Dossiers).

    ->Technikkonflikte haben die Politik in der Vergangenheit vor große Probleme gestellt, man denke nur an die Auseinandersetzungen um die Kernkraft oder, etwas später, um die grüne Gentechnik.-> Technikkonflikte spielen sich oft jenseits der gewohnten politischen Koordinaten von „links“ und „rechts“ ab. Oft wird um die Akzeptanz von Risiken gestritten oder aber um die moralische Vertretbarkeit von Forschung und Technik.-> Aktuelle Technikkonflikte spielen sich weniger in der Öffentlichkeit oder in den Parlamenten ab, sondern vielmehr in Expertengremien und Forschungskreisen. Beispiele sind die Nanotechnologie oder die Biomedizin.->Die Politik sollte im Sinne einer „Demokratisierung“ von Technikfragen dafür Sorge tragen, mittels geeigneter Beteiligungs- und Deliberationsformate die Debatte über (zukünftige) Technologien öffentlich zu führen.

  • Die Ethisierung von Technikkonflikten – Studien zum Geltungswandel des Dissenses. / Bogner, A.
    Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2011. 326 S.

    Kurzfassung als PDF (v. Verlags-Homepage)Ausführliche Informationen (PDF)

  • Partizipative Modellierung – Beteiligungsexperimente in der sozialökologischen Forschung. / Bogner, A.; Gaube, V.; Smetschka, B.
    in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Jahrgang 36 (2), 27.05.2011, S. 74-97.

    Folgt man aktuellen soziologischen Diagnosen, so lässt sich heute in verschiedenen Gesellschaftsbereichen eine Aufwertung des Partizipationsgedankens konstatieren. Im Umweltbereich kommt es dabei, so unsere These, zu einer Experimentalisierung von Partizipation. Das heißt, neben traditionelle und zuweilen protestförmige Teilhabeforderungen ökologisch bewegter BürgerInnen treten neue Beteiligungsformate, die sich oft der Initiative seitens der Wissenschaft verdanken. Solche Beteiligungsexperimente werden in der sozialökologischen Forschung genutzt, um konkrete Lösungen im Bereich nachhaltiger Entwicklung zu konzipieren und umsetzbar zu machen. Unsere empirische Analyse zeigt, dass die mit Partizipation erwarteten Rationalitätsgewinne am Ehesten in solchen Kontexten zu erwarten sind, in denen Eigeninteresse, lebensweltliche Betroffenheit und ein Spezialwissen der Beteiligten vorausgesetzt werden können.

  • Die "Gen-Medizin" als Beratungsmedizin. / Bogner, A.
    in: Krebshilfe, Nr. Heft 6/2010, 12.12.2010, S. XV-XVI.
  • How Politics Deals with Expert Dissent: The Case of Ethics Councils. / Bogner, A.; Menz, W.
    in: Science Technology and Human Values, Nr. 35/6 – November 2010, 15.11.2010, S. 888-914.

    Over recent years, science and technology have been reassessed increasingly in ethical terms. Particularly for life science governance, ethics has become the dominant discourse. In the course of this ‘‘ethical turn’’ national ethics councils were set up throughout Europe and in the United States to advice politics in ethically controversial issues such as stem cell research and genetic testing. Ethics experts have become subject to traditional warnings against expertocracy: they are suspected to unduly influence political decision-making. However, any reliable ethics expertise has to reflect societal disagreements in moral issues. Therefore, expert dissent is a normal feature of legitimate ethics expertise. Based on theoretical considerations we argue that in principle, expert dissent does not cause problems for political legitimacy; rather, it enhances the salience of politics: obviously decisions on ethical issues cannot be taken on the basis of expert knowledge alone. We therefore conclude that expert dissent, not consent, supports politics. Focussing on Germany and Austria, we show how politics deal with expert dissent in practice. While in Germany politics acknowledge dissent and use it to foster a fundamental political debate, Austrian politics attribute authoritative power to ethics expertise and try to construct an overall consensus. This illustrates how the drawing of boundaries between politic and expertise differs.

  • Die Kultivierung des Dissenses – Ethik als Governance-Semantik in Technikkontroversen. / Bogner, A.; Aichholzer, G. (Herausgeber:in); Bora, A. (Herausgeber:in) et al.
    Technology Governance – Der Beitrag der Technikfolgenabschätzung. Berlin: Edition Sigma, 2010. S. 175-186.
  • Soziologie bioethischer Expertise: Neue Politikberatungsformen zu moralischen Grundsatzfragen in Österreich und Europa. APART-Endbericht an die Österreichische Akademie der Wissenschaften. / Bogner, A.
    2010.
  • Konfliktlösung durch Dissens? Bioethikkommissionen als Instrument der Bearbeitung von Wertkonflikten. / Bogner, A.; Menz, W.; Feindt, P. (Herausgeber:in) et al.
    Umwelt- und Technikkonflikte. Wiesbaden: VS Verlag fur Sozialwissenschaften, 2010. S. 335-353.
  • Partizipation als Laborexperiment – Paradoxien der Laiendeliberation in Technikfragen. / Bogner, A.
    in: Zeitschrift fur Soziologie, Nr. Vol. 39, Heft 2, 01.06.2010, S. 87-105.
  • Mikropolitik des Wissens. Macht und Geltung in interdisziplinären Gremien. / Bogner, A.; Bogner, A. (Herausgeber:in); Kastenhofer, K. (Herausgeber:in) et al.
    Inter- und Transdisziplinarität im Wandel? Neue Perspektiven auf problemorientierte Forschung und Politikberatung. Baden-Baden: Nomos, 2010. S. 205-228.
  • TA'10: Die Ethisierung der Technik - und ihre Bedeutung für die Technikfolgenabschätzung. / Bogner, A.
    in: ITA-Newsletter, Nr. Dezember 2009, 15.12.2009, S. 5.
  • Die Ethisierung von Wissenschaft und Technik. Studien zu Expertise, Partizipation und Politik. / Bogner, A.
    Wien: Universität Wien, 2009. 250 S.
  • Ethisierung und die Marginalisierung der Ethik. Zur Mikropolitik des Wissens in Ethikräten. / Bogner, A.
    in: Soziale Welt, Nr. 60/2, 15.09.2009, S. 119-137.
  • Die Ethisierung von Wissenschaft und Technik. / Bogner, A.
    in: ITA-Newsletter, Nr. September 2009, 15.09.2009, S. 2 ff.
  • Was heißt "Politisierung von Expertise"? / Bogner, A.
    in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP), Nr. 36, 10.09.2007, S. 319-335.
  • Auf dem Weg in die Räterepublik? / Bogner, A.
    in: APA-ZukunftWissen, Nr. 27.06.2007 [online], 27.06.2007.
  • Zwischen Expertendissens und Bastelkonsens. Zur politischen Verwertung von Ethikexpertise. / Bogner, A.
    in: Gegenworte, Nr. 10, 15.06.2007, S. 78-81.
  • Wem hilft die genetische Beratung? / Bogner, A.
    in: N/A, Nr. Dezember 2007, 15.06.2007, S. 9-10.
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Konferenzbeiträge/Vorträge

  • Wien

    Österreich als "Europameister der Technologieskepsis"?

    Bogner, A. (Speaker)

    14 Apr 2011

  • Bielefeld

    Laborpartizipation und ihre Grenzen

    Bogner, A. (Speaker)

    20 Jan 2011

  • TU Vienna

    Progress always involves risks

    Bogner, A. (Speaker)

    10 Nov 2010

  • Frankfurt am Main

    Ethikpolitik zwischen Transnationalisierung und Partikularisierung

    Bogner, A. (Speaker)

    12 Oct 2010

  • Wien

    Die Ethisierung von Wissenschaft und Technik

    Bogner, A. (Speaker)

    4 Oct 2010

  • Wien

    Talking ethics in technology controversies

    Bogner, A. (Speaker)

    11 Jun 2010

  • Wien

    Was heißt Ethisierung?

    Bogner, A. (Speaker)

    31 May 2010

  • Sacramento

    Technology Governance and Ethics

    Bogner, A. (Speaker)

    29 Jul 2009

  • Zürich

    Die Ethisierung von Wissenschaft und Technik

    Bogner, A. (Speaker)

    26 May 2009

  • Berlin

    Governance von Zukunftstechnologien zwischen Risikoforschung, Ethikräten und Beteiligungsverfahren

    Bogner, A. (Speaker), Kastenhofer, K. (Speaker) & Torgersen, H. (Speaker)

    22 May 2009

  • Berlin

    Zur Leistungsfähigkeit bürgernaher dialogischer Verfahren

    Bogner, A. (Speaker)

    5 Dec 2008

  • Rotterdam

    What does politicization of expertise mean?

    Bogner, A. (Speaker)

    21 Aug 2008

  • Rotterdam

    Risk Research between Scientific Research and Political Agency

    Kastenhofer, K. (Speaker) & Wehling, P. (Contributor)

    21 Aug 2008

  • Basel

    Ethik und Technik

    Bogner, A. (Speaker)

    13 Aug 2008

  • Budapest

    National bioethics committees as boundary organisations between global technoscience and local biopolitics

    Bogner, A. (Speaker) & Kastenhofer, K. (Speaker)

    27 Jun 2008

  • Augsburg

    Handeln trotz Wertedissens? - Formen und Funktionen bioethischen Unsicherheits-Managements

    Bogner, A. (Speaker)

    26 Jun 2008

  • Wien

    Biomedical research governance - Interaktionsdynamiken zwischen Entscheidern und Beratern im Kontext ethischer Regulierung

    Bogner, A. (Speaker)

    29 May 2008

  • Brüssel

    Debating the Risks and Ethics of Emerging Technologies

    Kastenhofer, K. (Speaker)

    6 May 2008

  • Berlin

    Die politische Verwertung von Expertise

    Bogner, A. (Speaker)

    9 May 2007

  • Exeter

    The epistemic culture of molecular biology and the unknown: A case study on expert advice within risk assessment of agrobiotechnology

    Kastenhofer, K. (Speaker)

    25 Jan 2007

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Laufzeit

12/2006 - 11/2009

Kontaktpersonen