Gerade einmal zwei Jahrzehnte relativen Friedens hatte Europa erlebt, als die Deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 Polens Grenze überschritt und das Land einer mehrjährigen grausamen Fremdherrschaft unterwarf. Gerade einmal zwei Jahrzehnte hatte die politische Ordnung Europas Bestand, die 1918 etabliert worden war. Und gerade einmal zwei Jahrzehnte hatte die Bevölkerung, um sich von den Grausamkeiten und Schrecken des Ersten Weltkrieges zu erholen. Wie aber ist dann erklärbar, dass die Länder und Völker Europas nur rund 20 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg erneut in eine Katastrophe stürzten, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte?
„Es war das nationalsozialistische Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg entfesselte“, hält Hans-Ulrich Thamer im Rahmen der von der ÖAW organisierten Veranstaltung „Hitlers Krieg“ zunächst unmissverständlich fest. Um zugleich aber zur Debatte zu stellen: „Aber war es tatsächlich nur Hitlers Krieg?“ Oder nicht auch der der Bevölkerung? Einerseits, wie der Historiker der Universität Münster ausführt, war die Kriegsbegeisterung der deutschen und österreichischen Bevölkerung nach den Erfahrungen und Erlebnissen des Ersten Weltkrieges schwach ausgeprägt. Andererseits zeigten nicht zuletzt die Ereignisse in Österreich nach dem Anschluss 1938, wie etwa Massen-Eintritte in die NSDAP oder die hohe Beteiligung von österreichischen Soldaten und Offizieren an Kriegsoperationen und Kriegsverbrechen der Wehrmacht, dass das NS-Regime mit Kriegsbeginn durchaus auf die Unterstützung aus der Bevölkerung zählen konnte.
Ausgrenzung und Begeisterung
Eine Diskrepanz, deren Überbrückung in erster Linie auf die Anstrengungen des NS-Regimes, weite Teile der Öffentlichkeit politisch auszugrenzen und sich im politischen Vorgehen generell zu radikalisieren, zurückzuführen ist. Zehntausende Menschen feierten am Wiener Heldenplatz den Anschluss Österreichs an NS-Deutschland. Selbst wenn die Volksabstimmung über den Anschluss eine geheime gewesen wäre, gibt ÖAW-Mitglied Arnold Suppan kritisch zu bedenken, „hätte die Mehrheit wohl für den Anschluss gestimmt.“
Es erscheint schwer nachvollziehbar, warum Hitler in der Bevölkerung diese Begeisterung entfachen konnte. Bekannt ist gewiss, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland und Österreich durch die forcierte Rüstungsindustrie drastisch sank. Bekannt ist ferner, dass jeder – mit welchen Mitteln auch immer realisierte – politische Erfolg Hitler erlaubte, sich zum nationalen Retter stilisieren und seine politische Agenda weiter radikalisieren zu können. Ins Netz gingen ihm dabei besonders Jugendliche, bei denen die Versprechen und radikalen Perspektiven der Nationalsozialisten verfingen. Bekannt ist aber auch, dass Hass und Feindbilder als wirksame politische Instrumente eingesetzt wurden, die die Massen erreichten und den Krieg als gerechtfertigt und notwendig erschienen ließen. Nur mit dem auf diese Weise erwirkten Rückhalt in der Bevölkerung konnten Hitler und das NS-Regime Millionen Soldaten in Bewegung setzen, eroberte Länder besetzt halten und den Krieg auf den gesamten europäischen Kontinent sowie Nordafrika ausweiten. Erst die Schlacht um Stalingrad, die auch unter den „österreichischen“ Divisionen Zehntausende Tote forderte, leitete einen Umschwung in der öffentlichen Meinung ein.
Machtpolitik im Westen und Osten
Dabei war es nicht nur Hitler-Deutschland, das im Krieg seine Machtchancen sah. Gerade Stalin erkannte in seinem Pakt mit Hitler, in dem die Aufteilung Polens geregelt wurde, die Chance, den sowjetischen Einfluss in Osteuropa auszuweiten, betont Norman M. Naimark, Historiker an der Stanford University. Diese Übereinkunft ist schon deswegen bemerkenswert, weil sie zwischen zwei verfeindeten Diktatoren, zwei fanatisierten Ideologien und zwei um Macht, Territorium und Einfluss konkurrierenden Staaten erzielt wurde.
Die Folgen dieser Übereinkunft hatte zuallererst Polen zu schultern. Nicht weniger als 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung Polens fand bis Ende des Krieges den Tod, wie Robert Traba, Direktor des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften, betont. Die Jahre der deutschen Herrschaft gelten in Polen bis heute als Jahre des Schreckens und des Terrors. Mit dem der Eroberung Polens folgenden Angriff NS-Deutschlands auf die UdSSR wurden darüber hinaus weitere Teile Osteuropas Schauplatz des „totalen Krieges“.
Verheerend
Indem der Krieg somit auf den ganzen Kontinent und Nordafrika ausgeweitet wurde, offenbarte der Nationalsozialismus weitere Aspekte seiner Radikalität. Spätestens jetzt musste für die Bevölkerung des Deutschen Reichs feststehen, sich mit der Unterstützung der radikalen Ideologie in die Dienste eines Kriegstreibers begeben zu haben. Die Folgen waren verheerend, statt versprochenen Perspektiven und Chancen zeigte sich überall Zerstörung. „Es blieb nichts für die kommenden Generationen“, fasst Suppan zusammen.
Immerhin blieb diese Erkenntnis nicht ohne Folgen. „Man hätte bereits aus dem Ersten Weltkrieg vieles lernen müssen“, betont Bundespräsident Heinz Fischer, um hinzuzufügen: „Das Glück ist, dass der Zweite Weltkrieg vielen die Augen geöffnet hat.“ Die Neugestaltung und Einigung zunächst Westeuropas gelang jenen Politikern, die die Schrecken des Zweiten Weltkrieges miterlebt hatten.
In der Erforschung des Zweiten Weltkrieges zeigt die Überwindung nationaler Räume und Perspektiven indes bis in die Gegenwart enormes Entwicklungspotenzial. Denn wo Beurteilungen der Ereignisse bisher vielfach in ihre nationalen Kontexte eingebettet waren, ergibt sich dank des zusammenwachsenden Europas die Chance, auch „eine gemeinsame, dialogische Erinnerung zu entwickeln“, wie Traba betont. Und damit 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges die gewaltsame Überschreitung der polnischen Grenze zumindest als Ausgangspunkt für die Realisierung einer friedlicheren Zukunft zu nutzen.
Neu im Verlag der ÖAW:
Arnold Suppan: Hitler - Beneš - Tito
Konflikt, Krieg und Völkermord in Ostmittel- und Südosteuropa
