Ein Blick in die prähistorische Psyche
30.10.2015
Mit Fanny wurde alles anders. Als die mit über 30.000 Jahren älteste Österreicherin 1988 das Licht der Welt wieder erblickte, sorgte sie auf Anhieb für ein enormes Interesse. Denn Fanny, eine beim niederösterreichischen Galgenberg geborgene altsteinzeitliche Statuette, gilt nicht nur aufgrund ihres Alters als einzigartiges Fundstück. Mit ihrer ungewöhnlichen Gestalt gewährte die „Venus vom Galgenberg“ der Archäologie auch Einblicke in ein bis dahin weitgehend ignoriertes Forschungsfeld: den Schamanismus. Anlässlich der Präsentation des österreichischen Kriminalromans „Im Namen der Venus“ von Natalie Mesenski, in dem Fanny eine Hauptrolle spielt, schilderte Christine Neugebauer-Maresch, Prähistorikerin am ÖAW-Institut für Orientalische und Europäische Archäologie, wie es der Archäologie auch dank Fanny gelang, in die Geisteswelt und Psyche der prähistorischen Menschen vorzudringen.
Distanz und Nähe
„Im Jahr der Auffindung der Statuette war es nicht üblich, Schamanismus ernsthaft in der Archäologie zu diskutieren“, erinnert sich Neugebauer-Maresch im Gespräch. Um sich von kaum nachweisbaren und gelegentlich obskuren Thesen abzugrenzen, gingen viele Prähistoriker/innen auf Distanz zu Erklärungen und Interpretationen zur Psyche unserer altsteinzeitlichen Vorfahren.
Eine Distanz, die bis in die Gegenwart festzustellen ist. Und doch genießt die archäologische Beschäftigung speziell mit dem Schamanismus, als einer expliziten Äußerungsform der prähistorischen Geisteswelt, einen anderen Stellenwert als vor knapp drei Jahrzehnten. Mitverantwortlich dafür ist eben: Fanny.
„Die Figur zählt zu den ältesten Darstellungen, die mit dem Schamanismus in Zusammenhang gebracht werden können“, führt Neugebauer-Maresch weiter aus. Dies beziehe sich vor allem auf die tänzerische Körperhaltung der Figur, die in ähnlicher Weise aus anderen Darstellungen früher Kulturen bekannt ist – und deren Einnahme Tranceforscher/innen zufolge etwa bei Hirnstrommessungen ungewöhnliche Messwerte zur Folge haben.
Rasseln und Trommeln
Vor dem Hintergrund der voranschreitenden, von Ethnologie und Anthropologie gestützten Anerkennung des Schamanismus als einem globalen Phänomen konnte sich die Archäologie dank Funden wie Fanny den Nachweisen und der Verbreitung dieses prähistorischen Phänomens widmen. Nicht zuletzt Instrumente der Trance, etwa Trommelschlägel oder Rasseln, sowie andere spezifische kultische Grabbeigaben halfen darüber hinaus, auch die Rolle von Schaman/inn/en in diesen Kulturen näher auszuloten. Zwar scheint die Entscheidung, Schamane zu werden, nicht immer freiwillig erfolgt zu sein, als Mittler in eine Anderswelt nahmen sie aber in der Geisteswelt ihrer prähistorischen Mitmenschen einen wichtigen Platz ein.
Eine weitere Erkenntnis aus diesen archäologischen Forschungen auf dem Gebiet des Schamanismus ist besonders bemerkenswert, wie Neugebauer-Maresch betont: Die Tatsache, dass Schamanismus bereits in der Altsteinzeit verbreitet war, „sollte uns vor allem daran erinnern, dass nicht nur das physische Erscheinungsbild des Menschen mit dem heutigen praktisch ident war. Sondern, dass auch die geistige Welt bereits einen hohen Entwicklungsgrad erreicht hatte.“ Vollständig wird das geistige Innenleben des prähistorischen Menschen zwar nie erfassbar sein, dennoch könnten die Wissenschaften durchaus noch so manche Überraschungen dazu zutage fördern.