Keynotes


Maja Povrzanović Frykman

Learning from academia? Reflections on postmigration as an analytical perspective

The concept of postmigration recognizes the significant role of migration within society and aims to challenge the ideas of otherness and the resulting inequalities. It is used in academic, artistic, and political contexts to describe a variety of conditions, practices, and perspectives. This keynote talk focuses on postmigration as an analytical perspective, highlighting the need for empirical research to refine it. The talk will discuss the findings of the interdisciplinary team in the project “Academia and cultural production as postmigrant fields in Sweden" (2021-24, https://postmigrantfields8.wordpress.com) on the tensions, contestations, and alliances in academia. The research aimed to understand how migration status, both actual and ascribed, affected the professional recognition of professors and tenured researchers who migrated to Sweden as adults, as well as those who were born in the country to two migrant parents. The study shifted the focus from migration to relationships, and we therefore interviewed persons identified as allies - established insiders, most of them born to Swedish parents, whose support was crucial for the primary interviewees’ professional establishment. The talk will discuss the broader implications of postmigration as an analytical perspective, including questions about the use of categories and selection of participants, the scope of qualitative approaches, and the epistemological challenges of making claims about society at large.

Maja Povrzanović Frykman ist Professorin für Ethnologie und Koordinatorin der Doktorandenausbildung am Fachbereich für globale politische Studien der Universität Malmö. Als Forscherin zu migrationsbezogenen Erfahrungen und Praktiken ist sie mit dem Malmö Institute for Studies of Migration, Diversity and Welfare affiliiert. Sie koordiniert das Projekt "Academia and cultural production as postmigrant fields in Sweden” (Wissenschaft und kulturelle Produktion als postmigrantische Felder in Schweden), das die Grundlage für ihre Keynote auf der Konferenz bilden wird.

Vassilis S. Tsianos

Zur Verwundbarkeit der postmigrantischen Gesellschaft

Der israelisch palästinensische Konflikt konfrontiert die normativen Grundlagen der postmigrantischen Gesellschaft, ihr Vermögen, die Konflikte der Mehrfachzugehörigkeit und Mehrfachdiskriminierung inklusiv zu gestalten. Die aktuellen Konflikte bringen disparate erinnerungspolitisch gestützte Betroffenheiten akut zum Vorschein. Es entstehen Betroffenheiten, die den ethischen Anspruch auf Empathie und Versöhnung mit einer Politik der Feindschaft kompensieren. Die postmigrantische Gesellschaft ist verwundet, weil jüdisches Leben in Deutschland wieder in Gefahr ist. Sie ist aber auch verwundet, wenn eine Grundrechtseinschränkung in Form selektiver Versammlungsverbote und die Androhung einer Rücknahme der deutschen Staatsangehörigkeit normalisiert werden. Mir scheint, dass vor unseren Augen eine erinnerungspolitische Pädagogik der Grausamkeit entsteht – wenn „Tränen ohne Trauer“ vergossen werden, wenn einer Kontextualisierung von Gewaltverhältnissen der Vorwurf gemacht wird, dass sie Gewaltereignisse relativiere und legitimiere. Eine institutionalisierte Kultur des Verdachts gegenüber dem unpassenden Affekt des oder der anderen sprengt die zarte Naht jeder multidirektionalen Erinnerung; sie separiert die Räume der Trauer, verunmöglicht es, den Schmerz des anderen zu begreifen, hierarchisiert die Opfer und trennt den Kampf gegen Antisemitismus vom Kampf gegen Rassismus. Statt sie zu bekämpfen, stärkt sie die Feinde der postmigrantischen Gesellschaft.

Prof. Dr. phil. Vassilis S. Tsianos unterrichtet Soziologie an der Fachhochschule Kiel. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die Soziologie der postmigrantischen Gesellschaft, sozialwissenschaftliche Rassismusforschung sowie die Biometrisierung der europäischen Grenze. Vassilis Tsianos ist Vorstandsvorsitzender des Rates für Migration und Mitglied der Expertenkommission „Agency for Fundamental Rights“ (FRA) der Europäischen Union. Aktuell arbeitet er an einem Lehrbuch Rassismus in gesellschaftlichen Strukturen und Lebenswelten für den Kohlhammer Verlag, in dem im Anschluss an den Critical Race Studies institutionalisierte Formen des Rassismus in der postmigrantischen Gesellschaft analysiert werden.