Mon, 03. November 2025 | Category Porträt

David Ditlbacher - vom Gedenkdienst in Paris zu urbanen Räumen in Wien

David Ditlbacher ist seit 2022 Geförderter der Österreichischen Studienstiftung und gehört somit zur dritten Generation der Geförderten. Er studiert Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften im jeweils vierten Semester an der Universität Wien und engagiert sich aktiv in der Studienvertretung Volkswirtschaftslehre.

Sein Interesse für urbane Räume wurde durch seinen zehnmonatigen Gedenkdienst in Paris geweckt und im Rahmen unseres Seminars zu „Megacities“ weiter vertieft. Im Sommer absolvierte er ein vierwöchiges Volontariat am Institut für Stadt- und Regionalforschung (ISR) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, wo er am Projekt „Erdgeschosszonen“ mitarbeitete. Sein Antrieb war die Neugier, den Forschungsalltag kennenzulernen und selbst erste Schritte in der Wissenschaft zu machen.

Im Juli 2025 begann ich mein Volontariat am Institut für Stadt- und Regionalforschung (ISR). Als fachfremder VWL-Student unter vielen Geograph*innen und Sozialforscher*innen arbeitete ich mich zuerst in die Thematik und Methodik des Projekts ein. Da ich mich schon im Politikwissenschaftsstudium und beim Seminar „Megacities“ damit beschäftigt habe, wie sozialwissenschaftliche Forschung entsteht, wurde ich damit schnell vertraut. Der Unterschied diesmal: Ich kann selbst Teil dieses Prozesses sein.

Ich wurde in das Projekt Erdgeschosszonen eingebunden. Seit 2016 untersucht das ISR unter der Leitung von Robert Musil, wie die Erdgeschosse im 7. Wiener Gemeindebezirk genutzt werden. Ziel ist es, herauszufinden, wie sich lokale Entwicklungen ebenso wie globale Megatrends – etwa den Einfluss des Online-Handels – auf die Fußgängerzonen auswirken. Langfristig soll mithilfe von KI eine Analyse von ganz Wien möglich sein, um Dynamiken in unterschiedlichen Stadtgebieten zu erkennen und besser zu verstehen.

Während meiner vier Wochen drehte sich alles um das Siebensternviertel – ein Gebiet mit ruhigen, geschlossenen Grätzln wie dem Spittelberg einerseits und der stark frequentierten Mariahilfer Straße andererseits. Aktuell prägt der Bau der U2-Verlängerung zur Station Neubaugasse und der einhergehende Veränderungsprozess das Viertel, indem ich eine Woche unterwegs war, um Entwicklung der Erdgeschosszonennutzung im Vergleich zum Vorjahr zu erheben.

Trotz des kurzen Zeitraums tat sich beachtlich viel. Mithilfe der Statistiksoftware R erstellte ich verschiedene Visualisierungen, um die Veränderungen sichtbar und interpretierbar zu machen. Dabei fiel mir auf, dass sich besonders am Spittelberg und überraschenderweise auch in der baustellengeprägten Kirchengasse viel Veränderung abspielte. Sichtbare Dynamik gibt es auch beim Leerstand, der sich zu Gunsten der Gastronomie und des Einzelhandels netto um circa 5% verringerte.

Ausgerüstet mit diesen Beobachtungen führte ich zwei halbstrukturierte Interviews, um meine Daten mit qualitativer Expertise zu ergänzen und ein besseres Verständnis für die vorangehenden Veränderungsprozesse zu bekommen. Eine Unternehmerin aus der Kirchengasse berichtete von Herausforderungen durch den Baustellenbetrieb und Rückgang der Laufkundschaft. Im Gespräch mit dem Ombudsmann des 7. Bezirks lernte ich, wie Umgestaltungsprozesse verlaufen, wer involviert ist – und welche Details oft verhindern, dass leerstehende Flächen rasch wieder genutzt werden. Beide Interviews halfen mir statistische Entdeckungen einzuordnen und beleuchteten Aspekte, die man nur durch einen mixed-methods-Ansatz gewinnen konnte.

Besonders bereichernd war für mich, eigenverantwortlich einen Teil des Forschungsprojekts zu bearbeiten und dabei zu erleben, wie sich aus Datenerhebungen neue Fragen entwickeln – und wie man passende Methoden zur Beantwortung dieser Fragen auswählt. Durch den Arbeitsalltag im Büro des Institutsleiters erhielt ich zudem viele Eindrücke, wie wissenschaftliche Projekte organisiert und koordiniert werden. Nicht zuletzt waren es die Gespräche zwischendurch über Neuheiten der Stadtentwicklung und ihrer Hintergründe, die das Volontariat zu einer wertvollen Erfahrung gemacht haben.

Fotos (Credits: David Ditlbacher) & Grafik (Credits: David Ditlbacher & ISR)