Ein Praktikum am ACDH-CH
Stellt man während des Studiums die Frage „Was mach ich dann eigentlich damit?“, findet sich unter den Antworten meistens ein „-…und du könntest natürlich auch in die Forschung gehen…“. Was genau es bedeutet, in der Forschung zu arbeiten, wird aber selten erklärt; für gewöhnlich wird angenommen, die ominöse Phrase sei ohnehin selbsterklärend. Abgesehen vom Antworten-auf-Fragen-finden-und-Fragen-auf-Antworten-finden, wusste ich jedenfalls nicht, wie ich mir die Arbeit an einem Forschungsinstitut vorstellen darf, und wollte mir selbst ein Bild davon machen. Daher habe ich mich für ein Volontariat am ACDH-CH, dem „Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage“ beworben und durfte dort einen Monat lang als Praktikantin mitwirken. -Kasija
Dank des Angebots der Österreichischen Studienstiftung, Volontariate an den Instituten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu absolvieren, landete ich im Februar 2024 beim ACDH-CH – und damit in einer mir völlig neuen Welt. Linguistik, Digital Humanities und Cultural Heritage waren für mich bis dahin weitgehend unbekanntes Terrain. Doch genau das machte den Reiz aus: die Chance, in ein faszinierendes Forschungsfeld einzutauchen. -Leandra
Bei den Digital Humanities handelt es sich um ein interdisziplinär ausgerichtetes Fach, das sich der Nutzung und Erforschung computergestützter Verfahren und digitaler Ressourcen in den Geistes- und Kulturwissenschaften bedient. Daher durfte ich im Rahmen des Volontariats verschiedene Online-Tools kennenlernen, die das Sammeln, Präsentieren oder Ordnen wissenschaftlicher Daten erleichtern und so meiner digitalen Talentfreiheit etwas entgegenwirken. Einige der Forschenden erklärten, dass sie selbst ursprünglich aus keinem technologischen Bereich kommen und sich ihr Wissen rund um digitale Ressourcen über die Jahre selbst angeeignet haben. Das gab mir Hoffnung mein eigenes Know-How auf mehr als nur Microsoft Office und das Ein- und Ausschalten meines Laptops auch selbstständig ausweiten zu können. -Kasija
Das ABC der Dialekte: Eine Zeitreise durch unsere Sprache
Mein Hauptprojekt wurde das "ABC der Dialekte" – ein innovatives Citizen Science Projekt unter der Leitung von Dr. Amelie Dorn, das alte Dialektwörter wieder zum Leben erweckt. Hier können Interessierte historische Handzettel aus dem "Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich" (WBÖ) digital erforschen und transkribieren. Die Besonderheit: Jeder kann über die Plattform Zooniverse mitmachen und so zum Erhalt unseres sprachlichen und kulturellen Erbes beitragen (https://www.zooniverse.org/projects/de/dschopper/the-abcs-of-dialect). Meine Arbeit begann mit dem Erkunden der Zooniverse-Plattform, wo ich lernte, Handzettel zu transkribieren und wichtige linguistische Informationen zu identifizieren. Besonders interessant war dabei die Frage, wie sich die Bedeutung und Verwendung von Wörtern im Laufe der Zeit verändert hat. Die Aufgaben waren vielfältig: Zusätzlich analysierte ich die Benutzerfreundlichkeit der Website, wählte geeignete Handzettel für das Projekt aus und brachte meine Expertise aus meiner Bachelorarbeit über "Responsible Research and Innovation – Citizen Science" ein. Sogar der Social-Media-Kalender bekam durch meine Ideen neue Impulse – wie etwa den Post zum historischen Begriff "Eselspank" passend zum Schulbeginn. - Leandra
Wien – anders und mehr.sprachig: Einblicke in die Vielfalt der Sprachen und Kulturen
Im Rahmen des Volontariats war ich dem Projekt „Wien – anders und mehr.sprachig“ zugeteilt. Geleitet durch Dr. Agnes Kim, zielt es darauf ab mittels einer soziolinguistischen Online-Befragung die alltägliche Mehrsprachigkeit in Wien sichtbar zu machen. Denn auch wenn die Mehrsprachigkeit Wiens sowohl im politischen als auch privaten Diskurs immer wieder aufgegriffen wird, handelt es sich bei den meisten Argumenten letztlich um bloße Spekulationen, da wir keinerlei verlässliche Daten dazu haben welche Sprachen in welchem Umfang gesprochen werden. Beim Projekt steht unter anderem die Bemühung im Vordergrund, Personen ohne Staatsbürgerschaft oder mit geringen Deutschkenntnissen zu inkludieren, da die demographische Gruppe der Migrantinnen und Migranten in sozialen Erhebungen tendenziell schwerer zu erreichen ist. Zusätzlich werden hierbei verschiedene Aneignungsstrategien für soziolinguistische Erhebungen bei mehrsprachigen und minorisierten Gruppen erforscht. Hierzu habe ich unter anderem eine Kontaktliste fremdsprachiger Kulturvereine erstellt, den Fragebogen überarbeitet und ihn auf Serbisch übersetzt. Die Umfrage soll nämlich in möglichst vielen verschiedene Sprachen verfügbar gemacht werden; einerseits, um Menschen mit geringen Deutschkenntnissen zu inkludieren und andererseits besonders Sprecherinnen und Sprechern marginalisierter Sprachen zu signalisieren, dass alle Sprachen in der Datenerhebung willkommen sind und wertgeschätzt werden. -Kasija
Meet the Researchers’ Programme
Ein einzigartiges Highlight war das Meet the Researchers’ Programme. Gemeinsam mit etwa zehn anderen Praktikant:innen erhielten wir die einmalige Gelegenheit, jede Woche für ca. 2 Stunden in ein spezifisches Forschungsprojekte des ACDH-CH hineinzuschnuppern. Diese Einblicke waren unglaublich wertvoll und zeigten die ganze Bandbreite der digitalen Geisteswissenschaften. Auch der Workshop "Spracherwerb" von Dr. Katharina Korecky-Kröll erwies sich als wahre Fundgrube neuer Erkenntnisse. -Leandra
Fazit
Persönlich hat es mich überrascht, wenn nicht sogar schockiert, dass es bisher keine verlässlichen Daten zur Mehrsprachigkeit in Wien gibt. Als ob man sie am liebsten unter den Teppich kehren würde, um sie im politischen Diskurs je nach persönlicher Position günstig als Argument hervorholen zu können – ohne sich mit der tatsächlichen Realität beschäftigen zu müssen. Darin habe ich aber auch die für mich wichtigste Aufgabe Forschung gefunden. Fragen stellen, auf die sonst womöglich niemand achten würde und Antworten teilen, die uns vorantreiben. Abgesehen davon besteht das Arbeiten in der Forschung auch aus einem konstanten Erlernen neuer Fähigkeiten und Erkenntnisse. Ich bin jedenfalls sehr froh, die Gelegenheit gehabt zu haben, einige wunderbare Menschen kennenzulernen und Einblick in den Arbeitsbereich der Forschung zu bekommen. -Kasija
Rückblickend war dieses Praktikum eine einzigartige Gelegenheit, die Verschmelzung von traditioneller Sprachwissenschaft und modernen digitalen Methoden hautnah zu erleben. Die Arbeit mit den Rohdaten des Citizen Science Projekts und die eigenständige Datenauswertung haben mir völlig neue Perspektiven eröffnet. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie spannend die Verbindung von Tradition und Innovation sein kann und wie wichtig es ist, unser kulturelles Erbe mit modernen Mitteln zu bewahren und zugänglich zu machen. Mein besonderer Dank gilt dem gesamten Team des ACDH-CH, insbesondere Dr. Amelie Dorn, die stets ein offenes Ohr für meine Fragen hatte und mich mit ihrer fachlichen Expertise und ihrem Engagement unterstützte. -Leandra









