Mon, 15. December 2025 | Category Blog

Erlesene Welt? Eine Kulturpraxis im Wandel

Lose You, Thymian-Kontrollierte Freiheit für Lehrer, 20% Rabattein sich küssendes Paar. – Ob Musik, Kochrezept aus den 1985ern, Museumsplakat, Werbung oder einfach Mitmenschen: Täglich befinden wir uns im Lesefluss unserer Umwelt, nehmen Information auf, die wir teils nach einigen Sekunden wieder vergessen. Doch was bedeutet ‚Lesen‘ überhaupt? Welche Werte, welchen Stellenwert vertritt das physische Buch in einer zusehends digitalen Gesellschaft? Diese und weitere Fragen bildeten das Herzstück des September-Seminars „Lesen! Gestern – heute – morgen.“

Text: Merlind Raible | Gruppenfoto: Vitus Takeh

Grafiken/Instagram Screenshots: Zwischen „Fakt“ und „Fake“: Piringers „Datenpoesie“ stellt unsere konventionelle Auffassung des Lesens infrage. (Instagram-Screenshots) | Während Autorin Petra Piuk in ihrem Roman (https://www.goodreads.com/book/show/240045419-hotel-love, links unten) bereits künstliche Intelligenz Bücher schreiben lässt, die bei Lektüre auch Lesegewohnheiten misst, lässt Datenpoet Jörg Piringer (https://www.youtube.com/watch?v=wdYe68cVafw, rechts) die Grenze zwischen Algorithmus- und Menschsein verfließen. (Bildbeschreibung auf Hinweis der Autorin nachträglich aktualisiert, Anm.)

gegensätze ziehen meister

Der Aktionskünstler Jörg Piringer hat sich gleich die erste Frage zur Thematik gemacht. So sind es Konsonanten, die sich uns auf weißem Hintergrund präsentieren, betont von einer computergesteuerten Stimme. Schwarze „M“s, die nicht nur ein Schriftbild repräsentieren, sondern in sich selbst Bilder kreieren – visuell und auditiv zugleich.

Doch auch ein eigens programmierter Algorithmus, der bekannte Sprichwörter neu zusammensetzt (https://joerg.piringer.net/infinitytexts/proverbs), zählt zu Piringers Werken. So findet man darunter zum Beispiel Floskeln wie „wer wagt, gewinnt“, „gegensätze ziehen meister“, „man beißt nicht gern“. Es sind Kombinationen, die auf genau diese Weise nur höchst unwahrscheinlich wiederholt werden, fährt Piringer fort und blickt dabei in die Runde neugierig beeindruckter Studienstiftler-Gesichter. Die „unlesbare Lyrik“ Piringers spielt gewollt mit dem Begriff des Lesens selbst, zeigt uns, wie mehrdeutig Lesen ist. Und zeigt damit auch, wie wandelbar eine solche Kulturpraxis ist.

Um das Lesen heute vom damaligen abzugrenzen, müssen wir uns mit der ursprünglichen Definition des Lesens auseinandersetzen. Wir machen also zunächst einen Sprung zurück in die Zeit, in der die Kulturpraktik noch in ihrer Wiege lag.

Geschichte des Lesens?

Nach dem allgemeinen Verständnis ist „Lesen“ eine Informationsaufnahme. Etwas zu „lesen“, bedeutet, die in Symbolen oder Körpersprache versteckte Information zu dekodieren. Ob man sie dann auch versteht, ist, wie sich im Zuge des Seminars herausstellte, eine Streitfrage. Können wir also überhaupt eine Geschichte des Lesens aufstellen?

Geht es nach dem französischen Historiker Roger Chartier, ist die Geschichte des Lesens eng mit der Geschichte des Buchs verbunden. Im Ägypten des 4. Jahrhundert vor Christus verwendete man bereits Papyrus zum Verschriftlichen von Information. Dieser Papyrus konnte auch „gebunden“ werden, und zwar als Schriftrolle. – Eine Praxis, die vor allem in der Antike vertreten war. Das nasskühle Klima in Europa forderte jedoch eine Alternative zum feuchtigkeitsempfindlichen Papyrus. So stieg man auf Tontafeln und gegerbte Tierhäute um, wobei letzteres, Pergament, deutlich aufwendiger herzustellen war. Mithin war die Frage, wer sich ein solches „Buch“ leisten konnte, eine Frage des finanziellen Status‘.

Lesetrends

Eine der reichen Institutionen bildete damals die Kirche. Um den Inhalt der kostspieligen Bibel trotzdem unter das Volk zu bringen, setzte man auf die oralisierte Lektüre: Aus der Bibel wurden wichtige Stellen vorgelesen und wiederholt. Eine Vorgehensweise, die Chartier in seiner Abhandlung „Ist eine Geschichte des Lesens möglich? Vom Buch zum Lesen: einige Hypothesen“ als „intensiv“ bezeichnet. Dieser intensiven Leseweise trat mit Aufkommen des Buchdrucks dann die „explizite“ Leseweise gegenüber, also das einmalige Lesen vieler verschiedener Bücher, primär zu Unterhaltungszwecken.

Zwar konnte die Bibel, allen voran die Wenzelsbibel, in gedruckter Form nun besser verbreitet werden. Doch mit der Verfügbarkeit wanderte auch der Trend der Zeit nun vom lauten Lesen eines Textes in großer Versammlung hin zum stillen Konsum vielfältiger Lektüren in den eigenen vier Wänden. Letztere gewann nach Chartier ab dem 16 Jahrhundert vollends die Oberhand.

Das stille Lesen galt nun vor allem der Bildung, denn: Wer las, konnte sich nicht nur ein Bild von der Welt machen, sondern dieses breite Hintergrundwissen zudem für den sozialen Aufstieg nutzen.

Von Zahnbürste bis Neuthomismus

Einer, der im besonders viel von der Welt zu wissen schien und die Welt in gleicher Weise von ihm, war Friedrich Eckstein. Geboren im Jahre 1861 in Perchtoldsdorf bei Wien entwickelte sich Eckstein zu einem berüchtigten Literaten, Mäzen und Universalgelehrten, der, beeinflusst von der Faszination für das Übernatürliche des 19. Jahrhunderts, auch in der Esoterik-Szene anzutreffen war.

Allwissend und verbandelt mit Wien – so könnte man Eckstein wohl am trefflichsten beschreiben. Denn, schenkt man dem zeitgenössischen Schriftsteller René Fülöp Miller Glauben, so wusste Eckstein nicht nur von Zahnbürste bis Neuthomismus bescheid, sondern verkehrte überdies mit den verschiedensten angesehenen Persönlichkeiten der Literatur-, Kunst- und Kulturszene, darunter Karl Kraus, Peter Altenberg und Arthur Schnitzler, und war wesentlicher Förderer des Wiener Komponisten Anton Bruckner. Doch auch „Hugo Wolf, Johann Strauß, E. Blavatsky und Annie Besant, […] Alfred Adler und Leo Trotzki – sie alle berieten sich mit ihm“, ergänzt Miller. Ein besonders enges Freundschaftsverhältnis soll Eckstein zudem mit dem Psychoanalytiker Sigmund Freud geführt haben.

Angesichts all dieser Verbindungen mit der damaligen Wiener High Society erscheint es insbesondere merkwürdig, dass Ecksteins berüchtigte private Leihbibliothek seit seinem Tod als unauffindbar gilt. Das Projekt von Kira Kaufmann, von dem wir Geförderte im Rahmen des Seminars ebenfalls teilwerden durften, widmet sich genau dieser Suche nach Ecksteins Vermächtnis.

Damals wie heute: (don‘t) judge a book by it’s cover

Ein Ort, an dem Bücher heutzutage jedoch noch zu finden sind, ist die Österreichische Nationalbibliothek. Vom ersten Skript zu Goethes jungem Werther durften wir hier der Geburt und Entwicklung der Literatur beiwohnen.

Doch wie spätestens das Studium zeigt, geht der Wandel des Buches mittlerweile weit über den Ausstellungsraum der Nationalbibliothek hinaus. So muss man sich im Studium inmitten all der digitalen Skripten und Lehrbücher erst einmal zurechtfinden, und das heißt: den Texten einen eigenen Sinn zuweisen. Im Studium wie im Alltag lesen wir, was uns als „sinnbringend“ oder, kurzum, als „lesenswert“ erscheint.

Lesen ist die Aufnahme von Gedankengut eines anderen. Und das wiederum führt zur Frage, welches Gedankengut gesellschaftlich als wichtig erachtet wird. Es sind genau Künstler wie Jörg Piringer, die uns durch ihre vieldeutigen Interpretationen des „Buches“ an dieser Stelle zu Denkanstößen anregen.

it takes the truth

Dieser Begriff des „Sinns“ wiederum führt uns zum Anfang zurück, zu Künstlern wie Jörg Piringer, die aufzeigen, wie verschieden die Bedeutungsebenen des „Buches“ sein können. Denn, wie das Seminar uns noch einmal klar vor Augen geführt hat: es gibt weder „das Buch“ im einheitlichen Format, noch hat es den einen einheitlichen Sinn.

All dies wirft nun wieder die Frage auf, mit der auch Piringer spielt: was ist „Literatur“ für uns heute? – Was heißt es für die Zukunft der Literatur, wenn Algorithmen zum festen Bestandteil literarischen Schaffens werden? Wie soll Literatur bewertet werden, bei der die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verwischt sind?

Auch der Roman „Hotel Love“, der von einer Welt mit KI-erstellten Romanen und körperlich „perfekten“ Sexpuppen, den sogenannten „Fembots“, erzählt, zwingt uns dazu, über den Einfluss von künstlicher Intelligenz auf die gesellschaftliche Moral nachzudenken. (Passage auf Hinweis der Autorin nachträglich aktualisiert, Anm.)

Und zeitgleich ist von der Etablierung der Lesekultur, wie sie Chartier beschrieb, nun ein Retro-Trend zu beobachten: der Zeitdruck der Leistungsgesellschaft führt auch dazu, dass sich Hörbücher nun zusehends im Aufschwung befinden.

In diesem Sinne ein herzliches Danke an die Programmleiter:innen des Seminars, die uns nicht nur verschiedene Blickwinkel auf die Literatur ermöglicht, sondern überdies selbst zu solchen Fragen und spannenden Diskussionen zum Wert des Lesens angeregt haben. Die Auseinandersetzung mit Lesen als Kulturpraxis ist gerade jetzt brandaktuell, denn: ein Diskurs über Literatur ist letztendlich auch ein Diskurs über Demokratie.