GEDENKBUCH

für die Opfer des Nationalsozialismus
an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Fassade und Siegel der Akademie der Wissenschaften. Bild: ÖNB-Bildarchiv, Sign. L 32.608-C bzw. Siegelsammlung des Archivs der ÖAW

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Zum Geleit


Anton Zeilinger

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich bzw. der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 setzten an der Akademie der Wissenschaften in Wien die Verfolgungsmaßnahmen der neuen Machthaber ein. Die NSDAP konnte rasch ihren Einfluss in der Akademie durchsetzen. Am 18. März 1938 erklärten Oswald Redlich, Akademiepräsident von 1918 bis 1938, und Vizepräsident Karl Grobben ihren Rücktritt, am 25. März ersuchte die Gesamtsitzung auf Vorschlag des Rumpfpräsidiums Fritz Knoll, korrespondierendes Akademiemitglied, illegaler Nationalsozialist und seit 15. März kommissarischer Rektor der Universität Wien, die „Interessen der Landesleitung der NSDAP in Österreich für den Bereich der Akademie der Wissenschaften“ zu wahren. Am 1. April 1938 wurde der Nationalsozialist Heinrich Srbik zum neuen Akademiepräsidenten gewählt.

Kurz nach dem „Anschluss“ begann die Entrechtung der an der Akademie tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die nach den Nürnberger Rassegesetzen als Juden galten. Sie mussten ihre Forschungsarbeiten an der Akademie einstellen, der Zutritt zu ihren Forschungseinrichtungen wurde ihnen verwehrt. Manchen gelang die Flucht, andere fanden in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern den Tod. Wir wissen, dass sieben Forscherinnen und Forscher, die 1938 an der Akademie tätig waren, zu Opfern des Holocaust wurden: Leonore Brecher, Henriette Burchardt, Martha Geiringer, Heinrich Kun, Elisabeth und Hans Przibram, Elise Richter.

Die Zäsur für die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften erfolgte Ende 1938, als das Präsidium der Akademie vom Bundesministerium für Unterricht zur „Suspendierung nichtarischer Mitglieder“ aufgefordert wurde. Es wurde beschlossen, „durch persönliche Fühlungnahme die jüdischen Mitglieder zum freiwilligen Austritt zu veranlassen.“ Jene jüdischen Mitglieder, die nicht von sich aus ihren Austritt erklärten, wurden ab 1939 ausgeschlossen, der letzte 1941. Sechs wirkliche und 15 korrespondierende Mitglieder verloren ihre Mitgliedschaft. Viele von ihnen gingen in die Emigration, darunter die Nobelpreisträger Viktor Franz Hess (kMI 1933, kMA 1938, ausgeschlossen 1940, Rückberufung als kMA 1945), Erwin Schrödinger (kMA 1928, kMI 1936, ausgeschlossen 1940, Rückberufung als kMA 1945, gewählt zum wM 1956) und Richard Willstätter (kMA 1920, ausgeschlossen 1939).

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften erinnert mit diesem Gedenkbuch an das Schicksal ihrer Angehörigen und Mitglieder, die in den Jahren 1938 bis 1945 Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurden. Sie wurden entrechtet und vertrieben, deportiert und ermordet. Mit ihrem Schicksal ist ein unwiederbringlicher Verlust für die Wissenschaft in Österreich verbunden. Die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der Akademie erinnern die Österreichische Akademie der Wissenschaften auch an ihre eigene Verstrickung in den NS-Herrschaftsapparat. Das Gedenkbuch mit ihren Namen und ihren Biografien soll die Erinnerung an diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lebendig erhalten.

Die Akademie der Wissenschaften versteht dieses Gedenken als Verpflichtung, die Auseinandersetzung mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit weiterzuführen, und als Auftrag, ihrer Verantwortung im Eintreten für eine offene, pluralistische, den Menschen- und Bürgerrechten verpflichtete Gesellschaft nachzukommen.

Das Projekt


 

Das Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften verzeichnet jene Angehörigen und Mitglieder der Akademie der Wissenschaften in Wien (seit 1947 ÖAW, Österreichische Akademie der Wissenschaften), die in den Jahren 1938 bis 1945 Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurden. Die Initiative für das Projekt Gedenkbuch entstand im Zusammenhang mit Errichtung und Enthüllung der Tafel „Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus unter den Mitgliedern und Angehörigen der Akademie der Wissenschaften“, die am 12. März 2013, dem 75. Jahrestag des „Anschlusses“, am Eingang zum Festsaal im ÖAW-Hauptgebäude enthüllt wurde. [Mehr...]