Turoyo und Bajeschi in Wien

Wiens versteckte Sprachminderheiten schützen!
Fallstudien: Turoyo und Bajeschi

Mit dem durch die MA7 finanzierten Projekt wird angestrebt, anhand zweier Zuwanderungsgemeinschaften Wiens Konzepte zum Schutz bedrohter Sprachen zu entwickeln. Wichtigste Methode sind narrative Feldforschungen unter Sprechern versteckter Sprachminderheiten aus zwei der wichtigsten Zuwanderungsländer, der Türkei und Serbien.

    Turoyo (Assyrer, Aramäer, Chaldäer)

    Turoyo (Assyrer, Aramäer, Chaldäer)

      Turoyo oder Surit ist eine neuostaramäische Sprache, die ursprünglich vor allem im Gebiet des Tur Abdin im Südosten der heutigen Türkei und im Nordosten von Syrien von syrisch-orthodoxen Christen gesprochen wurde und auch heute noch – trotz massiver Auswanderung – gesprochen wird. Turoyo ist dem assyrisch-neuaramäischen Dialekt der aramäischen Sprache sehr ähnlich, der auch "Suryaya" oder "Swadaya" genannt wird (Andrews 1989: 166). Eine gegenseitige Verständigung unter diesen beiden Sprachen bzw. Dialekten ist daher möglich, während dies mit anderen aramäischen Sprachen nicht oder kaum möglich ist. Turoyo wurde primär mündlich überliefert; schriftliche Quellen sind erst sehr spät entstanden. Trotz ihrer massiven Unterdrückung und Verfolgung durch verschiedene Völker und Staaten (vor allem in der Türkei des 20. Jahrhunderts) ist es den christlichen Aramäern gelungen, ihre Sprache vor dem Aussterben zu bewahren. Turoyo wird heute insgesamt von etwa 80.000 Menschen gesprochen. Der Großteil der Sprecher sind Migranten, die aus ihrer ursprünglichen Heimat in meist westliche Länder ausgewandert sind, wie v.a. Österreich, Deutschland, Schweden, Amerika. In der Türkei gibt es nur noch etwa 2.000 eher ältere Menschen in der Region Tur Abdin, die Turoyo beherrschen (Jastrow 1993; Waltisberg 2016), Zahlen aus Syrien (ehemals 7.000 Sprecher) liegen nicht vor.

      Bajeschi (Banjaschi, Rudari)

      Bajeschi (Banjaschi, Rudari)

      Die Vorfahren der Bajeschi oder Rudari lebten vom 14. Jahrhundert bis zum 19. Jahrhundert als Goldwäscher – häufig in Minen unter Tage und in vielen Fällen als Sklaven – tätig waren. Weitere traditionelle Erwerbszweige waren das Schnitzen von hölzernen Haushaltsgegenständen und die Herstellung von Ziegeln. Bajeschi sprechen archaische Subvarietäten, die aus den transilvanischen und muntenischen Varietäten der rumänischen Sprache stammen. Sie werden von kleinen Gruppen in der Ostslowakei, in Transkarpatien, in Ungarn (Baranya), in der rumänischen Tiefebene, Koratien (v.a. Slawonien), Serbien (Ost- und Mittelserbien, Vojvodina und Bačka), Nord- und Nordostbulgarien (insbesondere Varna, Zlatarica) gesprochen (Kahl, Nechiti 2019). Bajeschi ist heute in allen genannten Regionen stark gefährdet. In Wien hat sich eine aktive Zuwanderungsgemeinde formiert, die sich um den Erhalt von Sprache und Traditionen der Bajeschi bemüht. Die wenigen Versuche um den Erhalt des Bajeschi in Ungarn und Serbien scheitern an einer grenzübergreifenden Zusammenarbeit. Wer Bajeschi schreiben wird, bedient sich in Ungarn des ungarischen, in Serbien die serbischen Alphabetes. Durch ein wissenschaftliches Projekt an der ÖAW könnte sich ein Dialog zwischen mehreren Ländern entwickeln lassen.


        Problemstellung

        Österreich richtet sich nach den Bestimmungen der Europäischen Charta für Regional- und Minderheitensprachen des Europarates. Die sprachschützenden Maßnahmen in den Bereichen Bildung, Justiz, Verwaltung, Kultur und Medien betreffen die offiziell anerkannten Minderheitensprachen Burgenlandkroatisch, Tschechisch, Ungarisch, Romani, Slowakisch und Slowenisch. Diese sind in Österreich durch ihre Selbstvertretungen, Vereine, Parteien, Institutionen vergleichsweise gut organisiert. Da die jungen Einwanderungen nach nationalen Kriterien erfasst werden, entgeht es den Behörden, dass auch Gruppen nach Wien einwandern, die Sprachen beherrschen, die in keiner Statistik aufscheinen. Ihre nationale Zugehörigkeit macht sie als Sprachminderheit „versteckt“ bis „unsichtbar“.

        Dies wird besonders deutlich am Beispiel aus der Türkei zugewanderter Minderheiten: Nach Wien wandern Türken zu, die außer der Staats- und Bildungssprache des Türkischen eine (Mutter-)Sprache beherrschen, die weder in ihrer Herkunftsregion noch in den Statistiken auftauchen: dies sind z.B. Sprecher des Kurdischen (Kurmandschi, Zajaki), des Romani, aber auch des Griechischen (Rumeika/Rumca, pontisches Griechisch) und des Aramäischen (Surit, Turoyo).

        Ziele

        Das Hauptziel des Projekts besteht darin, die beiden ausgewählten Sprachgemeinschaften dabei zu unterstützen, ihre Praktiken, Ausdrücke, Kenntnisse und Fähigkeiten zu schützen, die sie als Gemeinschaften, Gruppen oder Einzelpersonen als Teil ihres kulturellen Erbes erkennen. Durch Interviews mit Sprecherinnen und Sprechern sollen ihre (auch in Wien) bedrohten Kulturen erfasst und dokumentiert werden. Das VLACH-Labor wird einen Dialog zwischen Forschern und Sprechern fördern, sich wiederum auf die Herkunftsgemeinden auswirken wird. Die Sprecher des Turoyo und Bajeschi sollen ermuntert werden, ihre Praktiken, Ausdrücke, Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie als Gemeinschaften, Gruppen oder Einzelpersonen als Teil ihres kulturellen Erbes erhalten möchten, zu erhalten. Hierzu zählt das bedrohte immateriellen Kulturerbes (mündliche Traditionen, soziale Praktiken) ebenso wie die Auffassungen zu Sprachverdrängung, -erhalt und -schwund. Einen Fokus wird der Dialog über die Situation in den Herkunftsregionen (Türkei, Serbien) ausmachen, wo er Wert von Minderheitensprachen durchaus angefochten wird.

        Leitende Fragen ist, warum sich die die beiden Varietäten in Wien bis heute so gut erhalten haben, welche Rolle dabei die Bedrohung in den Herkunftsregionen spielt und welche Strategien zu deren Schutz entwickelt werden können.

        Dem Wissenschaftsstandort Wien kommt aufgrund hoher Zuwanderungszahlen von Aramäern und Bajeschi eine Schlüsselrolle zu. Das Aramäische können in seinen Herkunftsgebieten in der Südost-Türkei und Nordsyrien aufgrund minderheitenfeindlicher Regime bzw. Bürgerkriegs definitiv nicht untersucht werden. In Serbien sind zwar Forschungen problemlos möglich und auch durchgeführt worden (Sikimić 2011; Sikimić, Ašić 2008; Sorescu-Marinković 2011a, 2011b), von den genannten Autorinnen abgesehen, interessieren sich jedoch Politiker und Wissenschafter entweder für die Roma oder für die Rumänen, so dass die Bajeschi vernachlässigt werden. Wien hat daher als Hauptsiedlungsgebiet dieser beiden Minderheiten nicht nur aus migrationsgeschichtlicher Hinsicht eine Bedeutung, sondern kann insbesondere bezüglich der Sprachdokumentation und Sprachbewahrung für diese beiden Gemeinden eine historische Rolle spielen.

          Methoden

          Wichigste Methode, sich der Fragestellung des Spracherhaltes zu nähern, sind narrative Feldforschungen mit Sprechern des Turoyo und des Bajeschi in Wien. Auf Grundlage der Interviews erfolgt eine Beschreibung der Situation (fund finding, Bedürfnisse feststellen) der zu untersuchenden Sprachen in Wien und der Rolle Wiens für die Entwicklung von Strategien und Maßnahmen zum Erhalt der Sprache in Wien und in den Herkunftsregionen. Mit den Audio- und Videoaufnahmen weden neue Datensammlungen angelegt, die auf VLACH langzeitarchiviert werden.

          Im Rahmen des Projektes wird daher eng zusammengearbeitet (a) mit dem Verein „Oamenii nostri“ der aus Serbien stammenden Bajeschi (b) mit der syrisch-orthodoxen Gemeinde der Stadt Wien. Aktive Mitglieder des Vereins bzw. der Gemeinde sollen für das Projekt maßgebend beteiligt werden.

            Output

            Als Output verspricht das Projekt die folgenden Ergebnisse:

            • allgemeinverständlicher Bericht für die Gemeinden der Sprecher des Turoyo und des Bajeschi
            • Entwurf eines Maßnahmenkataloges (Strategie-Paper) mit möglichen spracherhaltenden Maßnahmen
            • Publikation in einer interational peer-reviewed Zeitschrift, in der die Rolle Wiens für den Spracherhalt versteckter Sprachminderheiten, hier Turoyo und Bajeschi, herausgearbeitet wird,
            • Anlage und Präsentation der aufgenommen Daten im VLACH-Archiv.

            Das Projekt wird durchgeführt in Zusammenarbeit mit:

            Projektleitung: Prof. Dr. Dr. h.c. Thede Kahl

            Projektrelevante Literatur

            Andrews, Peter Alford (1989): Ethnic Groups in the Republic of Turkey. Wiesbaden.

            Arnold, Werner (²2006): Lehrbuch des Neuwestaramäischen. Semitica Viva - Series Didactica 1. Wiesbaden: Harrassowitz.

            Hermanik, Klaus-Jürgen; Promitzer, Christian; Staudinger, Eduard G. (Hg.) (2004): (Hidden) Minorities. Language and ethnic identity between Central Europe and the Balkans. Münster: LIT.

            Jastrow, Otto (1993): Laut- und Formenlehre des neuaramäischen Dialekts von Mīdin im ūr ʿAbdīn (=Semitica Viva 9). Wiesbaden: Harrassowitz.

            Kahl, Thede (2014): Ethnische, sprachliche und konfessionelle Struktur der Balkanhalbinsel. In: Himstedt-Vaid, Petra; Hinrichs, Uwe; Kahl, Thede (Hg.): Handbuch Balkan. Wiesbaden: Harrassowitz, 87-134.

            Kahl, Thede; Nechiti, Ioana (2019): The Boyash in Hungary. Wien: Austrian Academy of Sciences.

            Sikimić, Biljana (2011): Băieșii în contextul Sud-Slav. Piramida 2, 3-132.

            Sikimić, Biljana; Ašić, Tijana (Hg.) (2008): The Romance Balkans. Belgrad: Institut d´Études Balkaniques.

            Sorescu-Marinković, Annemarie (2011a): Băieşii din Baranja. Memoria Ethnologica 40-41, 36-51.

            Sorescu-Marinković, Annemarie (2011b): Strategies for creating an explanatory Bayash dictionary in Serbia. Revue roumaine de linguistique 56, 17-34.

            Waltisberg, Michael (2016): Syntax des uroyo (=Semitica Viva 55). Wiesbaden Harrassowitz