GEDENKTAFEL

für die Opfer des Nationalsozialismus an der Biologischen Versuchsanstalt

Biologische Versuchsanstalt im Wiener Prater. Bild: Archiv der ÖAW

Die Biologische Versuchsanstalt Vivarium


Die Biologische Versuchsanstalt (BVA) im Wiener Prater war eine der weltweit modernsten biologischen Forschungseinrichtungen, hier wurde zwischen 1903 und 1938 Biologie- und Medizingeschichte geschrieben.

Das Gebäude wurde anlässlich der Wiener Weltausstellung 1873 errichtet und beherbergte zunächst ein Aquarium. 1897 wurde das Aquariumsgebäude in „Vivarium“ umbenannt und zur Ausstellung von Amphibien und Reptilien genutzt. 1902 erwarben der Zoologe Hans Przibram und die Botaniker Leopold von Portheim und Wilhelm Figdor das Gebäude und richteten darin die Biologische Versuchsanstalt als weltweit erste Einrichtung für Experimentalbiologie ein. Hier wurden mit innovativer Gerätschaft und Forschungsorganisation neue Forschungsbereiche mit neuen Methoden erschlossen. Viele große Biologen starteten ihre Karriere an der BVA, so u.a. der spätere Nobelpreisträger Karl von Frisch, der bei Hans Przibram seine Doktorarbeit schrieb. Hier wirkte auch der Star-Mediziner Eugen Steinach, der die moderne Hormonforschung mitbegründete. Der wohl schillerndste BVA-Forscher war Paul Kammerer, der „Krötenküsser“ (Arthur Köstler), der durch seine Experimente mit der Geburtshelferkröte die Theorie von der Vererbung von erworbenen Eigenschaften nachzuweisen versuchte.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme durch den „Anschluss“ 1938 wurden die jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der BVA ausgesperrt. Kein Forschungsinstitut verzeichnete mehr Opfer im Holocaust als die Biologische Versuchsanstalt. Zwei Drittel der dort wissenschaftlich Tätigen wurden aus „rassischen“ Gründen verfolgt. Vier Forscherinnen und zwei Forscher kamen in Konzentrations- und Vernichtungslagern ums Leben, 25 gelang die Flucht ins Ausland. Ihre Namen und Biographien sind im Gedenkbuch der Österreichischen Akademie der Wissenschaften für die Opfer des Nationalsozialismus verzeichnet.

www.oeaw.ac.at/gedenkbuch

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die BVA zugrunde gerichtet, während der Kämpfe in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude weitgehend zerstört. Die Bauruine wurde verkauft und schließlich abgerissen. Heute erinnern wenige Spuren an das so genannte „Vivarum“. 1957 wurde die Vivariumstraße (hinter der Prater Hauptallee) nach jenem Gebäude benannt, das die Biologische Versuchsanstalt beherbergte. Seit 12. Juni 2015 erinnert diese Gedenktafel an das bedeutendste Forschungsinstitut der österreichischen Wissenschaftsgeschichte, das von Wissenschaftlern mit privatem Kapital gegründet, später der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften übertragen wurde und mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus ein tragisches Ende fand.

Bild: Privatarchiv Familie Eisert
Bild: Archiv der ÖAW
Bild: Archiv der ÖAW



Wilhelm Figdor