Philosophische Reise nach China

Ein Besuch von ÖAW-Mitglied Herta Nagl im Reich der Mitte förderte den Wissenstransfer zwischen Europa und Fernost.

8. September 2015. Shanghai Academy of Social Sciences, Department of Philosophy: Vortrag auf Einladung von Institutsvorständin Prof. He Xirong zum Thema „Religion in the Context of the Modern State: Viennese Debates with Jürgen Habermas”.

Stationen einer Reise nach China, in deren Mittelpunkt aktuelle philosophische Debatten aber auch die Geschichte des Faches standen. Die Philosophin Herta Nagl, wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), war im Herbst 2015 unterwegs im Reich der Mitte und besuchte dabei bedeutende wissenschaftliche Einrichtungen des Landes. Bereits seit mehreren Jahren setzt die ÖAW vielfältige Aktivitäten, um die internationale Zusammenarbeit in der Wissenschaft weiter zu fördern; daher war es auch bei dieser Reise ein erklärtes Ziel, den Wissenstransfer zwischen Europa und Fernost zu vertiefen.  

Dialog und Ideen

Ob es um Religion im Kontext des modernen Staates oder um „Virtue and Bliss. Rousseau‘s Reflections on an Un-alienated Mode of Life“ ging – philosophische Themen, die in Europa debattiert werden, finden auch in Chinas wissenschaftlichem Diskurs lebhaftes Interesse, wie sich Herta Nagl bei ihren Vorträgen in Shanghai und an der Chinese Academy of Social Sciences in Beijing überzeugen konnte.

Doch nicht nur die Gegenwart der Philosophie, auch ihre Geschichte und die Lebenswege zweier österreichischer Autoren standen auf dem Programm. So besuchte Nagl das Shanghai Jewish Refugees Museum, auf dessen „Memorial Wall“ auch eine Reihe von Namen vertriebener Österreicherinnen und Österreicher, die in Shanghai Zuflucht gefunden haben, eingetragen sind. Darunter der österreichische Philosoph Kurt Rudolf Fischer, der als Jugendlicher mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten gerade noch rechtzeitig nach Shanghai fliehen konnte, wo er sich zunächst als Übersetzer, Nachtwächter und Boxer betätigte. Durchaus erfolgreich übrigens: so wurde er in diesen Jahren im Exil sogar chinesischer Boxmeister. Schließlich nahm er an der St. Johns University in Shanghai sein Studium auf, das er nach dem Krieg an der University of Berkeley, California, fortsetzte.

Welch großen Einfluss Fischer ab den 1960er Jahren auf die Neu-Orientierung der Philosophie in Österreich hatte, beleuchteten im Frühjahr 2015 zwei Vorträge im Rahmen des ÖAW-Symposiums „Exiles, Returnees and their Impact in the Humanities and Social Sciences in Austria and Central Europe“. Gemeinsam mit Ludwig Nagl, dem Mitautor von zwei Festschriften für Kurt Rudolf Fischer, überreichte Herta Nagl dem Archiv des Museums diese Festschriften sowie ein weiteres Buch: den Roman des österreichischen Arztes Alfred W. Kneucker, der ebenfalls nach Shanghai emigriert war. Unter dem Titel „Zuflucht in Shanghai“ lässt Kneucker die Erfahrung der Emigration anschaulich werden; sein Roman wurde 1984 mit einem Nachwort von Kurt Rudolf Fischer publiziert.

Die letzte Station der Reise war dann wieder ganz der Gegenwart gewidmet. Wie Philosophie zu aktuellen sozialen Krisenphänomenen Stellung beziehen kann, diese Frage diskutierte Nagl in einer Gesprächsrunde mit den Philosophieprofessoren Tu Weiming (Harvard University und Peking University) und Riccardo Pozzo (Consiglio Nationale delle Ricerche, Rom),  die in einer englischsprachigen CCTV-Sendereihe national und international ausgestrahlt wurde. Der Titel der Reihe brachte dabei die philosophische Reise nach China gut auf den Punkt: „Dialogue. Ideas Matter“.