25.04.2019

Lässt sich Forschung bewerten?

Das wollte die ÖAW mit einer öffentlichen Preisfrage herausfinden. Welche Antworten die drei Gewinnerbeiträge gefunden haben, kann man im Podcast MAKRO MIKRO nachhören oder im Interview mit Technikfolgenforscher Alexander Bogner, einem der Preisträger, nachlesen.

„Ist gesellschaftliche Relevanz von Forschung bewertbar? Und wenn ja, wie?“ Dazu hat die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) 2018 eine öffentliche Preisfrage ausgeschrieben. Der Hintergrund: Das zunehmende Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlicher Freiheit auf der einen und Forderungen nach gesellschaftlichem Nutzen von Forschung auf der anderen Seite.

Über 100 Essays aus zahlreichen Ländern wurden eingereicht. Gewonnen haben die deutschen Soziolog/innen Julian Hamann (Universität Hannover), David Kaldewey und Julia Schubert (beide Universität Bonn) sowie der Technikfolgenforscher Alexander Bogner (Institut für Technikfolgenabschätzung der ÖAW und Universität Innsbruck) und der Wirtschaftswissenschaftler Pirmin Fessler (Oesterreichische Nationalbank).

Welche Antworten sie auf die Preisfrage gefunden haben und wie es um die Bewertbarkeit von Forschung steht, erklären die Gewinner/innen in einer neuen Folge des ÖAW-Podcasts MAKRO MIKRO.

Alexander Bogner erzählt zudem im Interview, warum sich die Wissenschaft ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein muss. Wissenschaftliche Relevanz ließe sich zwar manchmal messen, so der Technikfolgenforscher, oft aber nur qualitativ bestimmen.

Die ÖAW hat die Preisfrage gestellt: „Ist gesellschaftliche Relevanz von Forschung bewertbar? Und wenn ja, wie?“ Was hat sie an der Frage gereizt?

Alexander Bogner: Wir müssen uns diese Frage stellen, denn was hat unsere Arbeit heute noch für eine Bedeutung, wenn es keine Berührungspunkte zur Gesellschaft gibt? Vor 50 Jahren hat die Wissenschaft gesagt: „Vertraut uns, wir machen wichtige Forschungsarbeit, die ihr nicht versteht.“ Die Zeiten sind vorbei. Heute haben wir Erklärungsbedarf.

Die ÖAW-Preisfrage schließt an die großen Preisfragen europäischer Wissenschaftsakademien im 17. und 18. Jahrhundert an. Die Akademie von Dijon hat zum Beispiel gefragt, ob Wissenschaft überhaupt gut ist für den Fortschritt der modernen Zivilisation. Der Preisträger Rousseau war skeptisch, er hat den „Urzustand“ des Menschen favorisiert. Die Frage der ÖAW hingegen lautete: „Ist gesellschaftliche Relevanz von Forschung bewertbar? Und wenn ja, wie?“ Dies setzt bereits voraus, dass die Wissenschaft relevant ist und dass unsere Forschung konkrete Ergebnisse bringt.

Sie sagen auch, Relevanz ist nur dann messbar, wenn wir Laien miteinbeziehen. Was meinen Sie damit?

Bogner: Es gibt verschiedene Formen der gesellschaftlichen Relevanz, weil wir immer darauf achten müssen, wer die Fragen stellt. Ist es die Politik, die Forschung auf ihre praktische Umsetzung und wirtschaftliche Relevanz hin prüfen will? Sind es gesellschaftliche Einrichtungen wie NGOs? Oder ist es die Wissenschaft, die die Bürgerinnen und Bürger in ihre Forschung miteinbezieht?

Wenn die Gesellschaft relevant ist für die Wissenschaft, also im Bereich partizipativer Forschung können wir Relevanz messen. Im Bereich der Innovationsentwicklung gibt es zum Beispiel seit vielen Jahren vielfältige Methoden, um Laien konstruktiv miteinzubeziehen. Ihr Wissen soll die Expertise der Wissenschaft ergänzen. Hier kommt auch die Technikfolgenabschätzung ins Spiel.

Sie gehen dann einen Schritt weiter und sagen, die Wissenschaft hat in unserer Gesellschaft eigentlich zu viel Relevanz. Wird Forschung am Ende überbewertet?

Bogner: Heute legt die Wissenschaft in hohem Maß unser Weltbild fest. Wir glauben an das Higgs-Boson, aber kaum jemand kann beweisen, dass es da ist. Das ist eigentlich eine Zumutung. Wir erheben jene Erfahrungen, die wir methodisch kontrolliert machen, zu Fakten, die Erfahrungen von Laien werten wir aber zu „Anschauungen“ ab. Dieses Paradox kommt im aktuellen Krieg gegen den Rationalismus zum Ausdruck. Die Anhänger des Kreationismus oder der „Die Erde ist flach“-Bewegung wollen im Grunde eine Wieder-Verzauberung der Welt. Sie wollen weg von diesem Paradigma der Berechenbarkeit, egal mit welchen Mitteln. Da hat die Wissenschaft eine Aufgabe.

Die Wissenschaft sollte sich dessen bewusst sein, dass sie vielen Menschen nicht mehr ganz geheuer ist: Sie bestimmt, was als rational gilt und  was wir glauben sollen.

Umgekehrt hat der Laie heute die viel Verantwortung: Er muss ständig mit neuen Informationen umgehen. Wird der Laie da nicht letztlich zum überforderten Hauptdarsteller?

Bogner: Genau das ist der Punkt: Ständig kommen neue Themen auf uns zu, über die wir uns eine Meinung bilden sollen. Die Wissenschaft ist seit der Nachkriegszeit auf Wachstum programmiert. Wettbewerbe um Forschungsgelder, die Ausdifferenzierung von Disziplinen und Subdisziplinen – es wird langsam unüberschaubar.

Das Problem der gesellschaftlichen Relevanz der Wissenschaft sollten wir ernst nehmen, aber nicht dramatisieren. Relevanz ist bewertbar, aber wenn Wissenschaft und Ratio zu viel Relevanz haben, zu autoritativ auftreten, müssen wir auf einen Rückschlag des Pendels gefasst sein. Oder, wie Rousseau vielleicht sagen würde: Eine durch Rationalisierung strukturierte Welt kann in Gefahr laufen, ihre Authentizität zu verlieren.


 

Alexander Bogner ist Sozial- und Technikforscher am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW und an der Universität Innsbruck. Sein Forschungsinteresse kreist um die Frage, inwiefern Wissenschaft und Technik sich wandeln, wenn die Grenzen zu Politik und Öffentlichkeit durchlässiger werden.