WELTTAG DES AUDIOVISUELLEN ERBES 2020

Vor 100 Jahren besuchte Puccini das Phonogrammarchiv

Am Dienstag, 26. Oktober 1920, beehrte kein Geringerer als Maestro Giacomo Puccini (1858–1924) das Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften mit seinem Besuch. Puccini war bereits Anfang Oktober in Wien eingetroffen, wo er auch den österreichischen Erstaufführungen zweier seiner Werke beiwohnen sollte: La Rondine an der Volksoper (9.10.) und Il Trittico an der Staatsoper (20.10.).

 

An jenem Nachmittag nun kam Puccini höchstpersönlich ins Phonogrammarchiv, damals noch in Räumlichkeiten des Physiologischen Instituts der Universität Wien (Ecke Währinger Straße / Schwarzspanierstraße) untergebracht, um sich „eine Reihe von chinesischen Aufnahmen“ anzuhören (so Hans Pollak, zu jener Zeit Assistent am Phonogrammarchiv, in seinen Erinnerungen). Diese 1909/10 vom Missionar Pater Joseph van Oost in der Inneren Mongolei angefertigten 81 Tondokumente traditioneller Gesänge, von denen sich – im Gegensatz zu den Aufnahmeprotokollen – leider nur mehr eines (Ph 1516) im Archiv erhalten hat, [1] dienten Puccini wohl zur Inspiration für die Musik seiner letzten, in China spielenden Oper Turandot.

 

Am Phonogrammarchiv nutzte man jedenfalls die Gunst der Stunde, um ein Stimmporträt des Komponisten anzufertigen. Bevor Puccini vor den Trichter des Archiv-Phonographen gebeten wurde, Leo Hajek als Aufnahmeleiter die Wachsplatte auflegte und den Apparat in Gang setzte, waren jedoch noch das Protokollblatt mit Details zur Aufnahmesitzung auszufüllen und der Text schriftlich zu fixieren:

Cari Signori, non sono abituato a far discorsi. Mai ho parlato in pubblico. Dirò semplicemente che ho sempre amato Vienna. Sino dalla prima Bohème del teatro an der Wien. Questo amore non può che aumentare dopo tante cortesie e gentilezze ricevute in questo mio breve soggiorno del 1920.

 

Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin es nicht gewohnt, Reden zu halten. Ich habe noch nie in der Öffentlichkeit gesprochen. Ich werde einfach sagen, dass ich Wien schon immer geliebt habe. Seit der Erstaufführung der Bohème im Theater an der Wien. Diese Liebe kann nach all den Höflichkeiten und Liebenswürdigkeiten, die ich während meines kurzen Aufenthalts im Jahre 1920 erfahren habe, nur noch wachsen.

 

Puccini, der hier einmal mehr seiner Liebe zu Wien überschwänglich Ausdruck verlieh, bezog sich auf seinen Besuch anlässlich der Wiener Erstaufführung von La Bohème am 5.10.1897. Die Tatsache, dass diese Tonaufnahme als Phonogramm Nr. 6 in das für die Stimmporträts prominenter Persönlichkeiten reservierte Protokollbuch eingereiht wurde (und damit unmittelbar auf Kaiser Franz Joseph und Erzherzog Rainer folgt!), zeugt von der Bedeutung, die man ihr zunächst beimaß. Umso schmerzvoller musste dann wohl die traurige Erkenntnis ihrer technischen Unvollkommenheit gewesen sein, die vielleicht auch dem schlechten Wachs der Zwischenkriegszeit geschuldet war, sodass Puccinis Stimmporträt in der Folge offensichtlich totgeschwiegen wurde und auch keinen Niederschlag im Almanach der Akademie der Wissenschaften fand. Selbst heute scheint diese 1999 im Rahmen unserer Gesamtausgabe der Historischen Bestände 1899–1950 (Serie 2: Stimmporträts) auf CD publizierte Aufnahme nicht allgemein bekannt zu sein ... [2]

 


[1] Im Berliner Phonogramm-Archiv werden hingegen noch zehn Wachszylinder von dieser Feldforschung verwahrt (vgl. Susanne Ziegler. 2006. Die Wachszylinder des Berliner Phonogramm-Archivs. Berlin: Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, S. 235).

[2] So wird sie etwa in einer rezenten Diplomarbeit (Martina Montanari. 2012. Puccini in Wien. Universität Wien) nicht erwähnt, und auch Puccinis Enkelin Simonetta bezeichnete jene ältere (und bessere) Tonaufnahme der Columbia Phonograph Company (New York, 21.2.1907; „the only known recording of Puccini’s voice“ laut <http://www.youtube.com/watch?v=9-FUEidQc-E>) als „the only known direct association between Puccini and the gramophone“ (Roger Flury. 2012. Giacomo Puccini: A Discography. Lanham: Scarecrow Press, S. ix). Vgl. zu obigen Ausführungen auch den entsprechenden Beitrag von Hubert Reitterer in: Gerda Lechleitner (Red.). 1999. Stimmporträts. (Tondokumente aus dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, herausgegeben von Dietrich Schüller: Gesamtausgabe der Historischen Bestände 1899–1950, Serie 2, OEAW PHA CD 8). Wien: VÖAW, S. 128.