Web-Ausstellung: Ton- und Videodokumente aus dem Phonogrammarchiv

HINEINSEHEN – HERAUSHÖREN


Die vorliegende Auswahl an Audio- und Videoaufnahmen bietet einen Einblick in die Vielfalt und Einzigartigkeit der Sammlungen des Phonogrammarchivs, v.a. aus den Disziplinen Ethnomusikologie, Kulturanthropologie und Linguistik. Die Beispiele sind das Ergebnis von weltweiten Feldforschungen vorwiegend österreichischer WissenschaftlerInnen und reichen von den Historischen Beständen 1899–1950 (eingetragen in das UNESCO Weltregister des „Memory of the World“-Programmes) bis zu AV-Dokumenten des 21. Jahrhunderts.

Die unterschiedliche Bild- und Tonqualität der Beispiele ergibt sich einerseits aus dem jeweiligen Stand der technischen Entwicklung des Aufnahmeequipments, andererseits auch aus den unterschiedlichen Bedingungen im Feld.


Sprachprobe !Ai-khoë (Naro); Sprecher: |Kχara

Aufgenommen von Rudolf Pöch am 30.7.1908 in „Kχau (Kamelpan), Britisch Betschuanaland Protektorat“; Ph 767

Zwischen 1907 und 1909 hielt sich Rudolf Pöch – umstrittener Anthropologe, Arzt und Medienpionier – bei der indigenen Bevölkerung der Kalahari im heutigen Botsuana und Namibia auf. Im Rahmen dieser primär anthropologisch und ethnographisch ausgerichteten Expedition entstanden neben Film- und Fotodokumenten auch 67 Phonogramme – frühe Tonaufnahmen von polyphonem Gesang und Khoisan-Sprachen.

Auszug aus dem Protokoll: “Er erwähnt, dass die Buschmänner so viel für mich leisten müssten (Photographie, Messungen, Phonographische Aufnahmen), und wünscht sich außer dem Tabak eine Zünddose (Feuerzeug).

CD-Publikation: Rudolf Pöch’s Kalahari Recordings (1908)

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„Olutalo olwe Nsinsi“; Musiker: Albert Sempeke, Ismael Obaloker, N.N.

Aufgenommen von Gerhard Kubik im November 1967 in Kampala, Uganda; B 12508

Vor allem dank der Forscherpersönlichkeit Gerhard Kubik zählt Afrika südlich der Sahara schon seit den 1960er Jahren zu den Sammlungsschwerpunkten des Phonogrammarchivs. Seine im Laufe von mehr als 50 Jahren entstandenen ethnomusikologischen Aufnahmen aus vielen Gegenden Afrikas zählen zu den bedeutendsten Beständen des Archivs.

Bereits als junger Mann hat Kubik selbst in Uganda das Spiel auf der Amadinda erlernt. Bei diesem Instrument handelt es sich um ein 12-stäbiges Xylophon, das von drei Spielern gleichzeitig gespielt wird.

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Stimmporträt Kaiser Franz Joseph I. (1830–1916)

Aufgenommen von Fritz Hauser am 2.8.1903 in Ischl (Salzkammergut), Kaiservilla; Ph 3

Im Rahmen einer Audienz in der Kaiservilla zu Ischl gelang Sigmund Exner, Obmann der Phonogrammarchivs-Kommission, mit Unterstützung seines Technikers Fritz Hauser die längste der drei erhaltenen Tonaufnahmen von Kaiser Franz Joseph I (Ph 1–3). Bis auf den letzten Satz, der vom Kaiser sozusagen aus dem Stegreif hinzugefügt wurde und hier zu hören ist, stammte der programmatisch-visionäre Text im Wesentlichen von Exner selbst. Eine Woche später zierte eine Illustration dieses öffentlichkeitswirksamen Ereignisses gar die Titelseite der Oesterreichischen Kronen-Zeitung.

CD-Publikation: Stimmporträts
bzw. Kaiser Franz Joseph, Stimmporträt 1903.

Es hat mich sehr gefreut, auf Wunsch der Akademie der Wissenschaften meine Stimme in den Apparat hineinzusprechen und dieselbe dadurch der Sammlung einzuverleiben.

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Frühe deutsche Dialektaufnahme, Wien 1901

Jagd-Episode; Sprecher: Paul Angelis

Aufgenommen von Fritz Hauser am 19.2.1901 im Phonogrammarchiv, Wien I.; Ph 105

Die „Sammlung österreichischer Dialekte“ stellte seit jeher eine der Hauptaufgaben des Phonogrammarchivs dar, und so entstand bereits 1901 die älteste wissenschaftliche Dialektaufnahme des Deutschen. Es handelt sich um eine in Dialogform vorgetragene Schilderung einer Hirschjagd, gesprochen im mittelbairischen Dialekt von Unterach in Oberösterreich (Attergau).

CD-Publikation: „Dazähl’n“ – 100 Jahre Dialektaufnahme in Österreich

- Kåå(d)l, auf wås hås-denn gschossn?
- Auv-ɐn Hiiɐsch hå(n)-i gschossn.
- Sakrɐment, håst-n laichd schå(n) wiidɐ gfaid?
- Na-naa, gfaid hå-i-n need! Då is-ɐ iwɐ-n Gråå(b)m umǝgschprungɐ, grååd dåå bai dɐ Graaniz. Und-I måɐ(n), i bin äɐm ɐ weng hint aufikemmɐ.

Transkription: Wilfried Schabus, 2003

- Karl, auf was hast du denn geschossen?
- Auf einen Hirsch habe ich geschossen.
- Sakrament! Hast du ihn vielleicht schon wieder gefehlt?
- Nein, nein, gefehlt habe ich ihn nicht! Da ist er über den Graben hinübergesprungen, gerade da bei der Grenze. Und ich meine, ich bin ihm ein wenig hinten hinaufgekommen (= ich habe ihn nicht ganz waidgerecht getroffen).

Transliteration: Wilfried Schabus, 2003

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Menthoko-Fest (Ausschnitte)

Aufgenommen von Christian Huber im September 2002 in Kanam (Kinnaur, Himachal Pradesh), Indien; V 337-343

Das Menthoko-Fest wird im September in Kinnaur in der Region Shumcho gefeiert. Das Video zeigt Ausschnitte aus den Festlichkeiten des zweiten Tages: Auf dem Santang, dem Tempelplatz, wird musiziert, getanzt und gesungen. Die Tanzenden sind festlich geschmückt und gekleidet und umrunden – den Gepflogenheiten des traditionellen Kinnauri-Tanzens folgend – den Tempelplatz gegen den Uhrzeigersinn. Ebenso wird die Sänfte (d.h. der Körper) des Davla, der Hauptgottheit des Dorfes Kanam, gegen den Uhrzeigersinn um das Gebäude in der Mitte des Tempelplatzes getragen. Zu sehen ist auch der Auftritt zweier Trance-Medien, deren Aufgabe u.a. die Vertreibung böser Geister ist.

Christian Huber arbeitet im Rahmen des Phonogrammarchivs-Forschungsschwerpunkts "Erforschung und Dokumentation bedrohter Sprachen in Kinnaur (Himachal Pradesh, Indien)" über die Sprache von Shumcho und andere bislang undokumentierte Sprachen in Kinnaur.

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Konzept und Redaktion: Christian Liebl, Katharina Thenius-Wilscher
Technische Realisierung: Johannes Spitzbart, Franz Pavuza, Michael Risnyovszky