19.04.2016

Der Nutzen der Freiheit

Ein internationales Symposium an der ÖAW beleuchtete die facettenreiche Beziehung zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft in Geschichte und Gegenwart.

Kein Fortschritt ohne wissenschaftliche Erkenntnisse, keine Forschung ohne Beiträge der Gesellschaft: Wissenschaft, Politik und Gesellschaft können nicht voneinander getrennt gedacht werden. Doch wie in jeder langfristigen Partnerschaft gilt es auch hier immer wieder Freiheiten, Interessen und Möglichkeiten der wechselseitigen Mitsprache neu zu verhandeln.

Ein Symposium im Rahmen der diesjährigen Generalversammlung der ALLEA - All European Academies, eines europaweiten Verbunds von Wissenschaftsakademien, machte es sich daher, vor dem Hintergrund laufender Debatten über den gesellschaftlichen Nutzen der Wissenschaften, zur Aufgabe, neue Denkanstöße zu geben. Unter dem Titel „The Freedom of Scientific Research in the Face of Political and Societal Demands” diskutierten hochrangige Wissenschaftler/innen und Repräsentant/innen aus Politik und Gesellschaft am 18. April 2016 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), wieviel Freiheit Wissenschaft braucht, um auch in Zukunft glaubwürdig und leistungsfähig zu sein.

Nähe und Distanz

„Die Frage nach der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung wird weltweit gestellt, sie war immer und in allen Gesellschaften wichtig – und wird das auch bleiben“, machte ÖAW-Präsident Anton Zeilinger zum Auftakt des Symposiums deutlich. So allgemeingültig die Frage, sowenig aber, das ließen die Beiträge zum Symposium erkennen, lässt sich die Antwort darauf verallgemeinern. Denn die Rahmenbedingungen dieser Freiheit ändern sich zu oft und zu unvorhersehbar erscheinen die Entwicklungen in der Wissenschaft wie in der Gesellschaft.

Das zeigt schon ein Blick in die Geschichte: Denn es gelang nicht zu jeder Zeit, das richtige Maß an Nähe und Distanz zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu finden. „Politik und Geschichte hatten Einfluss auf die Universitäten und die Akademie – beispielsweise während des ersten Weltkrieges, ab 1933, als die Demokratie in Österreich zerstört wurde, sowie in der Zeit des Zweiten Weltkrieges“, erinnerte etwa Bundespräsident Heinz Fischer, der das Symposium eröffnete. Heute seien die Wissenschaften natürlich längst wieder autonom, aber die Vergangenheit ist eine Mahnung, dass ein ausgewogenes Verhältnis von wissenschaftlicher Freiheit und gesellschaftlichen Ansprüchen nicht selbstverständlich ist.

Nutzen und Risiken

Doch was ist wissenschaftliche Freiheit eigentlich? Dieser Frage wendete sich der britische Quantenphysiker und Regierungsberater Sir Peter Knight zu. Er zeigte sich überzeugt, dass der Kern der Freiheit der Wissenschaften das von allen Forschenden geteilte Motiv sei, verstehen zu wollen, wie die Welt in Wahrheit funktioniert. Diese unvoreingenommene Suche nach der Wahrheit benötige bestimmte gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die sie erst ermöglichten, so Knight.

Dazu gehöre etwa, dass Forschung öffentliche Mittel braucht – und sich dadurch mit der Erwartung der Politik konfrontiert sieht, möglichst rasch technologische Innovationen, Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu schaffen. Die Wissenschaft müsse daher, um ihr Motiv der Wahrheitssuche nicht aus den Augen zu verlieren, Gesellschaft und Politik davon überzeugen, dass es sich lohne, in Forschung zu investieren, die keinen unmittelbaren Nutzen zeitigt – sondern diesen erst auf Umwegen oder als Nebenerscheinung erzeugt. Dass es diesen langfristigen Nutzen tatsächlich gibt, zeigen zahlreiche Beispiele aus der jüngeren Wissenschaftsgeschichte: Telefon, Internet oder Lasertechnologie wären ohne Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung wohl noch immer nicht erfunden.

Was auf Spiel steht, wenn die Wissenschaft Politik und Gesellschaft nicht vom Nutzen ihrer Autonomie überzeugen kann, veranschaulichte der ehemalige deutsche Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. „Wenn die wissenschaftliche Praxis in eine Abhängigkeit von ökonomischen Interessen geraten würde, wäre der Rationalitätsanspruch nicht mehr gewährleistet“, warnte der an der Ludwig-Maximilian-Universität München lehrende Philosoph.

Erbe der Aufklärung

Ein Anspruch, der im Übrigen nicht erst seit heute mit den praktischen Forderungen aus Politik und Gesellschaft abgestimmt werden muss, wie Nida-Rümelin aber auch Knight beim Symposium erinnerten. Denn Auseinandersetzungen mit der facettenreichen Beziehung zwischen Forschung einerseits und Politik andererseits finden sich bereits bei Francis Bacon, Immanuel Kant und Wilhelm von Humboldt. Und schon die Denker der Aufklärung waren dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass Wissenschaft am besten funktioniert, wenn sie unabhängig von kurzfristigen Absichten und Ideologien arbeiten kann.

Ein geistiges Erbe, das auch in der Gegenwart gültig ist. Denn die moderne Welt ist zutiefst geprägt und abhängig von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Bekämpfung des Klimawandels oder die Sicherstellung der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung sind nur zwei Beispiele für die zentrale Rolle, die Wissenschaft für die Zukunftsfähigkeit der globalen Gesellschaft spielt. Damit die Wissenschaft diese Rolle aber wahrnehmen kann, so ALLEA-Präsident Günter Stock, sei es wichtiger denn je, „einen klaren Standpunkt für die evidenzbasierte Wissenschaft, den fruchtbaren Austausch von Wissen und die Autonomie der Wissenschaften einzunehmen“. Eine Sichtweise, der sich auch die weiteren Vortragenden des Symposiums, darunter ÖAW-Ehrenmitglied Irmgard Griss, wirkliches Mitglied Andre Gingrich, ERC-Präsident Jean-Pierre Bourguignon, Wissenschaftspublizist Jan Velterop und die französische Physikerin Michèle Leduc, in ihren Beiträgen anschlossen.