21.06.2017

„STEIN DER ERINNERUNG“ WÜRDIGT ETHNOLOGIN MARIANNE SCHMIDL

Die von den Nationalsozialisten ermordete österreichische Ethnologin Marianne Schmidl wird in Wien mit einem Gedenkstein gewürdigt. Auch das Institut für Sozialanthropologie der ÖAW zählt zu den Stiftern. Im Interview erzählt die Sozialanthropologin Katja Geisenhainer über Leben und Forschung der ersten Frau, die in Wien in Völkerkunde promoviert hat.

Sie fallen ganz unvermutet ins Auge: Kleine quadratische Pflastersteine aus Messing, in die die Namen und Lebensdaten von Opfern des Holocaust eingefasst sind. Seit 15. Juni 2017 ist ein neuer „Stein der Erinnerung“ auch auf dem Gehsteig vor der Eichendorffgasse 7 im Wiener Gemeindebezirk Döbling zu finden. Er erinnert an die Ethnologin Marianne Schmidl, einer Wegbereiterin der Ethnomathematik, die 1942 von ihrem dortigen Wohnhaus in das Ghetto Izbica deportiert wurde und im Holocaust umkam. Gestiftet hat den Gedenkstein das Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gemeinsam mit der Universität Wien und der Anthropologischen Gesellschaft in Wien.

Den Anstoß zur Gedenksteinlegung hat die Sozialanthropologin Katja Geisenhainer gegeben. Sie hat über Marianne Schmidl geforscht. Im Interview erzählt sie vom Leben und Forschen der ersten Frau, die 1915 an der Universität Wien im Fach Völkerkunde promoviert hat, und deren Forschungskarriere und schließlich auch Leben abrupt mit der Deportation beendet wurden.  

In der Öffentlichkeit ist Marianne Schmidl noch wenig bekannt. Wer war sie?

Geisenhainer: Marianne Schmidl wurde 1890 in Wien geboren und verbrachte hier auch die meiste Zeit ihres Lebens. Für ihre Familie war eine gute Ausbildung auch für Mädchen und Frauen eine Selbstverständlichkeit. Schmidl hatte nach dem Besuch des Gymnasiums von Eugenie Schwarzwald zunächst ab dem Wintersemester 1910/11 Mathematik und theoretische Physik studiert.

Schon während dieser Zeit besuchte sie auch Veranstaltungen beispielsweise des Volkskundlers Michael Haberlandt, trat in den Verein für Österreichische Volkskunde ein, unternahm eine erste Studie im Ötztal und publizierte einen Beitrag über „Flachsbau und Flachsbereitung in Umhausen“. Zum Wintersemester 1913/14 wechselte sie dann offiziell zu Ethnologie im Hauptfach und Anthropologie und Prähistorische Archäologie im Nebenfach. Fortan beschäftigte sie sich mit völkerkundlichen Fragen, selbst als sie eine feste Anstellung an der Nationalbibliothek annahm.

Worüber hat Schmidl geforscht?

Geisenhainer: In ihrer Dissertationsschrift „Zahl und Zählen in Afrika“ widmete sie sich sowohl einem mathematischen als auch einem völkerkundlichen Thema. Unter Bernhard Ankermann, bei dem sie nach ihrem Studium als wissenschaftliche Hilfskraft am Berliner Museum für Völkerkunde angestellt war, nahm sie ihre kulturhistorische Studie über afrikanische Korbarbeiten auf. In den folgenden Jahrzehnten befasste sie sich dann überwiegend mit der afrikanischen Kulturgeschichte und eben afrikanischen Körben. Mitte der 1920er Jahre unternahm Marianne Schmidl auch eine Feldstudie bei den Schopen in Bulgarien und publizierte zwei Beiträge und zwar in der Festschrift für Michael Haberlandt und für die Nationalbibliothek in Wien. Übrigens ist Marianne Schmidl auf einer Gedenktafel neben dem Eingang des Wiener Museums für Volkskunde genannt.

Welchen wissenschaftlichen Beitrag hat sie zur Ethnologie geleistet?

Geisenhainer: Mit ihrer Dissertationsschrift hat Marianne Schmidl einen frühen Beitrag zur Ethnomathematik geleistet, der auch heute noch immer wieder zitiert wird. Die Ethnomathematik hat sich erst allmählich seit den 1970er Jahren als eigene Fachrichtung etabliert. Ihre Vertreter/innen bemühen sich etwa darum, der weitverbreiteten Ansicht entgegenzutreten, die uns vertrauten Ansätze in der Mathematik seien universal und würden sich weltweit teleologisch entwickeln. Die Ethnomathematik ist nicht zuletzt auch für die interkulturelle Pädagogik und Didaktik von Bedeutung.

Schmidls Hauptinteresse galt jedoch der Geschichte Afrikas und den afrikanischen Korbflechtarbeiten. Sie studierte im Rahmen ihrer kulturhistorischen Betrachtung Form und Technik verschiedener Körbe und ihre Verbreitung. Ihre Recherche-Ergebnisse über das Vorkommen bestimmter Korbtypen und Flechttechniken in Afrika ist noch heute für alle von Interesse, die sich mit materieller Kultur allgemein und mit Körben im Besonderen befassen.

Damals in der Ethnologie keineswegs unübliche rassenkundliche Erklärungsmuster finden sich bei Marianne Schmidl so gut wie nie.


Gab es etwas Besonderes an ihrem Forschungsansatz?

Geisenhainer: Besonders bemerkenswert ist, wie sich Marianne Schmidl unter dem Einfluss von Vertretern verschiedener theoretischer Richtungen bemühte, einen eigenen Weg zu finden. Ihr eigen war eine sehr gründliche Arbeitsweise und eine besondere Zurückhaltung bei Schlussfolgerungen. Sie distanzierte sich wesentlich stärker als viele ihrer Zeitgenossen von einfachen Zuschreibungen, erwog zunehmend unterschiedliche Wege der kulturellen Beeinflussung und verfiel dabei verhältnismäßig wenig in wertende Formulierungen. Damals in der Ethnologie keineswegs unübliche rassenkundliche Erklärungsmuster finden sich bei Marianne Schmidl so gut wie nie.

Der „Stein der Erinnerung“ wurde in der Eichendorffgasse 7 gelegt. Warum dort?

Geisenhainer: Marianne Schmidl war 1935 in die Eichendorffgasse 7 gezogen. Hier hatte sie in der obersten Etage, eine kleine Wohnung gemietet, in der sie bis zu ihrer Deportation im April 1942 wohnte. Sie war alleinstehend. Ihr Vater war 1916 und ihre Mutter 1934 gestorben. Ihre einzige Schwester hatte 1925 die Geburt ihres dritten Kindes nicht überlebt. Marianne Schmidl stand im regelmäßigen Kontakt zu ihren Nichten und ihrem Schwager, der immer wieder für sie eintrat und sie zu schützen aber auch zu überreden versuchte, zu emigrieren. Schmidls Nichten, die zum Zeitpunkt der Deportation ihrer Tante 23 und 26 Jahre alt waren, lebten in großer Angst, überlebten jedoch glücklicherweise den Holocaust.

Seit einigen Jahren bemüht man sich um Restitution der Kunstwerke aus der Kunstsammlung der Familie Schmidl, teilweise schon mit Erfolg.


Was ist mit Schmidls Vermögen, ihrer Sammlung und ihren Schriften passiert?

Geisenhainer: Wie alle Juden oder als Juden eingeordnete Menschen hatte auch Marianne Schmidl das „Verzeichnis über das Vermögen von Juden“ auszufüllen und musste sogenannte „Judensteuer“ bezahlen. Ihr Geld war sehr schnell aufgebraucht. So sah sie sich gezwungen, eine Anzahl von sich im Familienbesitz befindlichen Kunstwerken ihrer Vorfahren, den Brüdern Olivier, einem Wiener Kunsthändler zum Verkauf zu übergeben. Seit einigen Jahren bemüht man sich um Restitution dieser Kunstwerke, teilweise schon mit Erfolg.

Einen Nachlass von Marianne Schmidl gibt es in dem Sinne nicht, nur einzelne verstreute Splitter. Einige Briefe von ihr aus jungen Jahren sind im Familienbesitz. Teile ihrer Korrespondenz und Aufzeichnungen finden sich heute in den Nachlässen der Adressaten bzw. in den Archiven der Museen und Institute.