24.10.2016

„Wir können ohne andere Organismen nicht überleben“

Geschichte wird nicht nur von Menschen gemacht – auch Pflanzen, Pilze und Bakterien greifen in den Lauf der Welt ein, erklärt die Sozialanthropologin Anna L. Tsing im Interview. Sie hielt an der ÖAW die diesjährige Eric Wolf Lecture.

Können Pflanzen, Pilze und Bakterien die Entwicklung von Gesellschaften rund um den Globus beeinflussen? Die US-amerikanische Sozialanthropologin Anna L. Tsing ist davon überzeugt. Bereits seit einigen Jahren setzt sie sich daher für einen Perspektivenwechsel im Verständnis der Menschheitsgeschichte ein: „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als in nicht-menschlichen Organismen unsere Gefährten in der Geschichtsschreibung zu sehen.“

Tsing hielt am 17. Oktober 2016 auf Einladung des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unter dem Titel „Others Without History“ die diesjährige Eric Wolf Lecture in Wien. Im Interview erzählt sie, wie eine wunderschöne Wasserhyazinthe zum Problem werden kann, warum wir die Natur nicht nur als Ressource sehen dürfen und weshalb der Mensch endlich anfangen sollte, mit den Organismen um ihn herum zu kooperieren.

In Ihrer Forschung versuchen Sie, Momente aufzuzeigen, an denen sich die Menschheitsgeschichte und die Entwicklung von Pflanzen, Tieren oder Bakterien gegenseitig stark beeinflusst haben. Wo war das der Fall?

Anna L. Tsing: Im Prinzip seitdem es den „Homo sapiens“ auf der Erde gibt. Es lassen sich aber einige Zeitpunkte hervorheben – vor allem die Industrialisierung, als man begann, in unserem Planeten eine Anhäufung unterschiedler, verwertbarer Ressourcen zu sehen. 

Ein interessantes Beispiel, das ich auch im Vortrag erwähnte, ist die Geschichte der Wasserhyazinthe – einer Wasserpflanze, die wunderschön violett blüht und ursprünglich aus dem tropischen Südamerika stammt. Dort wuchs sie vorwiegend in stark bewegten Gewässern, wo sie immer wieder weggespült wurde und somit erneut wachsen musste. Im 19. Jahrhundert wurde sie dann von europäischen Botanikern entdeckt, die sie weltweit in künstlich angelegten Teichen züchteten. In diesen stillen Gewässern vermehrte sich die Pflanze prächtig beziehungsweise zu prächtig, woraufhin die Gärtner den Überschuss in nahegelegenen Flüssen entsorgten.

Das war Ende des 19. Jahrhunderts. Zeitgleich trieben Ingenieure weltweit den Wasserbau voran. Das heißt, es entstanden überall flache, ruhige Gewässer in Form von Füllbecken, Be- und Entwässerungskanälen etc. Damit schufen sie aber ideale Bedingungen für die Wasserhyazinthe, die nun überall zu wuchern begann und schließlich alle Kanäle verstopfte.

Wo hat sich das besonders ausgewirkt?

Tsing: In erster Linie in warmen Gefilden, beispielsweise in Ägypten, wo die Pflanze zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeschleppt wurde. Anfangs blieb sie nur in den urbanen Kanälen. Mit dem Bau des Assuan-Staudamms in den 1970er Jahren verlangsamte sich aber der Nil, wodurch sich die Hyazinthe auch dort ausbreiten konnte und zur Pest wurde. Dasselbe gilt für den Panamakanal. Ich nenne die Wasserhyazinthe deshalb auch den „Ingenieurs-Fanclub“, weil die Pflanze stets dem modernen Wasserbau folgte.

Was lässt sich daraus lernen?

Tsing: Es ist eines der Beispiele dafür, wie Menschen versucht haben, die Natur zu kontrollieren und sie zu vereinfachen – in diesem Fall das Wasser. Das führte aber zu einem anderen „Natur-Problem“. Darüber hinaus veränderte der Wasserbau auch die Pflanze selbst, die sich plötzlich leichter fortpflanzte, wie Biolog/innen nachwiesen. Zudem zeigt es, dass technische Lösungen manchmal nicht die richtigen Lösungen sind – das heißt, es reicht nicht die Erde maximal zu kontrollieren, um bestmöglich zu überleben. Das ist vor allem hinsichtlich künftiger Entwicklungen und Herausforderungen wichtig zu verstehen.  

In Ihrem Buch "The Mushroom at the End of the World" sprechen sie davon, dass die Lösung solcher Dilemmata und anderer Umweltprobleme nur mithilfe des Prinzips des "gemeinsamen Überlebens" gelingen kann. Was meinen Sie damit?

Tsing: Menschen können ohne andere Organismen nicht überleben, wir sind auf die Pflanzen, Tiere und Bakterien angewiesen. Das heißt, wir müssen kooperieren – Menschen untereinander aber auch mit „Nicht-Menschen“.

Wie sieht eine solche Zusammenarbeit aus?

Tsing: Unsere Aufgabe ist es, Landschaften und Ökosysteme zu erhalten, in denen viele Organismen miteinander existieren können. In meinem Buch beschreibe ich beispielsweise die Symbiose zwischen dem Matsutake-Pilz – einer japanischen Delikatesse und den Rotkieferbäumen und deren Wurzeln. Der Pilz kann nicht gezüchtet werden, sondern ist von den Bäumen abhängig, die den Delikatessenpilz mit Kohlenhydraten versorgen. Dieser wiederum liefert dem Baum ebenfalls besondere Nährstoffe. Menschen sind hier aber keinesfalls ausgeschlossen, denn der Pilz darf gesammelt werden. Allerdings zeigt es uns, dass wir die Grenzen von Wachstum und natürlicher Produktion respektieren müssen. Nur so haben wir eine Chance.

Plantagen, bei denen über weite Teile nur eine Pflanzensorte angebaut wird, sind hingegen das absolute Gegenteil. Eine solche Monokultur erschwert nicht nur den dort bewirtschafteten Pflanzen das Überleben, weshalb sie ständig mit Chemikalien vor Schädlingen „geschützt“ werden müssen, sondern letztlich auch das Überleben des gesamten Planeten. Wenn wir weiter darauf bestehen, dass wir Nutzpflanzen nur für mehr Wachstum, mehr Ernte, mehr Gewinn produzieren, bleiben nicht genug unterschiedliche Lebensformen übrig, die letztlich unser Überleben sichern. Das meine ich mit „gemeinsam, kollaborativ überleben“.