18.01.2018

Wie klang die Antike?

Vor rund einhundert Jahren fanden Archäologen Bruchstücke von Musikinstrumenten vor einer Pyramide. Der ÖAW-Philologe und Musikexperte Stefan Hagel weiß, wie sie geklungen haben könnten.

Seit inzwischen zwanzig Jahren beschäftigt sich der Altertumswissenschaftler Stefan Hagel vom Institut für Kulturgeschichte der Antike der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit dem Klang antiker Musik. Seit drei Jahren nimmt er an einem besonders faszinierenden Projekt teil: der Wiederherstellung von zwölf Spielrohren, deren Fragmente 1921 in den Ruinen der nubischen Hauptstadt Meroë gefunden wurden – im Zugang zur Grabkammer der Königin Amanischacheto, die im ersten Jahrhundert v. Chr. regierte. Bis vor Kurzem wäre es nicht möglich gewesen, hinter das Klang-Rätsel der im Griechischen "Aulos" genannten Instrumente zu kommen, erklärt Hagel im Interview. „Es ist nicht zuletzt der Computer, der es uns nun ermöglicht, die Musik zu verstehen und nachzubauen.“

Herr Hagel, von den Spielrohren gibt es nur Knochensplitter, Bronze- sowie Silberstücke und andere Fragmente. Haben Sie dennoch eine Idee, wie diese Spielrohre als Ganzes ausgesehen haben?

Stefan Hagel: Abgesehen von besser erhaltenen Funden kleinerer Instrumente gibt es auch Malereien und Mosaike, Statuen und Reliefs, wo wir sehen, wie die Instrumente gehalten wurden und wie sie ausgesehen haben – etwa die Mundstücke, die sich bis heute nicht erhalten haben. „Auloi“ wurden paarweise gespielt. Das heißt, man blies in zwei Mundstücke und bespielte mit der rechten und linken Hand zwei Rohre gleichzeitig.

Die Mundstücke glichen dabei den Mundstücken von Oboen; es war also ein Doppelrohrblatt, das aus Schilfrohr angefertigt wurde. Die Instrumente klangen aber eine Oktave tiefer als eine gleichlange Oboe, weil sie zylindrisch gebohrt waren wie eine Klarinette.

Konnten Sie diese Instrumente bereits zusammenbauen?

Hagel: Es war mir möglich, in den letzten Jahren antike Instrumente anderer Funde zu rekonstruieren, die zum Teil ähnlich sind. Sofern wir es derzeit beurteilen können, dürfte beim Meroë-Fund zwar praktisch alles Material erhalten geblieben sein. Das Problem war nur, dass die Instrumente an den Nahtstellen in rund 150 Einzelteile zerfallen sind. Die Herausforderung ist nun, aus diesen Puzzleteilen Instrumente herzustellen, ohne zu wissen, wie viele es genau sind, um welche unterschiedlichen Arten es sich handelt und was darauf gespielt wurde. Für den Großteil der Instrumente haben wir mittlerweile solide Hypothesen; für einige habe ich auch schon spielbare Modelle im 3D-Druckverfahren erstellt.

Für einige antike Instrumente wurden schon spielbare Modelle im 3D-Druckverfahren erstellt.

Wie muss man sich die Arbeit daran vorstellen?

Hagel: Sobald man eine grundlegende Vorstellung von einem Instrument hat, funktioniert sehr viel über Computersimulationen. Damit können wir sehr genaue Vorhersagen machen. Zu diesem Zweck habe ich ein Computerprogramm entworfen, das die Tonhöhen und Intervalle berechnet. Dann kann man bestimmte Parameter – wie etwa die Länge der nicht erhaltenen Rohrblätter – so lange verschieben, bis sich eine musikalisch überzeugende Interpretation ergibt.

Um dahin zu gelangen, muss man aber zuvor plausible Möglichkeiten finden, wie diese Dutzenden Teile erst einmal zusammengehören können. Das kann der Computer nicht, schon weil die Einzelteile nicht digital erfasst sind. Vielmehr habe ich mir hier die Fingerlochabstände auf Papier ausgedruckt, die den Tönen der antiken Tonleitern entsprechen, gemäß ihrer absoluten Tonhöhe, wie sie uns aus anderen Quellen bekannt ist. Die Antike hatte nämlich sozusagen einen eigenen Kammerton. Seine Frequenz lag mit 490 Hertz etwas über dem modernen „a“. Nur mit Hilfe einer solchen Vorlage konnte es letztlich gelingen, die Bruchstücke sinnvoll aneinanderzureihen. 

Wie ist eine Tonleiter von damals mit jener von heute zu vergleichen?

Hagel: Manchmal waren die Tonintervalle etwas größer und manchmal etwas kleiner als die Tonabstände in der modernen Musik. Außerdem wissen wir von vergleichbaren Funden aus Pompei, dass wichtige Töne größere Klanglöcher haben konnten, sodass anders als bei den meisten heutigen Instrumenten bereits eine harmonische Hierarchie sozusagen eingebaut war.

Wir haben Papyrus-Fragmente, auf denen Musik in Form von Buchstaben niedergeschrieben steht. Das hilft, nachzuvollziehen, welche Töne mit den Instrumenten gespielt wurden.

Hat man eine Ahnung, wie diese Instrumente damals geklungen haben und was sie gespielt haben?

Hagel: In der antiken Literatur findet man durchaus Hinweise, wie diese Instrumente geklungen haben. Zudem haben wir auch Papyrus-Fragmente, auf denen Musik in Form von Buchstaben niedergeschrieben steht. Auch das hilft, nachzuvollziehen, welche Töne mit den Instrumenten gespielt wurden. Man versucht nun alle Bausteine miteinander zu verbinden.

Warum kann man das Instrument nicht einfach nachbauen?

Hagel: Letztlich passiert das auch. Wenn man die Dinge aber nur einfach nachbaut und beispielsweise mit verschiedenen Mundstücken experimentiert, hat man einerseits ein Zeitproblem und andererseits lässt sich nicht vermeiden, dass eine moderne Spielerin oder ein moderner Spieler das Instrument schließlich so bedient, dass für sie bzw. ihn vertraute Töne entstehen. Hier kann der Computer besser herausfinden, für welche Tonleitern die Instrumente tatsächlich gebaut waren.