30.04.2018

Was war Stonehenge?

Die Kultstätte aus der Steinzeit gibt der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Der britische Archäologe Michael Parker Pearson ist überzeugt: Das Monument war eine Grabanlage.

Riesige bearbeitete Steine, zusammengestellt in mehreren konzentrischen Kreisen bilden eines der bekanntesten – und rätselhaftesten – Monumente der Menschheitsgeschichte: Stonehenge. Jahrhunderte lang wurden Spekulationen darüber angestellt, welchem Zweck die Kultstätte im Süden Englands gedient haben könnte.

Der britische Archäologe Michael Parker Pearson ist überzeugt, die Lösung des Rätsels gefunden zu haben. Über zehn Jahre lang führten er und sein Team Ausgrabungen in und um Stonehenge durch und kamen dabei zu dem Ergebnis: Bei der Anlage aus der Jungsteinzeit handelt es sich um eine Grabstätte.

Was wir heute über die Ursprünge und die Toten von Stonehenge wissen, erläutert der Forscher vom University College London nun bei der Konferenz „Beyond Death“, die auf Einladung des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) vom 2. bis 4. Mai in Wien stattfindet. Sie befasst sich mit dem Umgang mit Verstorbenen, sterblichen Überresten und Grabstätten in der Kulturgeschichte.

Was sagen uns die Toten über die Geschichte von Stonehenge?

Michael Parker Pearson: Wir haben 2013 herausgefunden, dass Stonehenge der größte Friedhof des dritten Jahrtausends vor Christus in Großbritannien war. Die Grabstätte enthielt wahrscheinlich über 100 Brandbestattungen. Ungefähr 60 von ihnen wurden ausgegraben und datiert. Die Grabanlagen dürften zwischen 3.000 und 2.400 vor Christus zum ersten Mal errichtet worden sein. Stonehenge ist zudem eine von etwa zehn zirkularen Grabanlagen, die alle zu dieser Zeit entstanden sind und die man aus verschiedenen Gegenden in Großbritannien aus dieser Periode kennt. Wir bezeichnen alle diese Grabstätten als „Formative Henges“. Manche von diesen Stätten hatten aber auch fixierte Steine, die nicht mehr verändert wurden.

 

Stonehenge war der größte Friedhof des dritten Jahrtausends vor Christus in Großbritannien.

 

Welche Erkenntnisse konnten Sie aus der Erforschung menschlicher Gebeine in Stonehenge gewinnen?

Parker Pearson: Die Funde haben uns sehr viel über die Demografie, das Alter, das Geschlecht und die Gesundheit der Menschen in dieser Zeit erzählt. Es handelt sich vorwiegend um Frauen und Männer. Kinder waren kaum darunter. Das ist sehr ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass die Kindersterblichkeit enorm hoch war und könnte zugleich auch ein Hinweis dafür sein, dass nicht jedermann in Stonehenge begraben werden durfte.

Gibt es dafür weitere Indizien?

Parker Pearson: Die Grabbeigaben, in Form von behauenen Keulenköpfen aus Stein, sind beispielsweise ein solches Indiz. Sie verraten uns, dass es sich hier um eine besondere Elite gehandelt haben muss und das schon in der frühen Phase der Anlage, gegen 3.000 vor Christus. Die Keulenköpfe waren damals ein Zeichen von Prestige und ein Symbol von Autorität. Die Überreste haben uns geholfen, ein Bild der Menschen hinter dem Monument zu zeichnen, das wir vorher nicht kannten. So kamen wir zu der Annahme, dass Stonehenge ein Ort des Ahnenkults und somit als ein Ort für die Geister der Vorfahren gedacht war, im Gegensatz zu Durrington Walls, drei Kilometer nordöstlich von Stonehenge, das wir als „Land der Lebenden“ bezeichnen. Hier wohnten vermutlich auch Arbeiter, die an der letzten großen Ausbauphase des Steinkreises beteiligt waren.

 

Die Grabbeigaben verraten uns, dass es sich hier um eine besondere Elite gehandelt haben muss. 

 

Sie haben mit einem Forscherteam auch herausgefunden, dass die Blausteine für diese Gräber aus Wales stammen. Wie das?

Parker Pearson: Der äußere Monolith-Ring von Stonehenge stammt tatsächlich aus Wales. 2015 haben wir in Wales zwei Steinbrüche entdeckt, einen an der Nordseite von Preseli Hills und einen anderen an der Küste von Prembrokeshire. Die Steine wurden dort bereits 500 Jahre bevor sie in Stonehenge aufgerichtet wurden, gebrochen. Wir haben daraufhin die These entwickelt, dass die Steine nach Stonehenge transportiert wurden, um dort eine Art „Denkmal der Vereinigung“ zu erbauen. Hierbei sollten die beiden neolithischen Kulturen der westlichen und südöstlichen Hälfte Großbritanniens ein gemeinsames Monument erhalten.

Wie war es technisch überhaupt möglich, die Steine zu transportieren?

Parker Pearson: Damals gab es noch keine Räder, also mussten die Steine gezogen werden. Vermutlich wurden die einzelnen Steine auf einer Art Holzschlitten befestigt. So war es wahrscheinlich möglich, die Steine über längere Strecken hinweg fortzubewegen. Aus der Ethnographie wissen wir mittlerweile, dass bei den großen Megalithen hunderte von Menschen notwendig waren, die den Schlitten eines solchen großen Steines gezogen haben.

 

Bei den großen Megalithen waren hunderte von Menschen notwendig, die den Schlitten eines solchen großen Steines gezogen haben.

 

Stonehenge galt lange als eines der großen Rätsel der Jungsteinzeit. Welche Fragen sind in der Stonehenge-Forschung noch unbeantwortet?

Parker Pearson: Eine wichtige Frage ist zum Beispiel, wo die Erbauer des ersten Stonehenge gelebt haben. Wir glauben, dass es beim Bau des zweiten Stonhenge in Durrington Walls bereits große Siedlungen vor Ort gegeben hat. Für das erste jedoch trifft diese Annahme nicht zu. Eine weitere Frage dreht sich um die Beziehung zwischen den mesolithischen Jägern und Sammlern, die am Flussufer des Avon in großen Siedlungen lebten und den einwandernden neolithischen Farmern aus Europa, die ihre Grabhügel zwischen 3.800 und 3.400 vor Christus dort errichtet haben. Noch immer erforschen wir etwa, ob die Farmer diesen Teil der Ebene von Salisbury als ihre Himmelsachse, also als die Verbindung zwischen dem Zentrum von Himmel und Erde betrachteten. Schon im kommenden Jahr erwarten wir aber die nächsten Forschungsergebnisse zu einigen dieser noch ungeklärten, spannenden Fragen.