19.08.2014

Walter Thirring verstorben

Die Akademie trauert um den Doyen der österreichischen Physik

1945, eben aus einem Lazarett in Tirol entlassen, konnte Walter Thirring – nach einem eingehenden Gespräch mit Dekan Arthur March – an der Universität Innsbruck sein Physikstudium beginnen. Kriegsbedingt hatte der Sohn des Wiener Physikers Hans Thirring keine Matura ablegen können, überzeugte indes durch sein profundes Wissen der theoretischen Physik. „Ich bin ihm (March) bis heute noch dankbar, denn er hat mir vielleicht zwei Jahre erspart, und die hätten mich später zum Beispiel die Bekanntschaft mit Albert Einstein kosten können“, erinnerte sich Thirring später in seiner Autobiographie „Lust am Forschen“.

Unmittelbar nach seiner Promotion an der Universität Wien 1949 ging Thirring ins Ausland und arbeitete unter anderem mit Erwin Schrödinger in Dublin, mit Werner Heisenberg in Göttingen und Wolfgang Pauli an der ETH Zürich, und lernte schließlich in Princeton Albert Einstein kennen. Ab 1959 war Walter Thirring Professor für theoretische Physik an der Uni Wien und in dieser Funktion Lehrer und Mentor vieler führender österreichischer Physiker. Zwischen 1968 und 1971 leitete er als Direktor die Abteilung für theoretische Physik am CERN. 1966 war Walter Thirring zum Mitglied der Akademie gewählt worden. Internationale Anerkennung erfuhr er unter anderem durch Mitgliedschaften an der National Academy of Sciences, Washington, der Pontificia Academia Scientiarum in Rom, der Ungarischen Akademie der Wissenschaften sowie der der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. 1993 wurde ihm das Große Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst verliehen.

Thirring entwickelte das sogenannte „Thirring-Modell“, wies mit dem US-Physiker Elliot Lieb nach, dass Materie stabil ist und verfasste eine Vielzahl physikalischer Lehrbücher wie auch populärwissenschaftlicher Werke. Als religiöser Mensch pflegte er Kontakte zu Vertretern verschiedener Glaubensgemeinschaften, darunter zu Kardinal Franz König. So initiierte er denn auch die dem Dialog zwischen Religionen und Naturwissenschaften gewidmeten Kardinal-König-Vorlesungen. Daneben widmete er sich seiner Liebe zur Musik. Thirring spielte Orgel ebenso wie Klavier und komponierte Kammermusik.

In der Nacht zum Dienstag ist Walter Thirring im Alter von 87 Jahren in Wien verstorben. Die Akademie trauert um den Doyen der österreichischen Physik.