13.11.2017

Streit um Darwin

Die Evolutionstheorie ließ bereits um 1900 die Wogen hochgehen. Zwar war sie in der Wissenschaft anerkannt. Aber dass Gott und Mensch als gestaltende Kraft der Evolution ausgeschlossen wurden, sorgte für Kritik, erzählt ÖAW-Historiker Johannes Feichtinger im Interview.

Die Evolutionstheorie von Charles Darwin ist längst wissenschaftlich belegt. Beliebt ist sie deswegen dennoch nicht überall. Mancherorts wird sie sogar wieder aus den Schullehrplänen gestrichen oder es werden „Alternativen“ zu ihr unterrichtet. Der Streit um Darwin ist aber nicht neu. Bereits um 1900 wurden die Erkenntnisse des britischen Naturforschers heftig diskutiert, nicht zuletzt im Wien des Fin de Siècle.

Das machte das Symposium „Darwin in Zentraleuropa“ deutlich, das am 9. und 10. November 2017 von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Ignaz-Lieben-Gesellschaft in Wien veranstaltet wurde. Dort stellten Historiker/innen die neuesten Erkenntnisse zur Rezeption der Lehren Darwins in Zentraleuropa im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor.

Johannes Feichtinger vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW erzählt im Interview von der positiven Resonanz, die Darwins Evolutionstheorie in Europa erfahren hat, aber auch von der heftigen Kritik, der seine Selektionstheorie ausgesetzt war.

Herr Feichtinger, Sie sprachen beim Symposium über die Krise des Darwinismus, zur Zeit des Fin de Siècle. Was ist damit gemeint?

Johannes Feichtinger: Mir ging es darum, den Darwinismus, beziehungsweise die Krise um Darwin um 1900 in Europa und insbesondere in Österreich darzustellen. Vor allem in Wien ist die Lehre Darwins in der Bevölkerung, wie auch in wissenschaftlichen Kreisen, gut angekommen. Das Entscheidende dabei ist, dass zwar die Evolutionstheorie damals schon viele Anhänger hatte, die Selektionstheorie aber kritisiert wurde – und das massiv. Nicht nur bei den Professoren für Zoologie und Botanik, sondern auch bei jenen vieler anderer Disziplinen.

Das Entscheidende ist, dass zwar die Evolutionstheorie viele Anhänger hatte, die Selektionstheorie aber kritisiert wurde – und das massiv.

Worin bestand die Kritik?

Feichtinger: Die Biologen um 1900 stellten sich die Frage, wie höhere Entwicklung möglich ist. Sie waren der Meinung, dass die Selektion auf alle Fälle unzureichend ist, um dies zu erklären. Viele Menschen waren zu dieser Zeit Anhänger von Lamarck, der sagte, dass erworbene Eigenschaften vererbt werden können.

Letztendlich hat Darwin Gott aus der Evolution vertrieben und damit auch gleichzeitig den Menschen als gestaltende Kraft. Die Bürger in Wien konnten es wohl nicht ertragen, dass der Mensch keine Handlungsfähigkeit hinsichtlich der Entwicklung des Menschen besitzt. Dieser Ansicht kamen natürlich die Überlegungen von Lamarck entgegen.

Letztendlich hat Darwin Gott aus der Evolution vertrieben und damit auch gleichzeitig den Menschen als gestaltende Kraft.

Darwin wurde in Wien also bejubelt und zugleich kritisiert?

Feichtinger: Im Jahr 1909 wurde der 100. Geburtstag von Darwin gefeiert und in Wien fanden sechs Gedenkfeiern statt. Dort kam dann auch Widerstand zum Ausdruck.

Mit der Biologischen Versuchsanstalt im Prater gab es damals eine bedeutende Einrichtung des Faches in Wien. Wie wurden Darwins Erkenntnisse dort gesehen?

Es war eine der ersten Einrichtungen weltweit, wo Biologie experimentell betrieben wurde. Auch dort wollte man nachweisen, dass die im Leben erworbenen Eigenschaften vererbt werden. Die Forschenden dieser Station meinten, dass die Selektion einfach nicht ausreiche, um eine höhere Entwicklung zu erreichen. Paul Kammerer etwa, wollte anhand von Versuchen mit Geburtshelferkröten die Vererbung erworbener Eigenschaften beweisen. Seine Experimente schienen positiv, er wurde aber der Fälschung bezichtigt und nahm sich schließlich das Leben.

Konnte der Streit um Darwin schließlich gelöst werden?

Letztendlich war eine Lösung des Konflikts nicht wirklich möglich. Denn die Selektionstheorie besagt, dass nur die am besten an die Umwelt angepassten Lebewesen im „Kampf ums Dasein“ überleben, der Mensch selbst aber nichts tun kann, um sich zu verbessern. Er ist ein Kind seiner Erbanlagen. Damit konnten viele Menschen zu dieser Zeit nicht umgehen.