22.03.2018

Online nach der Bronzezeit graben

Die Menschen der späten Bronzezeit kannten noch keine Schrift. Darum müssen sich Forscher/innen heute auf Funde in Grabstellen und Siedlungen verlassen, wenn sie mehr über den Alltag vor 3.000 Jahren erfahren wollen. Eine neue Online-Datenbank führt die Grabungsergebnisse europaweiter Fundstätten nun zusammen. Damit wird die archäologische Auswertung massiv erleichtert.

“Die Zeit zwischen dem 13. und 8. Jahrhundert v. Chr. nennt man Urnenfelderzeit. Zwar wurden die Toten auch vor und nach dieser Periode verbrannt, doch es gab in Europa zuvor nie eine solche Uniformität im Umgang mit den Körpern der Verstorbenen”, erklärt Mario Gavranović vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Feuerbestattung als rituelle Gemeinsamkeit macht sich sein, zusammen mit den ÖAW-Kolleginnen Michaela Lochner und Katharina Rebay-Salisbury, betriebenes Forschungsprojekt nun zu Nutze. Es zeichnet Fundstätten von Urnen in eine digitale Europakarte ein, die im Internet abrufbar ist und interaktiv ergänzt werden kann.

Grabstellen und Grabbeigaben online finden

Die von Forscher/innen aus aller Welt zuvor mit Daten befüllte Karte und Datenbank „Cremation Bronze Age Burials“ lässt sich nach verschiedenen Parametern durchkämmen: So kann man im Suchmodus erfahren, ob sich in einer Grabstelle männliche und/oder weibliche Tote befunden haben und mit welchen Grabbeigaben diese ausgestattet  waren. Schmuck, Waffen oder Essensgaben – wie Getreidekörner oder Fleischstücke – sind ebenfalls online verzeichnet.

 

 

Für Wissenschaftler/innen kann es zudem hilfreich sein, auch die Bodenqualität bei den Abfragen in Betracht zu ziehen. Denn manche Böden konservieren organische Grabbeigaben wie Muscheln oder Knochenartefakte, Holzobjekte, Leder oder auch Textilien, besser als andere. Je nach Lage und Bodenbeschaffenheit der Grabstätten finden sich als Grabbeigaben dann Wildschweinhauer oder Muschelketten, die die Toten als Talisman trugen. Bei einer Datenbanksuche in Kombination mit der Kartenansicht lassen sich darüber hinaus lokale Besonderheiten ebenso wie die Lage des Grabes schnell erkennen und in größere Zusammenhänge einordnen.

Mausklick ersetzt langwierige Recherche

Fragt man zum Beispiel nach der Verbreitung eines bestimmten Nadeltyps, also eines aus Bronze geschmiedeten Kleidungsverschlusses, hat man mit wenigen Klicks ein Ergebnis. “Wenn sich die Dynamik der Dateneingabe so wie erwartet entwickelt, dann spart man sich durch den gemeinsamen Datenpool monatelange Literaturrecherche und umgeht auch Sprachbarrieren“, erklärt Gavranović, dessen Datenbank auf Englisch erstellt ist. Möglich wären aber auch wesentlich komplexere Abfragen. Gavranović nennt als Extrembeispiel die Suche nach „weiblichen Urnengräbern mit einer beigegebenen Bronzenadel in einer rechteckigen Grabgrube mit einer oberflächlichen Steinmarkierung und einem maximalen Abstand von 500 Metern zwischen Gräberfeld und nächstgelegener Siedlung“. 

Sinnvoll sind solche kombinierten Abfragen etwa dann, wenn „Nutzer/innen der Datenbank zum Beispiel wissen möchten, ob eine bestimmte Beigabe – zum Beispiel ein bestimmtes Keramikgefäß – sowohl in Männer- und Frauengräbern vorkommt oder überwiegend bei einem Geschlecht“, erklärt der ÖAW-Forscher. Denn allgemeinere Aussagen über die Lebensweise der Bronzezeit-Menschen lassen sich nur auf Basis einer gewissen Datenfülle treffen – und diese soll die neue Datenbank mithilfe der Scientific Community zukünftig bieten.

Vom Studenten bis zur Archäologieprofessorin

Eintragen und nutzen kann die Daten “jeder, der sich für das Thema interessiert. Also etwa Studierende der Archäologie oder ausgebildete Archäolog/innen mit einem Forschungsschwerpunkt in Bronzezeit oder Gräberanalyse“, so Gavranović. Um in die Datenbank einsteigen zu können, gibt man den Administrator/innen kurz Auskunft über den eigenen Forschungshintergrund sowie das aktuelle Projekt – und schon wird ein personalisierter Account erstellt.

Dass auch Hobbyarchäolog/innen hier eine Chance wittern und möglicherweise Grabstätten plündern könnten, befürchtet Gavranović im Übrigen nicht: „Da es sich bei den erfassten Gräbern um bereits ausgegrabene Bestattungen handelt, wartet auf die ‚Raubgräber‘ bestenfalls ein leeres Loch“.