17.11.2016

Österreichs Sozialanthropologie goes Britain

Das renommierte Royal Anthropological Institute lud in London zum Anthropology in Austria Day ein. Wissenschafter/innen der ÖAW und der Universität Wien gaben einen Einblick in ihre aktuellen Forschungen – von urbaner Migration bis zur Industrialisierung tibetischer Medizin.

„Alles ist mit österreichischer Kultur- und Sozialanthropologie verbunden. Es wird oft unterschätzt, wie sehr Österreicher/innen diese Disziplin geprägt haben“, so der in Großbritannien lehrende Sozialanthropologe João de Pina-Cabral beim Tag der Österreichischen Kultur- und Sozialanthropologie in London am 8. November 2016.

Auf Einladung des Royal Anthropological Institute (RAI), der ältesten anthropologischen Gesellschaft der Welt, versammelten sich in den Räumlichkeiten der British Academy Vertreter/innen der österreichischen Sozialanthropologie um einem internationalen Publikum aktuellste Forschungen zu präsentieren. Nach Frankreich, Norwegen und Polen ist Österreich erst das vierte Land, dem die Gelegenheit gegeben wurde, vor der 1871 gegründeten Wissenschaftsgesellschaft zu sprechen.

Von Eurasien über Afrika bis Amerika

Neben David Shankland, dem Direktor des RAI, begrüßten daher auch der österreichische Botschafter in Großbritannien, Martin Eichtinger, und Heinz Fassmann, Vizerektor der Universität Wien, die Anwesenden, unter denen Größen des Faches, wie die britischen Anthropolog/innen Marilyn Strathern, Roy Ellen und David Gellner waren. Zusammengestellt von Andre Gingrich, Direktor des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), präsentierten die Wiener Forscher/innen von ÖAW und Universität Wien ein Programm, das die Vielfalt der österreichischen Sozialanthropologie wiederspiegelt: Von Migration und Mobilität zu Kunst und Medizin bis hin zu Umweltthemen, von Eurasien über Afrika bis zu den beiden Amerikas.
    
Wobei: den typischen österreichischen Anthropologen bzw. die typische Anthropologin gibt es eigentlich nicht, wie Peter Schweitzer, Vorstand des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien – dem nach Studierendenzahlen größten Institut des Faches in Europa – betonte. Heute sei die Sozialanthropologie global vernetzt und organisiere sich in regional- oder themenspezifischen Gruppen. Das zeigte er exemplarisch an seinen drei Forschungsschwerpunkten, Umwelt, Technologie und Infrastruktur sowie Jäger- und Sammlergesellschaften. Was das vielfältige Fach in Österreich eine, so Andre Gingrich, seien vor allem zwei Aspekte: das Erlernen von fremden Sprachen und die qualitative vergleichende Methode. Beides seien zentrale Voraussetzungen für ergiebige Aufenthalte im Feld.

Global vernetzt, lokal verwurzelt

Denn bei den Feldforschungen geht es längst nicht mehr um isoliert zu betrachtende, entlegene Dörfer, sondern um komplexe transnationale Prozesse gesellschaftlichen Zusammenlebens. Das veranschaulichte etwa der ÖAW-Sozialanthropologe Stephan Kloos, der ein vom europäischen Forschungsrat ERC (European Research Council) gefördertes Projekt leitet, das sich mit der weltweiten Industrialisierung traditioneller tibetischer Medizin befasst. Diese vereint heute den „Geist des Kapitalismus und die buddhistischen Geister“, so Kloos. Tibet ist einer der regionalen Schwerpunkte der Wiener Kultur- und Sozialanthropologie.

Was die österreichische Sozialanthropologie ebenfalls auszeichne, sei die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, wie Andre Gingrich hervorhob. So widmet sich aktuell ein Langzeitprojekt der Kollaboration, passiven Akzeptanz und dem Widerstand von Forscher/innen im Dritten Reich. Die Offenlegung und Problematisierung der eigenen Geschichte sei ein wichtiger Prozess, so Gingrich, und habe „neue Standards für die zeitgenössische Forschung jenseits von Rassismen gesetzt.“

Damit schließt Österreichs Sozialanthropologie auch an ihre Ursprünge an, denn ihre Wurzeln, daran erinnerten João de Pina-Cabral und der am Max-Planck-Institut für Sozialanthropologie forschende Chris Hann, lägen in der Zeit der Aufklärung. Gründerväter des Faches, wie der 1881 im damals zur Habsburgermonarchie gehörenden Krakau geborene Bronislaw Malinowski oder der 1886 in Wien geborene Karl Polanyi hätten zudem eine Tradition der sozialanthropologischen Forschung eröffnet, die auch heutige Generationen von Wissenschaftler/innen – nicht nur in Österreich und über das Fach hinaus – präge.