12.04.2018

Nah und doch fern: Byzanz und der Westen

Die Schallaburg blickt in einer aktuellen Ausstellung auf Glanz und Elend der gemeinsamen Geschichte von byzantinischem Reich und lateinischem Westen. ÖAW-Byzantinistin und Wittgensteinpreisträgerin Claudia Rapp hat die Schau mitgestaltet.

Für den Westen war es der Anfang vom Ende. Mit der Teilung des Römischen Reiches in der Spätantike kämpfte er mit inneren wie äußeren Unruhen und wurde von zahlreichen Angreifern überrannt. Ganz anders im Osten. Statt dem Niedergang entgegen zu taumeln stieg Byzanz zur „Supermacht“ des Mittelalters auf und wurde zum politischen und kulturellen Zentrum des Mittelmeeres. Auch das freilich nicht für immer. Am Ende wird auch Byzanz untergehen.

Zwei Reiche, zwei Geschichten? Keineswegs: West und Ost waren sich nicht nur fern, sondern in vielem auch sehr nah. Die Menschen von damals reisten trotz der Trennung weiter in beide Richtungen und mit ihnen wurden Kultur, Wissen, Ideen und Kostbarkeiten ausgetauscht. Gefährlich nah kamen sich beide Seiten aber auch durch Konkurrenz um Vorherrschaft und Konflikte.

Die wechselvolle gemeinsame Geschichte steht aktuell im Mittelpunkt der Ausstellung „Byzanz & der Westen. 1000 vergessene Jahre“ auf der Schallaburg in Niederösterreich. Mitgestaltet wurde sie von Claudia Rapp und ihrem Team an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie erzählt im Interview, was in der Schau zu sehen ist, wie Byzanz den Westen bis heute prägt und was wir aus der Geschichte lernen können.

Vor kurzem wurde die Ausstellung „Byzanz und der Westen. 1.000 vergessene Jahre“ auf der Schallaburg eröffnet. Was gibt es dort zu sehen?

Claudia Rapp: In der Ausstellung wird die wechselvolle Geschichte von Annäherung und Konflikt zwischen dem Oströmischen Reich, dessen Fortsetzung wir im Mittelalter als „Byzanz“ bezeichnen, und dem Westen narrativ dargestellt. Schließlich kann man diese Beziehung durch ein ständiges Wettlaufen und Kräftemessen charakterisieren.

Den roten Faden bilden dabei die Exponate. Schätze aus der Schatzkammer des Markusdoms in Venedig sind hier zu sehen, aber auch mittelalterliche Manuskripte aus Paris und ausgewählte byzantinische Seidenstoffe aus dem Textilmuseum in Lyon. Die Seidenstoffe dienten den Oströmern als kostbare Geschenke und Luxusexportgüter. Ebenso finden sich in der Ausstellung auch mittelalterliche Handschriften, liturgische Geräte und Bucheinbände aus österreichischen Beständen. In dieser geografisch breiten Konstellation möchten wir die Geschichte so neu erzählen.

Prägt das Erbe des Byzantinischen Reiches auch heute noch den Westen?

Rapp: Mein Blick fällt als erstes auf die rechtshistorischen Bücher in meinem Regal. Die großen Rechtskodifikationen, wie beispielsweise die „justinianische Kodifikation“, prägen bis heute unsere Rechtstradition und auch die Lehre des Rechts. Byzanz gilt natürlich auch als Vermittler der antiken griechischen Literatur, die so für die Nachwelt erhalten blieb.

 

Die visuelle Ästhetik von Byzanz wurde im 19. Jahrhundert auch in Wien stilprägend.

 

Wo das byzantinische Erbe visuell sichtbar ist, lässt sich in Serbien beobachten. Hier befinden sich die wichtigsten in großem Umfang erhaltenen Fresken aus dem 12. bis 15. Jahrhundert, die von Byzanz inspiriert sind. Die wichtigsten Mosaiken sind in Italien, vor allem in Ravenna und Sizilien zu finden. Die wichtigsten Architekturdenkmäler aus dem byzantinischen Mittelalter sind uns in Istanbul und in Griechenland zugänglich. Die visuelle Ästhetik von Byzanz wurde im 19. Jahrhundert auch in Wien stilprägend, zum Beispiel bei der griechisch-orthodoxen Kirche am Fleischmarkt oder dem Heeresgeschichtlichen Museum.

Wie sieht die aktuelle Forschung die Beziehung des Byzantinischen Reiches zum Westen?

Rapp: Die Fragen, die wir uns aktuell stellen, betreffen die Dynamiken des kulturellen Austauschs auf globaler Ebene. Was durch neue Entdeckungen und Sichtweisen zunehmend deutlicher wird, ist die Rolle von Byzanz als Scharnier zu den östlich gelegenen Regionen. Ich denke da an den Mittleren Osten bis hin zum zentralasiatischen Raum. Außerdem wird das sogenannte „Große Schisma“ zwischen den Kirchen von Rom und Konstantinopel häufig noch sehr vereinfacht dargestellt. Es gab im späten 13. und im 15. Jahrhundert immer wieder Unionsbestrebungen, um die Kirchen wieder zusammenzuführen.

Was durch neue Forschungen zunehmend deutlicher wird, ist die Rolle von Byzanz als Scharnier zu den östlich gelegenen Regionen – dem Mittleren Osten bis hin zum zentralasiatischen Raum.

 

Byzanz und der Westen – das ist auch eine Geschichte von Konflikten. Welche waren zentral? Und was waren die Auslöser?

Rapp: Zentral war die Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800, aus der sich das Zweikaiser-Problem entwickelt hat. Dieses wollte der Westen lösen, indem der damaligen Inhaberin des Kaiserthrons im Byzantinischen Reich, Kaiserin Irene, ein Heiratsantrag gemacht wurde. Noch während die Delegation aus dem Westen in Konstantinopel weilte, wurde die Kaiserin jedoch von Menschen in ihrem eigenen Umkreis gestürzt.

Der darauffolgende nächste wichtige Konfliktmoment ist natürlich das „Große Schisma“ von 1054, wo sich die Kirchen gegenseitig exkommuniziert haben und als drittes Ereignis die Einnahme Konstantinopels durch die Kreuzfahrer 1204. Bei all diesen historischen Großereignissen stellt sich aber heraus, dass die Menschen damals weiterhin zwischen West und Ost hin und her gereist sind, die jeweiligen Sprachen beherrschten und regen Austausch miteinander hatten.

Warum ist Byzanzforschung heute besonders wichtig?

Rapp: Aufgrund unseres historischen Verständnisses lassen sich bestimmte Konflikte, die heute existieren, besser erklären. Die aktuelle Frage, warum Wladimir Putin so starkes Gewicht auf die Ukraine legt, fußt beispielsweise in der Geschichte der byzantinischen Slawenmission. Kiew gilt als der ursprüngliche Herrschersitz des Ostslawischen Reiches und wurde die früheste Stätte des Christentums auf slawischem Boden.

 

Durch unser historisches Verständnis lassen sich bestimmte Konflikte, die heute existieren, besser erklären.

 

Und nicht zuletzt ist es für alle historisch interessierten Menschen hochspannend zu sehen, in welcher Form Byzanz ein Alternativmodell für ein christlich geprägtes Mittelalter darstellt, das sich deutlich von vielem unterscheidet, was wir von den Gegenden kennen, die in der weströmischen Tradition standen.