07.11.2017

Mutterschaft in der Urgeschichte

Die Rolle und der Status von Müttern in prähistorischen Gesellschaften gilt bisher als wenig erforscht. Die ÖAW-Archäologin Katharina Rebay-Salisbury will diese fundamentale Wissenslücke über unsere Vorfahrinnen nun schließen.

Sauggefäße, Rasseln oder kleine Tonlöffel. Es sind Funde wie diese, die belegen, dass es auch in urzeitlichen Gesellschaften eine enge emotionale Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern gegeben haben muss. „Die Leute haben sich um ihre Kinder gekümmert“, sagt Katharina Rebay-Salisbury, Forscherin am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Dennoch sei das Thema Mutterschaft in prähistorischen Zeiten bisher schlecht erforscht und eher ein Stiefkind der Archäologie. Das will Rebay-Salisbury im Rahmen eines aktuellen Projekts, das vom Wissenschaftsfonds FWF und mit einem ERC-Starting-Grant unterstützt wird, nun ändern. Gemeinsam mit ihrem Team untersucht sie an der ÖAW den Status von Frauen und die Bedeutung von Mutterschaft im langen Zeitraum vom späten Neolithikum bis zur Bronze- und Eisenzeit, also von ca. 3000 bis 0 v. Chr. Im Interview erzählt sie, wann Frauen in der Bronzezeit die ersten Kinder bekommen haben, wie hoch die Geburtenrate war und warum Kleinkindknochen für die Archäologie gar nicht so leicht zu finden sind.

Sie haben es als Archäologin hauptsächlich mit Skeletten zu tun. Wie erforscht man anhand solcher doch recht trockenen Beweisstücke das Sozialverhalten in der Urzeit?

Katharina Rebay-Salisbury: Wir schauen uns vor allem Gräber und Grabbeigaben an. Natürlich ist ein Grab keine Eins-zu-Eins-Abbildung der sozialen Realität, aber wie viel Aufwand in Grablegungen und Grabbeigaben gesteckt wurde, gibt Hinweise auf die soziale Stellung und den Wert eines Individuums in der Gemeinschaft. Oft sind die tieferen Gräber auch mit vielen Beigaben assoziiert, Männer sind häufig tiefer begraben als Frauen. Wir fragen im Projekt auch, welche Individuen mit welchen gemeinsam in ein Grab kamen. Das ist ein spannendes Thema, denn Kinder wurden häufig zusammen mit Erwachsenen bestattet. Aber muss das auch bedeuten, dass sie miteinander verwandt waren? Wir können jedenfalls sehen, dass in der Bronze- und Eisenzeit Genealogien, Abstammungen und Familieneliten immer wichtiger wurden.

Auf welche Funde konzentrieren Sie sich?

Rebay-Salisbury: Wir forschen im mitteleuropäischen Raum, unsere zentralen „Case Studies“ beziehen sich auf Niederösterreich. Wir kooperieren hier mit dem Naturhistorischen Museum Wien, das ja über eine der größten Sammlungen von prähistorischen Skeletten verfügt. Wir wollen hier einerseits den Gesundheitszustand der Mütter und Frauen erfassen, sie auch spezifisch auf Geburts- und Schwangerschaftsbelastungen hin untersuchen. Wir fragen auch danach, wie es den Kindern gegangen ist.

Dabei profitieren wir von der unglaublichen Methodenentwicklung der Archäologie in den letzten Jahren, gerade in Bezug auf bioarchäologische Forschung. Wir haben Isotopenanalysen, mit denen wir Aufenthaltsorte feststellen können. DNA-Analysen klären zum Beispiel Verwandtschaftsverhältnisse. Und es gibt auch Möglichkeiten, Mikroabrasionsspuren an Milchzähnen festzustellen, was uns Auskunft über die Ernährung von Kindern gibt und Rückschlüsse auf die Stilldauer zulässt.

In der Bronzezeit gibt es zahlreiche Teenagermütter im Alter von 15 oder 16 Jahren. In der späteren Eisenzeit dürften die Frauen hingegen um die 20 gewesen sein, als sie zum ersten Mal Mutter wurden.

Was haben Sie bisher über die urzeitliche Mutterschaft herausgefunden?

Rebay-Salisbury: Zunächst einmal fand ich es bemerkenswert, dass es fast gar keine Daten dazu gab. Wie alt waren Frauen, als sie Mütter wurden? Wie viele Kinder hatten sie? Hat sich das auf ihren sozialen Status ausgewirkt? Dazu valide Antworten zu bekommen, ist sehr schwierig. Also habe ich systematisch nach Frauen gesucht, die bei der Geburt gestorben waren. Anhand ihres Alters ließ sich zumindest ein Trend für erste Schwangerschaften ablesen. In der Bronzezeit gibt es demnach zahlreiche Teenagermütter im Alter von 15 oder 16 Jahren. In der späteren Eisenzeit dürften die Frauen hingegen um die 20 gewesen sein, als sie zum ersten Mal Mutter wurden.

Woran sehen Sie, dass die Frauen bei der Geburt gestorben sind?

Rebay-Salisbury: Ich nehme nur die Frauenskelette auf, bei denen während der Grabung ein Fötus im Beckenbereich beobachtet wurde.

Sind das viele?

Rebay-Salisbury: Bis jetzt habe ich erstaunlich wenige gefunden, europaweit rund 120, was nicht die Welt ist, im Vergleich zum sonst doch sehr umfangreichen Skelettbestand. Das ist also auch eine Frage: Warum finden wir so wenig Schwangere? Eine Erklärung wäre, dass der Fötus nach dem Tod getrennt bestattet wurde, was ich für gar nicht so unwahrscheinlich halte. Es könnte natürlich auch archäologische Gründe geben, denn wenn man bei der Grabung nicht erwartet, auf das Skelett einer Schwangeren zu stoßen, kann es leicht sein, dass man die kleinen Knochen von Föten übersieht oder sie falsch einordnet. Femora von Föten werden oft mit Tierknochen verwechselt. Wenn Sie in alter Grabungsliteratur herumstöbern, lesen Sie oft: "Bestattet mit kleinem Schwein". Da denk’ ich mir: "Hm, schauen wir noch mal genauer."

Kann man sagen, wie viele Kinder die Frauen hatten?

Rebay-Salisbury: Man kann indirekte Schlüsse ziehen über die durchschnittliche Lebenserwartung, die damals zwischen 20 und 30 Jahren lag. Bei der Berechnung der Fertilitätsrate von Frauen ist für mich eine überraschend hohe Zahl herausgekommen, nämlich sieben bis acht Kinder. Das gilt allerdings nur für Frauen, die bis zur Menopause gelebt haben, und das war nur bei etwa 25 Prozent der Frauen der Fall. Die Geburtenrate klingt hoch, aber die wenigsten Frauen haben das erlebt.

Bei der Berechnung der Fertilitätsrate von Frauen ist eine überraschend hohe Zahl herausgekommen, nämlich sieben bis acht Kinder. Das gilt allerdings nur für Frauen, die bis zur Menopause gelebt haben, und das war nur bei etwa 25 Prozent der Frauen der Fall.

Wissen Sie etwas darüber, wie mit Kindern umgegangen wurde?

Rebay-Salisbury: Wir können anhand der Knochen feststellen, dass Kinder von Mangelernährung betroffen waren. Sie sind ja die verwundbarsten Mitglieder, gerade wenn eine ganze Gemeinschaft von Hunger heimgesucht wird. Klare Hinweise auf Kindesmisshandlung haben wir in unseren Studien bislang nicht gefunden. Wobei wir auch ein Gräberfeld untersucht haben, das relativ viele Gewaltspuren an Frauenskeletten aufwies, also die typischen Zeichen interpersoneller Gewalt: gebrochenes linkes Schlüsselbein, Kopfverletzungen. Sehr berührend finde ich die Grabbeigaben für Kinder, die auf eine emotionale Beziehung schließen lassen, Sauggefäße, Rasseln und kleine Tonlöffel. Sie zeugen davon, dass man sich um die Kinder gekümmert hat.

Hat sich Mutterschaft auf die soziale Stellung von Frauen ausgewirkt?

Rebay-Salisbury: In unseren frühbronzezeitlichen „Case Studies“ konnten wir bisher keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Mutterschaft und sozialer Stellung feststellen. An Paarbestattungen, die in der Bronzezeit nicht selten waren, sieht man, dass die Männer häufig deutlich älter waren als ihre Frauen. Das spricht gegebenenfalls für Wiederverheiratung, aber auch für eine relativ patriarchale Gesellschaft, in der sich der vermögende Mann junge Frauen kaufen konnte oder Frauen zum Teil als Besitz gesehen wurden. Über Isotopenanalysen wird jetzt auch immer häufiger nachgewiesen, dass im Vergleich zu Männern ein größerer Anteil der Frauen in anderer Umgebung geboren wurde, dass Frauen also von außerhalb eingeheiratet haben. Zu dieser patrilokalen Gesellschaftsstruktur, gibt es interessanterweise kaum Gegenbeispiele.

Wir können anhand des Knochenmaterials feststellen, dass Kinder von Mangelernährung betroffen waren. Sie sind ja die verwundbarsten Mitglieder, gerade wenn eine ganze Gemeinschaft von Hunger heimgesucht wird. 

Also keine Hinweise auf ein Matriarchat?

Rebay-Salisbury: Nein, leider. Die meisten  bisherigen Studien für Europa vom Neolithikum bis in die späte Eisenzeit unterstützen das patrilokale Modell, in dem die Familie des Mannes den Aufenthaltsort der Frau bestimmt. Das ist insofern interessant, als es zeigt, dass jenes Sozialsystem, das wir vom Mittelalter bis in die Spätmoderne kennen, eine sehr, sehr lange Geschichte hat. Wir leben immer noch ein bisschen in der Steinzeit. Mit jeder weiteren Fallstudie lernen wir dazu – es kann also sein, dass sich das Bild noch einmal ändert. Deshalb forschen wir ja weiter!