05.10.2017

Metallboom am Balkan

In der Bronzezeit erlebte die Metallproduktion am Balkan eine Hochblüte. Darauf deuten archäologische Funde hin. Doch woher kam das Erz dafür? Und profitierten die damaligen Menschen von dem Boom? Das untersucht der ÖAW-Archäologe Mario Gavranović.

„Durch die Geschehnisse der letzten 20 bis 25 Jahre auf dem Balkan blieb diese Region bei aktuellen Methoden der prähistorischen Metallurgie zurück. So fehlen hier Daten im Vergleich zu den umliegenden Ländern, wo sich viel mehr getan hat“, sagt Mario Gavranović, Wissenschaftler am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Doch der Archäologe ist dabei, diesen Rückstand aufzuholen – zumindest wenn es um die Bronzezeit geht. Vor tausenden Jahren kam es durch die Gewinnung und Aufbereitung des Kupfererzes zu großen technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Region. Und für diese interessiert sich Gavranović in seiner Forschung.

Dem Metallkreislauf auf der Spur

„Wir wollen herausfinden, wie der Erzabbau in der Spätbronzezeit zwischen 1300 bis 800 v. Chr. erfolgte, was mit dem Erz gemacht wurde, wohin und wogegen die Menschen dieses exportiert und getauscht haben und wie sich der Abbau auf das gesellschaftliche Leben ausgewirkt hat“, erklärt der ÖAW-Wissenschaftler. Dafür untersucht er die erzreichen Regionen in Ostserbien und Zentralbosnien.

Wir nehmen eine Erzprobe und vergleichen sie beispielsweise mit den Proben aus einem Bronzeschwert.

Um festzustellen welche Erze aus welchen Lagerstätten verwendet wurden, werden etwa chemische Analysen von Bronzeobjekten durchgeführt. „Wir nehmen eine Erzprobe und vergleichen sie beispielsweise mit den Proben aus einem Bronzeschwert. Korrespondieren die beiden Objekte chemisch und isotopisch miteinander, dann können wir mit größerer Wahrscheinlichkeit sagen, dass dieses Erz für die Herstellung dieses Schwertes verwendet wurde, was uns wiederrum Einblicke in die Erz- und Metallkreisläufe bringt.“

Erzabbau machte nicht alle reich

Gavranović bleibt aber bei der Frage nach dem woher nicht stehen. Er will auch wissen, wie sich die Metallgewinnung auf die damaligen Gesellschaften ausgewirkt hat, etwa auf die soziale Arbeitsteilung oder die Verteilung von Vermögen. Dafür werden archäologische Hinterlassenschaften wie Siedlungen, Depotfunde – große Ansammlungen von Metallobjekten – und Gräber analysiert. „Wir untersuchen die Siedlungen hinsichtlich ihrer Größe, Struktur und Architektur, sowie die Ausstattung der Gräber“, erzählt Gavranović.

In Ostserbien etwa gibt es nur Brandbestattungen und keine Beigaben, also keine Hinweise auf eine gesellschaftliche Differenzierung. Auch sind die Siedlungen nicht befestigt, wie in anderen Regionen. „Interessant ist, dass die archäologischen Befunde in Ostserbien keinerlei Anzeichen vorweisen, dass es in dieser Region durch den Abbau zu einem Reichtum gekommen ist. Anscheinend hat hier jemand anderer profitiert“, so Gavranović. In jenen Gegenden wo das Erz zu Reichtum geführt hat, sind hingegen auch die Gräber reich ausgestattet und zeigen somit deutliche soziale Hierarchien. Wie es zu diesen Unterschieden kommt, will Gavranović im Projekt noch genauer untersuchen.

Bei den archäologischen Befunden in Ostserbien gibt es keine Anzeichen, dass es in dieser Region durch den Abbau zu Reichtum gekommen ist.

Einen weiteren Einblick in das Leben der Bewohner einer auf Erzabbau und -verarbeitung spezialisierten Siedlung geben auch naturwissenschaftliche Analysen der Ernährungssituation. Diese lassen etwa Rückschlüsse darauf zu, ob die Menschen Zeit hatten, sich um die Beschaffung von Nahrung zu kümmern, oder ob diese durch Austausch geliefert wurde. Auch diese Erkenntnis hilft dem Forscher weiter, um herauszufinden, ob die damaligen Produktionsgebiete in ein weiträumiges Austauschnetzwerk eingebunden waren – vom Rohstoff Erz bis hin zu den Nahrungsmitteln.

Bei seinen Forschungen arbeitet Mario Gavranović mit seinem Team vor Ort mit Archäolog/innen, Chemiker/innen, Geolog/innen und Mineralog/innen zusammen. Viele der Kolleg/innen aus Serbien, Kroatien, Bosnien, Mazedonien und Ungarn kennt er durch frühere Projekte. „Ich stamme selbst aus der Region und kenne mich mit der dortigen Mentalität aus. Alle Kollegen sind mit dem ganzen Herzen dabei und die Zusammenarbeit funktioniert perfekt – das ist unerlässlich für den Erfolg des Projektes“, freut sich der Wissenschaftler über das internationale Teamwork – das nicht zuletzt dazu beiträgt die Forschung auf dem Balkan weiterzuentwickeln und auf diese Weise die versäumte Zeit durch die Nachwirkungen der Konflikte in der Region aufzuholen.