02.05.2018

Mehr Nachhaltigkeit jetzt

Noch immer verbraucht die Menschheit zu viele Ressourcen und bürdet kommenden Generationen die ökologischen Folgen auf. Es braucht daher eine Wende zu mehr Nachhaltigkeit. Wie das gelingen kann, erklärt Umwelthistorikerin und ÖAW-Mitglied Verena Winiwarter im Interview.

Die Uhr tickt. Ob Klimawandel, Plastikinseln in den Ozeanen oder abnehmende Biodiversität – ein rasches Umdenken ist dringend geboten, wenn die Erde auch für kommende Generationen lebenswert bleiben soll. Nachhaltigkeit ist somit das Gebot der Stunde. Doch wie lässt sich nachhaltiges Handeln in Kultur, Gesellschaft, Technik und Alltag verankern?

Dieser Frage ging am 7. Mai eine Podiumsdiskussion der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt nach. Die Veranstaltung bildete zugleich den Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe der Akademie in Kärnten und der Steiermark unter dem Titel „Ist die Welt aus den Fugen? Was auf dem Spiel steht“.

Am Podium in Klagenfurt sprach auch die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter. Sie erklärt im Interview, warum wir bereits heute auf einem „heimtückischen Erbe“ an Umweltproblemen sitzen, was notwendig ist, um Nachhaltigkeit stärker zu fördern und was jeder Einzelne tun kann, um nachhaltiger zu leben.

Wie definieren Sie als Umwelthistorikerin Nachhaltigkeit?

Verena Winiwarter: Wir Umwelthistoriker/innen betonen immer, dass Nachhaltigkeit nicht auf einer Tabula Rasa stattfindet. Wir machen darauf aufmerksam, dass wir die Welt in der Vergangenheit bereits stark verändert haben. So sind wir alle zum Beispiel aufgerufen, Nachhaltigkeit in einer Welt voller Atommüll zu gestalten. Das nennt sich in der Fachsprache auch das „heimtückische Erbe“. Die Nachhaltigkeitsdiskussion, die ich kenne, beantwortet die Frage, wie wir mit diesem Erbe umgehen, gar nicht.

 

Wir alle sind aufgerufen, Nachhaltigkeit in einer Welt voller Atommüll zu gestalten. Das nennt sich in der Fachsprache auch das „heimtückische Erbe“.

 

Ein anderes Beispiel sind die so genannten „Ewigkeitskosten“, also die Folgekosten, die aus der Beendigung des Bergbaus entstehen. Wenn man den Untergrund nicht pflegt, bekommt man verschmutztes Wasser und riskiert, dass der Boden einsinkt. Daher müssen diese Orte speziell behandelt werden und das kostet viel. Das sind nur zwei der Aspekte, die aus umwelthistorischer Perspektive wichtig sind.

Wo können wir in unserer Gesellschaft bereits ein Umdenken hin zur Nachhaltigkeit beobachten?

Winiwarter: Ich finde es gibt sehr viele interessante Ansätze. Ganz allgemein lässt sich beobachten, dass vor allem Städte die Vorreiter nachhaltiger Entwicklungen sind. Nachdem immer mehr Menschen in Städten leben, kommt es auch auf diese an. So wird beispielsweise der öffentliche Nahverkehr gefördert, Autos werden in den Stadtzentren durch eine Steuer zurückgedrängt, wie zum Beispiel in London, und Städte werden wieder begrünt. Im technologischen Bereich hat sich vor allem beim Thema Solartechnologie viel getan. Auch die Städte versuchen klimaneutraler zu werden und in moderne Heizsysteme zu investieren. Und sogar am Finanzmarkt können wir beobachten, dass sich grüne Aktienfonds längst lohnen.

Was kann ein Einzelner in Sachen Nachhaltigkeit tun?

Winiwarter: Als Einzelner sollte man nicht nur den sichtbaren, sondern auch den unsichtbaren Teil des eigenen ökologischen Fußabdrucks wahrnehmen. Das fängt bereits beim Energieanbieter an. Hier kann man sich für einen grünen Anbieter entscheiden, statt für den Nächstbesten. Natürlich spielt Fleischkonsum eine große Rolle. Ich selbst bin Vegetarierin, weil man mit einer vegetarischen Ernährung die ganze Welt fair und Bio versorgen könnte. Außerdem kann man seine Kleidung Second Hand kaufen. Ich sehe diese Lebensweise keineswegs als Verzicht. Ein anderes Thema ist die Arbeitswelt. Wir sind durch die fossile Energie so schnell geworden, dass wir selbst dadurch ausgebrannt werden. In einer nachhaltigen Welt würden wir auf Burn Out „verzichten“. Und darauf kann ich, ehrlich gesagt, gerne verzichten.

Welche strukturellen oder finanziellen Stolpersteine müsste man aus dem Weg räumen, um Nachhaltigkeit weiter zu fördern?

Winiwarter: Es gibt nach wie vor Förderungen für fossile Energie. Das müssen wir sofort abschaffen. Automatisierung spielt aber auch eine Rolle. Maschinen sind durch die Besteuerungssysteme günstiger als Mitarbeiter/innen. Das liegt daran, dass die Arbeitskraft zu stark besteuert wird. Man könnte hier auch umdenken und ein Steuersystem schaffen, bei dem es lukrativer ist, Menschen anzustellen, ohne dass bei den Arbeitnehmer/innen der Nettolohn sinken muss.

 

Im Grunde braucht es für eine nachhaltige Welt einen kompletten Systemumbau. Als Historikerin sage ich aber: Wir haben schon größere Umbrüche geschafft.

 

Im Grunde braucht es für eine nachhaltige Welt einen kompletten Systemumbau. Als Historikerin sage ich aber immer: Wir haben schon größere Umbrüche geschafft. Etwa vom Mittelalter in die Renaissance und dann in die Neuzeit. Daher gilt es, unsere Möglichkeitshorizonte zu erweitern. Wir glauben immer, wir sind so phantasievoll, aber in Wahrheit sind wir es leider noch nicht.

Wie dringend wäre es, dass auch Entscheider/innen sich zunehmend und schnell dem Thema Nachhaltigkeit widmen?

Winiwarter: Sehr dringend. Wir sind mittendrinnen im Klimawandel, in der Ozeanversauerung und im sechsten großen Massen-Artensterben der Weltgeschichte. Es ist nicht so, dass wir noch endlos viel erforschen müssen, bevor wir anfangen können, etwas zu tun. Die Forschung hat sich unter dem Stichwort „Sustainability Sciences“ längst zu einem großen Gebiet zusammengeschlossen. Hierzu zählen etwa die Soziale Ökologie, die ökologische Ökonomie, die industrielle Ökologie oder auch die Umweltgeschichte.

 

Eines können wir uns nicht mehr leisten: weiter zu warten.

 

Manchmal mache ich mir Sorgen, dass Besucher/innen in Podiumsdiskussionen gehen, uns zuhören, und dann wieder nach Hause gehen und so weiter machen, wie zuvor, denn sie haben ja gerade etwas „getan“. Das wird leider nicht reichen. Sowohl die Entscheidungsträger/innen, die Industrie aber auch jeder privat kann jeden Tag mit wenigen Entscheidungen nachhaltiger Leben. Denn eines können wir uns nicht mehr leisten: weiter zu warten.