28.09.2017

Kunst am Bau

Versteckte Höfe, vergessene Bibliotheken und ein Campus der Zukunft – all das konnte man am Tag des Denkmals bei einer Führung durch die Österreichische Akademie der Wissenschaften erleben.

Einmal im Jahr findet in ganz Österreich der Tag des Denkmals statt, bei dem Kulturinteressierte bekannte und weniger bekannte Kunst- und Kulturschätze des Landes erleben können. Dieses Jahr war das Event ganz dem 300. Geburtstag von Maria Theresia gewidmet – und da durfte das Hauptgebäude der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nicht fehlen. Schließlich war es Maria Theresia, die den Bau in ihrer Regierungszeit in Auftrag gegeben hatte. Über 350 Menschen kamen am 24. September 2017 in das heutige Akademiegebäude, das im 18. Jahrhundert für die Wiener Universität gebaut worden war, und erfuhren bei Führungen durch Expert/innen des ÖAW-Instituts für kunst- und musikhistorische Forschungen mehr zur Geschichte dieses prachtvollen Bauwerks für die Wissenschaften.

Maria Theresia und sezierte Leichen

Zum Auftakt führten die Kunsthistorikerinnen von der Aula, in der früher die Kutschen hielten, in den prunkvollen Festsaal des Gebäudes. Dort konnte man nicht nur mehr über die heutige wissenschaftliche Funktion der ÖAW als größter außeruniversitärer Einrichtung Österreichs für Grundlagenforschung erfahren – von ihren über 770 wissenschaftlichen Mitgliedern, ihren 28 Forschungsinstituten, der Nachwuchsförderung oder den zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen, die regelmäßig auch im Festsaal stattfinden. Sondern sich auch zur Wissenschaft in der Barockzeit informieren.

Denn ihr ist das beeindruckende Deckenfresko im Festsaal gewidmet. Es wurde im Jahre 1755 von Gregorio Guglielmi gemalt, ging bei einem Brand 1961 verloren und wurde dann originalgetreu wieder rekonstruiert. In seinem Zentrum erstrahlt das Geburtstagskind dieses Jahres, Maria Theresia mit ihrem Mann Franz Stephan von Lothringen. Die Seiten sind ganz auf die vier Fakultäten ausgerichtet, die seit dem Mittelalter eine vollwertige Universität ausmachten: Theologie, Jurisprudenz, Philosophie und Medizin.

Letztere ist besonders auffällig – und erstaunlich realistisch – dargestellt. Zu sehen ist ein Seziertisch mit einer geöffneten Leiche, über die sich Wissenschaftler beugen. Darunter steht eine Schale, in der ein abgesägtes Bein und eine Knochensäge liegen. Diese Darstellung war auch von der damaligen Realität des Hauses nicht allzu weit entfernt. Denn im Erdgeschoß befand sich ehemals ein anatomisches Theater mit einem Seziertisch in der Mitte.

Ein nicht weniger beeindruckendes Deckenfresko war beim Tag des Denkmals auch im benachbarten Johannessaal zu sehen, der heute ebenfalls für Vorträge genützt wird. Zur Zeit der Alten Universität befand sich hier der Hörsaal der Theologie. Die Magister unterrichteten ihre Studiosi unter einem Deckenfresko von Franz Anton Maulbertsch aus der Zeit um 1766/1767, das die Taufe Christi zeigt.

Gstettn, Baujuwel und Zukunftsort

Von der Alten Universität ging es bei den Führungen schließlich in das Alte Universitätsviertel – und damit von der Vergangenheit auch ein Stück weit in die Zukunft. In der Wiener Postgasse 7-9 soll ein neuer „Campus Akademie“ der ÖAW entstehen, wie kürzlich bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben wurde. Schon heute wird das historische Areal wissenschaftlich genutzt, unter anderem etwa vom Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen, wie die Guides bei den Führungen erzählten. Doch ein großer Teil ist heute in dringend renovierungsbedürftigem Zustand. Davon konnten sich die Besucher/innen am Tag des Denkmals etwa im Innenhof des Gebäudekomplexes überzeugen, der aktuell noch eine typisch Wienerische „Gstettn“ ist. In Zukunft soll er wieder vielseitig genutzt werden und öffentlich zugänglich sein.

Ein weiteres, heute nahezu unbekanntes und ebenfalls sanierungsbedürftiges Baujuwel erwartete die Besucher/innen im ersten Stock der Postgasse: der ehemalige Bibliothekssaal der Jesuiten und später der Alten Universität, der seit rund 200 Jahren im Verborgenen schlummerte. Die barocken Holzregale, mit denen der Raum ursprünglich ausgestattet war, sind hier zwar nicht mehr zu finden. Aber ein rund 240 Quadratmeter großes Deckenfresko des schwäbischen Malers Anton Hertzog vom Anfang des 18. Jahrhunderts hat sich in seiner ganzen Farbenpracht erhalten. Ganz ähnlich wie das Festsaal-Fresko stellt dieses Kunstwerk die Wissenschaften dar. Allerdings mit anders gelagerten künstlerischen Ansätzen: Die Wissenschaften erscheinen weit weniger lebensnah und die Theologie nimmt gleich viel Raum ein wie alle „profanen“ Wissenschaften – von der Erdkunde und Botanik über die Geometrie bis hin zur Astronomie.

Im Zuge des „Campus Akademie“ wird hier die Bibliothek der ÖAW einziehen, sodass in Zukunft Besucher/innen nicht nur am Tag des Denkmals das prächtige Fresko bestaunen können. Damit wird der Raum, der zwischenzeitlich sogar als Tischtennishalle genutzt wurde, endlich wieder seiner ursprünglichen Funktion zugeführt.

Wer zum Abschluss der Führungen den zukünftigen „Campus Akademie“ und seine Einbettung in die Wiener Innenstadt von „oben“ erleben wollte, konnte dies bei einem Abstecher auf die Dachterrasse des ÖAW-Hauptgebäudes tun. Dort, wo früher einmal eine Sternwarte stand, ist heute ein Pavillon für Meetings und Veranstaltungen zu finden. Von dort ließ sich erahnen, wie das Universitätsviertel zur Zeit Maria Theresias einmal ausgesehen haben muss – und wie es in Zukunft wieder als ein lebendiger Ort des Wissens in neuem Glanz erstrahlen wird.