15.02.2018

Konfliktfeld Jemen im Forschungsblick

Der Jemen versinkt im Bürgerkrieg. Welche Rolle das Stammessystem in den Konflikten spielt, erklärt Marieke Brandt. Die ÖAW-Sozialanthropologin hat viele Jahre in der Region geforscht.

Cholera, Hunger, Flucht: Der Jemen und seine Bevölkerung leiden seit Jahren unter einem nicht enden wollenden Bürgerkrieg und seinen Folgen. Eine Lösung des Konflikts scheint komplex. Es gibt viele Fronten und beteiligte Akteure. Doch was hat den Krieg ausgelöst? Welche Rolle spielen dabei Gruppen wie die Huthis? Und welche Perspektiven für Frieden gibt es?

Marieke Brandt vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erforscht seit Langem die sozialen, religiösen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen im Norden des Jemen – einer entlegenen und schwer zugänglichen Region, die aber in lebhaftem Austausch mit ihren Nachbarregionen steht. Sie will verstehen, was dort in den vergangenen Jahrzehnten geschehen ist, und wie diese Region zum Ausgangspunkt des Krieges werden konnte, der heute den Jemen verwüstet.

„Wir sehen das Untersuchungsgebiet als eine Art Laboratorium, in dem verschiedene Entwicklungen gleichzeitig stattfanden. Die Erkenntnisse lassen sich dann mit der Situation in anderen Krisengebieten unserer Welt vergleichen“, erklärt die ÖAW-Forscherin im Interview.

Im Jemen herrscht Bürgerkrieg – wie ist es dazu gekommen?

Marieke Brandt: Der Jemen ist ein strategisch wichtiges Land, aber es gibt nur wenige Menschen, die wirklich verstehen, was dort zurzeit vor sich geht. Gängige Erklärungsmuster helfen nicht. Wir hören oft in den Medien, der Krieg im Jemen sei ein Stellvertreterkrieg von Saudi-Arabien und dem Iran. Diese Erklärung ist aber zu einfach. Der Krieg im Jemen begann 2004 als eine innere Angelegenheit, als eine Folge von Entwicklungen, die viele Jahrzehnte zurückreichen. Nur die genaue Kenntnis dieser internen Geschichte und der treibenden Kraft, welche die Stämme des Nordjemen darin spielen, ermöglicht es uns, die heutige Situation zu verstehen.

Die Huthis kämpfen gegen die Regierung. Wer genau sind die Huthis?

Brandt: Die Huthis sind eine heterogene Gruppe, die nach der Familie ihres ersten Anführers, Husayn al-Huthi, benannt ist. Offiziell nennen sie sich heute „Ansar Allah“, also „Gottes Gefolge“. Gegenwärtig wird die Gruppe von Husayns Halbbruder Abdulmalik geführt. Die Anführer der Huthi-Bewegung, also die Familie al-Huthi, sind keine Stammesangehörigen, sondern Nachkommen des Propheten Muhammad. Der überwältigende Teil ihrer Unterstützer besteht aber aus Stämmen des Nordjemen. Die meisten von ihnen sind Zayditen, also Schiiten. Die zayditischen Stämme fühlten sich seit Jahrzehnten von der Regierung in Sana‘a benachteiligt, und folgen den Huthis auch aus religiösen Gründen. Allerdings haben die Huthis auch viele Gegner und Feinde unter diesen Stämmen, ihre Autorität ist alles andere als unangefochten.

Stammesgesellschaften verfügen über hochentwickelte und sehr effektive Traditionen, Konflikte friedlich beizulegen. Problematisch wird es erst, wenn dieses System von außen aus dem Gleichgewicht gebracht wird.


Was hat die Huthis radikalisiert? Welche Rolle spielt dabei die Spaltung in Schiiten und Sunniten?

Brandt: Etwa ein Viertel der Bevölkerung des Jemen ist schiitisch, der Rest ist hauptsächlich sunnitisch. Sunniten und Schiiten haben in der Geschichte des Jemen weitgehend friedlich zusammengelebt, die Unterschiede zwischen ihnen waren nur gering. Erst mit dem Auftauchen von radikal-sunnitischen Gruppen im Jemen, die vom benachbarten Ausland und teilweise auch von der damaligen Regierung in Sana‘a gefördert wurden, ist dieses Zusammenleben aus dem Gleichgewicht geraten. Die Salafis haben die Schiiten als Ungläubige bezeichnet und ihre Gräber zerstört. Das war der Anfang einer bedauernswerten Entwicklung, in deren Verlauf sich beide Seiten radikalisiert haben.

Welche Rolle spielen die Huthis in dem Konflikt?

Brandt: Die Huthis sind heute ein bedeutender, wenn nicht der wesentliche Faktor in dem Krieg, aber man kann nicht sagen, dass sie ihn angefangen hätten. Das alles begann 2004, als die damalige Regierung in Sana’a eine Militärkampagne im Norden des Landes startete. Daraus hat sich Schritt für Schritt dieser schreckliche Krieg entwickelt. Man sagt, Gewalt sei keine Lösung, und im Jemen gilt das ganz besonders. Gewalt erzeugt immer neue Gewalt und macht friedliche Lösungen immer schwerer.

Gewalt erzeugt immer neue Gewalt und macht friedliche Lösungen immer schwerer.


Fördern Stammessysteme Streitigkeiten untereinander?

Brandt: Oh, es ist ein Vorurteil, zu denken, dass Stämme besonders streitsüchtig wären. Im Gegenteil, die Stammesgesellschaften verfügen über hochentwickelte und sehr effektive Traditionen, Konflikte friedlich beizulegen. Problematisch wird es erst, wenn dieses System von außen aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Leider kommt das sehr häufig vor. Die damalige Regierung in Sana’a hat oft Streit unter den Stämmen angefacht, um diese zu schwächen und die eigene Position zu festigen. Und heute destabilisiert der saudisch geführte Luftkrieg die Gesellschaften von außen und von innen.

Wie lässt sich der Konflikt im Jemen lösen?

Brandt: Es gibt so viele Konflikte im Jemen, der Huthi-Konflikt im Norden ist nur einer davon. Es gibt die Unabhängigkeitsbewegungen im Süden und im Osten des Landes, die auch untereinander zerstritten sind, es gibt Anhänger des Ex-Präsidenten Salih, und Anhänger des Exilpräsidenten Hadi, es gibt radikale Gruppen wie al-Qaeda, die vom Krieg profitieren und weite Landesteile beherrschen... Frieden im Jemen zu schaffen ist die Quadratur des Kreises. Aber die Jemeniten haben bisher immer Lösungen gefunden. Wenn das Ausland – Saudi Arabien vor allem – damit aufhört, sich in die internen Konflikte des Jemen einzumischen, dann werden die Jemeniten auch dieses Mal eine Lösung für ihre Probleme finden.

Wann waren Sie selbst zuletzt im Jemen?

Brandt: Ich habe fünf Jahre im Jemen gelebt und bin seitdem regelmäßig dorthin zurückgekehrt. Meine Wege führten mich schon damals immer in den Norden des Landes, in dem der Huthi-Konflikt ausbrach. Schon deswegen hatte ich von Beginn an ein vitales Interesse an diesem Konflikt. Wegen des Krieges kann ich zurzeit leider nicht mehr in den Jemen fahren. Zum letzten Mal bin ich 2013 dort gewesen, seitdem verfolge ich die Entwicklungen aus der Ferne und halte über Social Media mit meinen Freunden und Informanten engen Kontakt.

Was fasziniert Sie an Ihrem Forschungsgegenstand Jemen?

Brandt: Das ist eine Frage, deren Beantwortung wahrscheinlich sehr viel Selbst-Introspektion verlangen würde. Ich war zum ersten Mal 1997 als Rucksacktouristin im Jemen. Ich hatte vorher einige Jahre als Studentin in Ost-Berlin nach der Wende gelebt, ohne Zentralheizung und warmes Wasser. Ich war also schon etwas abgehärtet, was Komfortfragen angeht. Das Land hat mich gleich fasziniert, aber mir war damals wohl noch nicht bewusst, wie sehr es mein Leben noch bestimmen würde.

In welcher Beziehung steht Ihre Arbeit zu den Wiener Forschungstraditionen?

Brandt: Wien hat eine lange und berühmte Forschungstradition in Bezug auf Südarabien, beginnend im späten 19. Jahrhundert mit Eduard Glaser und David Heinrich Müller. Der ehemalige Direktor des Instituts für Völkerkunde der Universität Wien, Walter Dostal, war ein weiterer Pionier der Süd-Arabien-Forschung. Der heutige Direktor des Instituts für Sozialanthropologie der ÖAW, Andre Gingrich, setzt diese hochangesehene Forschungstradition engagiert fort und hat den Südarabien-Forschungsschwerpunkt weiter ausgebaut. Ich bin sehr stolz, einen Teil zu dieser berühmten Tradition beitragen zu dürfen.