10.08.2017

Kolonialen Wurzeln des Rassismus auf der Spur

Sommerserie Young Academics: Wie geht man als Schwarze Person mit rassistischer Stereotypisierung um und woher kommt die Diskriminierung von Schwarzen Menschen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die junge Sozialwissenschaftlerin, Künstlerin und ÖAW-Stipendiatin Belinda Kazeem-Kamiński seit ihrem Studium. Ihre Suche führt sie immer wieder in die Kolonialzeit.

„Wurden Sie schon einmal mit Rassismus konfrontiert?“ Diese Frage beantwortete die österreichische Kulturtheoretikerin und Aktivistin Araba Evelyn Johnston-Arthur stets mit einer Gegenfrage: „Wurden Sie schon einmal mit Sauerstoff konfrontiert?“ Auch die Sozialwissenschaftlerin und Künstlerin Belinda Kazeem-Kamiński sagt: „Als Schwarze Person keinen Rassismus in einer Umgebung zu erfahren, die von einer weißen Mehrheitsgesellschaft dominiert wird, ist ein Ding der Unmöglichkeit.“

Seit Jahren versucht sie Rassismus in Österreich systematisch auf die Spur zu kommen und dessen Wurzeln offenzulegen – so auch in ihrem aktuellen Forschungsprojekt, für das sie ein DOC-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erhalten hat. „Es erstaunt mich immer noch, wie viele Menschen denken, Rassismus sei ein Phänomen der neueren Zeit. Seine Wurzeln gehen aber auch hierzulande auf die Kolonialzeit und Versklavung zurück.“ 

Koloniale Stereotype in der Gegenwart

Denn auch wenn sich die Geschichte Schwarzer Menschen in Österreich von der US-amerikanischen Geschichte unterscheidet und Österreich keine Kolonialmacht im Sinne von Deutschland, den Niederlanden oder Großbritannien war, finden sich auch hierzulande dieselben Bilder und Stereotype, die zur Kolonialzeit geschaffen wurden. „Der sogenannte Alltagsrassismus ist eine Reinszenierung. So zeigen sich vielleicht immer wieder neue Facetten, die Grundstruktur ist jedoch bereits über Jahrhunderte hinweg dieselbe“, erklärt Kazeem-Kamiński.

Der sogenannte Alltagsrassismus ist eine Reinszenierung. Die Grundstruktur ist bereits über Jahrhunderte hinweg dieselbe.

So hält sich etwa das Vorurteil hartnäckig, dass Schwarze Männer gefährlich sind. Heute sehen manche in einem Schwarzen einen Drogendealer. „Früher war es das Bild eines gewaltbereiten Wilden, der eine Bedrohung ist und vor dem man die Weißen, vor allem weiße Frauen, schützen musste.“  Auf der anderen Seite gelten Schwarze Menschen zum Teil noch immer als intellektuell unterlegen. Frauen wiederum werden teilweise als besonders erotisch oder auch als „Mammy“ inszeniert, eine Anlehnung an die Schwarze versklavte Frau, die im Haushalt weißer Plantagenbesitzer/innen arbeiten musste. In Kindergeschichten hingegen kommen Schwarze Kinder und Erwachsene noch allzu oft als Diener und Wilde vor, sagt Kazeem-Kamiński. „Ich glaube, es ist nicht möglich, an einer gleichberechtigten Zukunft zu bauen, wenn wir nicht über den Ursprung der Gewalt Bescheid wissen“, ist die Forscherin überzeugt.

Um die kolonialen Wurzeln rassistischer Gewalt zu finden, analysiert Belinda Kazeem-Kamiński seit mittlerweile zwölf Jahren Archivmaterial, Fachliteratur, Romane, Werbung, Opern wie die Zauberflöte und vieles mehr. „Daraus lassen sich Verbindungen in die heutige Zeit ziehen und umgekehrt“, erklärt die ÖAW-Stipendiatin. „Wenn ich mir beispielsweise Werbungen ansehe, in denen Schwarze Frauen auf eine bestimmte Art repräsentiert werden, kann ich die Erklärung dafür in der vergangenen Literatur finden und in der Art, wie man Schwarze Frauen darin objektiviert hat.“

Künstlerische Auseinandersetzung mit Rassismus

In ihrem aktuellen Forschungsprojekt, das an der Akademie der bildenden Künste Wien angesiedelt ist, erforscht Kazeem-Kamiński die Photographien und die Aufzeichnungen des Ethnologen Paul Joachim Schebesta, die er auf seinen Forschungsreisen im ehemaligen Belgisch-Kongo anfertigte und in denen er die Lebensweise diverser Volksgruppen beschrieb. Auch Peter Altenbergs Prosaskizze „Ashantee“ aus dem Jahr 1897 nimmt die Forscherin unter die Lupe. Darin beschreibt der österreichische Schriftsteller die Zurschaustellung einer Gruppe von Afrikaner/innen im Wiener Prater. „Trotz Altenbergs Kritik an den gaffenden Wiener/innen strotzt sein Text von voyeuristischen, sexistischen und rassistischen Stereotypen“, erläutert Kazeem-Kamiński. Die ambivalente Position des Schriftstellers beschäftigt sie dabei ebenso wie die ausgestellten Menschen. „Hier entsteht eine gewisse Leere, da ich selbst nicht mit den beschriebenen Personen sprechen kann, sondern mit Material konfrontiert bin, dass meistens alte weiße Männer zusammengetragen haben.“

Es ist nicht möglich, an einer gleichberechtigten Zukunft zu bauen, wenn wir nicht über den Ursprung der Gewalt Bescheid wissen.

Diese Leere versucht Kazeem-Kamiński durch eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Forschungsmaterial und ihren Ergebnissen zu füllen. „Das hat sich bei mir so entwickelt. Heute geht das eine nicht mehr ohne das andere“, sagt sie. In ihrer Performance Unearthing. In Conversation etwa tritt Belinda Kazeem-Kamiński auf der Bühne mit den von Paul Schebesta abgebildeten Menschen in eine fiktive Unterhaltung ein.

Dadurch soll auch ein Diskurs über Rassismus sowie die Bedeutung von Schwarzsein in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft angeregt werden. „Ich stelle mir immer die Frage, für wen untersuche ich das Material, wer ist mein Publikum und für wen ist meine Forschung nützlich.“ Durch die Performance sollen die historischen Bilder und Aufzeichnungen aber auch so besprochen werden, dass die darin beschriebene Gewalt nicht noch einmal gezeigt und repräsentiert wird. „Lange habe ich versucht irgendetwas Gutes aus diesem Material zu holen. Letztlich geht es bei dieser Performance jedoch um das Scheitern, um die Grenzen von Repräsentation als Form des Widerstands.“