04.07.2017

"Kleine Länder müssen Nischen finden"

Welche Rolle spielt die Größe eines Landes in der Globalisierung – ist sie Fluch oder Segen? Dieser Frage widmet sich der ÖAW-Sozialanthropologe Andre Gingrich in seinem neuen Buch "Small Countries".

Zwei Drittel aller Länder weltweit sind klein. Das heißt, sie haben weniger als 45 Millionen Einwohner. Ihnen hat sich Andre Gingrich, Direktor des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gemeinsam mit Kolleg/innen der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in "Small Countries: Structures and Sensibilities" gewidmet. Entstanden ist ein weltumspannendes Sammelwerk, das erstmals die Rolle kleiner Länder in der Globalisierung beschreibt – darunter Portugal, Sierra Leone, Singapur sowie die karibischen Inseln. Wer hier bisher als "zu kurz gekommen" gilt und welche Länder von der Globalisierung profitieren können, erzählt Andre Gingrich im Interview.

In Ihrem Buch ist der Hauptfaktor für "klein" primär die Einwohnerzahl. Warum nicht auch die Fläche?

Andre Gingrich: Die meisten Länder sind unter beiden Gesichtspunkten betrachtet klein. Es gibt aber auch Länder wie die Mongolei, Algerien oder Libyen, die keine große Bevölkerungsdichte aufweisen, aber ein verhältnismäßig großes Territorium besitzen. Bei diesen Ländern stellen sich dadurch spezifische Probleme, wie etwa die nationale Verwaltung, die Förderung und Verteilung von Ressourcen oder auch die Verteidigung der Außengrenzen. Diese Länder sind demnach keine "großen" Länder, wie etwa Deutschland oder Brasilien.

Sie betonen, dass kleine Länder unterschiedlicher nicht sein können. Gibt es dennoch Gemeinsamkeiten?

Gingrich: Ein Beispiel ist ihre größere Verletzbarkeit gegenüber äußeren Bedrohungen. Dazu zählen Umweltprobleme ebenso wie Sicherheits- bzw. Militärfragen oder demographische Herausforderungen.

In kleinen Ländern kennt – salopp gesagt – jeder jeden. Dadurch kann auch ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl entstehen.

Ein zweites Beispiel ist eine ähnliche Medienlogik: Durch den kleineren Maßstab von "national" werden regionale Nachrichten sehr viel schneller zu nationalen. In den USA interessiert es anderswo kaum jemanden, ob ein Bauernhof in Idaho eingestürzt ist. In Österreich wäre das bei einem steirischen Bauernhof anders. Das hängt damit zusammen, dass in kleineren Ländern – salopp gesagt – jeder jeden kennt. Dadurch kann auch ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl entstehen.

Ist dieses "jeder kennt jeden" ein Vor- oder Nachteil gegenüber großen Ländern?

Gingrich: Ich denke, es ist hauptsächlich ein Vorteil. Es gibt ein stärkeres Gefühl von Zusammengehörigkeit. Das kann aus der Anonymität heraushelfen.

Sie geben in Ihrem Buch Beispiele für Länder, die von der Globalisierung profitieren und solche, die eher hinterherhinken. Wo zeigt sich der Unterschied besonders deutlich?

Gingrich: Der Unterschied ist im Süden deutlicher als im globalen Norden – etwa bei Singapur und Laos. Am Beispiel Singapur zeigt sich, dass die Globalisierung für kleine Länder auch riesige Chancen eröffnet. Singapur ist Finanz- und Technologie-Drehscheibe einer ganzen Region.

Warum ist Laos das nicht?

Gingrich: Singapur war in der glücklichen Lage, nicht mehr als ein Jahrzehnt lang US-amerikanischen Bombenangriffen ausgesetzt gewesen zu sein, wie das in Laos zwischen 1964 und 1975 der Fall war. Auf der anderen Seite war Singapur bereits unter britischer Fahne ein Standort kolonialer Wirtschaftsaktivitäten für die Gesamtregion. Die Voraussetzungen waren also historisch denkbar unterschiedlich.

Hinzu kommt, dass es in Singapur danach eine intelligente, wenngleich diktatorische („auslands“-)chinesische Führung gab, die Singapur nicht nur in die Unabhängigkeit führte, sondern stark auf die Finanzwirtschaft und Handel setzte. Diese Offenheit gegenüber der Weltwirtschaft ist ein Punkt, dem Singapur seine heutige Position zu verdanken hat und wo Länder wie Laos sich etwas abschauen könnten. Manche tun das auch: Wie beispielsweise Vietnam, das sehr stark auslandsvietnamesisches Kapital ins Land holt. Auch Taiwan versucht Elemente von Singapur zu kopieren.

Ist das der einzige Weg, wie ein kleines Land, von der Globalisierung profitieren kann?

Gingrich: Absolut nicht, die Malediven sind das wohlhabendste Land Südasiens, das eines der besten Gesundheits- und Grundschulsysteme der Region aufgebaut hat. Geschafft haben sie das durch die örtlichen Einnahmen aus einem einigermaßen sanften Tourismus, von dem auch die Bevölkerung teilweise profitiert.

Wo ist Österreichs Nische?

Gingrich: Hierzulande spielt ebenfalls der Tourismus eine wichtige Rolle. Hinzu kommt aber auch das UNO-Engagement (bei „Blauhelmen“) u.v.m. Eine weitere Nische kann sich über den Aufbau von wissenschaftlichem sowie technischem Knowhow eröffnen – vor allem hinsichtlich des Klimawandels.

Hierzulande spielt der Tourismus eine wichtige Rolle. Eine weitere Nische in der Globalisierung kann sich über den Aufbau von wissenschaftlichem sowie technischem Knowhow eröffnen.

Kleine Länder werden nämlich besonders hart von den Folgen der Klimaerwärmung betroffen sein. Aber auch hier tut sich etwas. Meine Kollegin Eva-Maria Knoll arbeitet etwa mit einer kleinen österreichischen Firma zusammen. Sie entwickeln schwimmende, rostfreie Solarpanels, die nun auf den Malediven intensiv getestet werden. Das ist ein Beispiel für ein umweltrelevantes und zugleich wirtschaftlich interessantes Zukunftsprojekt.

Ist Kooperation also ein weiterer, wichtiger Faktor, wie kleine Länder ihren Größennachteil ausgleichen können?

Gingrich: In jedem Fall. Kleine Staaten sollten für solche Kooperationen untereinander viel mehr investieren. Leider passiert das noch zu selten.