16.09.2015

Junges Altes Ägypten

Die junge Generation der internationalen Ägyptologie ist zu Gast in Wien. Sie diskutiert bei einer Konferenz Entwicklungslinien, Vernetzungen und Brüche der altägyptischen Kultur.

Im 3. Jahrtausend v. Chr. entwickelte sich im Niltal der erste geeinte ägyptische Staat. 30 Dynastien prägten im Verlauf der folgenden 2700 Jahre die Geschicke des Landes. So heißt es jedenfalls in der ersten Historiographie Ägyptens aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert. Üblicherweise spricht man aber nur von fünf bis sechs Epochen: vom Altem, dem Mittleren und dem Neuen Reich sowie den jeweiligen „Zwischenzeiten“. Für ein umfassendes Verständnis des Landes, seiner Geschichte und Kultur ist aber mehr Tiefenschärfe gefragt.

Sichtweisen einer jungen Generation
In der modernen Ägyptologie geht es daher weniger um Epocheneinteilungen oder spektakuläre Einzelfunde, als darum, Entwicklungslinien und Brüche in einem vielschichtigen Kontext zu erkennen. Hintergründe und Motive werden ermittelt, regionale Zersplitterungen werden bewertet, Auf-und-Abs in der Festigung von Herrschaftsansprüchen finden Beachtung. Denn heutige Ägyptolog/inn/en möchten herausfinden, was die Gesellschaft über lange Perioden zusammen gehalten oder was einen dramatischen Umbruch ausgelöst hat. Die junge Generation des Faches verfolgt in ihrer Forschung deswegen geistige Strömungen und untersucht zum Beispiel warum sich Werte- und Glaubenssysteme im Laufe der Zeit geändert haben, oder zeichnet den Weg nach, auf dem sich neue Technologien durchsetzen konnten.

Kontinuitäten und Brüche diskutieren von 15. bis 19. September 2015  auch – vornehmlich junge – Ägyptolog/inne/n in Wien. Sie versammeln sich zum „5th International Congress for Young Egyptologists“ unter dem Titel „Tradition and Transformation in Ancient Egypt“. Die Konferenz wird vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gemeinsam mit der Universität Wien, unterstützt vom Kunsthistorischen Museum Wien, veranstaltet.

Für die Keynote Lectures konnten renommierte Ägyptolog/inn/en wie Christiana Köhler, Vorständin des Instituts für Ägyptologie der Universität Wien, Ian Shaw, Professor an der britischen University of Chester sowie Manfred Bietak von der ÖAW gewonnen werden. Er sprach bei der Eröffnung über „The Hyksos Enigma“, während Christiana Köhler in ihrem Vortrag „An Archaeology of Cultures and Peoples? Investigating the Origins of Egyptian Civilization in the 21st Century C.E“ auf Lebensumstände, materiellen Zeugnisse und Kultur der frühdynastischen Zeit eingeht. Im Abschlussvortrag „Technological transformations: chariots, fridges and ballistic missiles“ geht es Ian Shaw um technologische Errungenschaften –  für den Alltag, aber auch für die kriegerische Durchsetzung von Herrschaftsansprüchen.

Zwischen Tradition und Innovation

Seit der Entzifferung der Hieroglyphen auf dem Stein von Rosette sind knapp zweihundert Jahre vergangen, knapp hundert Jahre seit der Entdeckung des Grabes von Tutanchamun. Die wissenschaftlichen Zugänge von damals, Textanalysen und archäologische Grabungen, sind zwar noch immer aktuell. Aber die Ägyptologie hat ihren Methodenmix enorm erweitert. Heute werden digitale Methoden für das Fach adaptiert, sozial- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse mitbedacht und Fakten der historischen Natur- und Klimaentwicklung mit einbezogen.

„Ägypten mit seinem unglaublichen Reichtum an archäologischen Hinterlassenschaften und Textzeugnissen bietet eine unendliche Quelle in einem geschlossenen Naturraum. Gerade hier lassen sich soziale und kulturelle Entwicklungen und Transformationen studieren und argumentieren“, umreißt Barbara Horejs, Direktorin des OREA, das Besondere der Forschung im Land am Nil. Unter dem Einfluss anderer archäologischer Fächer werde nun auch in der Ägyptologie vermehrt interdisziplinär gearbeitet, wie das diesjährige Konferenzprogramm zeige. „Ich bin überzeugt davon, dass die neue Generation an Ägyptolog/inn/en die neuen Möglichkeiten aufgreifen und das Fach ins 21. Jahrhundert tragen wird“, freut sich Horejs.


5th International Congress for Young Egyptologists


Termin:
15. bis 19. September 2015

Ort:
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Theatersaal
Sonnenfelsgasse 19
1010 Wien

Kontakt:
Mag. Elisa Priglinger

Institut für Orientalische und Europäische Archäologie - OREA

Mag. Andrea Kahlbacher (Univ. Wien)