01.09.2017

Japan mit anderen Augen sehen

Die Frage nach der Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg wird in Asien und Europa sehr unterschiedlich gehandhabt. Eine Konferenz an der ÖAW machte die kontroversen Erinnerungskulturen zum Zweiten Weltkrieg zum Thema.

Die Bewältigung des Zweiten Weltkrieges und die Fragen der Kriegsschuld werden von den einzelnen Ländern in Asien und Europa sehr unterschiedlich aufgefasst – und zum Teil politisch instrumentalisiert. Anlässlich der Konferenz „Der Zweite Weltkrieg in Asien und Europa“ am 30. und 31. August 2017 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erklärt Konferenz-Organisatorin Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Professorin für Sinologie an der Universität Wien und korrespondierendes Mitglied ÖAW, warum man Deutschland und Japan in nicht in jeder Hinsicht vergleichen kann und weshalb man der chinesischen Erzählung nicht in jeder Hinsicht trauen sollte.

Wenn es um den 2.Weltkrieg geht, haben wir meist entweder Asien oder Europa im Blick, selten beide zusammen. Wie ist es zu diesem vergleichenden Konferenzthema gekommen?

Susanne Weigelin-Schwiedrzik: Es entstand aufgrund einer Bitte, die der Herausgeber der Zeitschrift „Forschungen zum Anti-Japanischen Krieg“ an der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, Professor Gao, an mich herangetragen hat. In China wird ja die Haltung Japans zu den Verbrechen im Zweiten Weltkrieg scharf kritisiert, während Deutschland als Vorbild hingestellt wird, wie man sich angemessen mit den Fehlern der Vergangenheit auseinander zu setzen habe. Die Chinesen sagen immer: ‘Schaut, wie gut die Deutschen das machen und wie schrecklich die Japaner.‘ Dabei idealisieren sie die deutsche Erinnerungsarbeit und instrumentalisieren sie zugleich gegen Japan. Diese Argumentation wird weder der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland gerecht, die ja auch ihre Probleme hat, noch der Situation in Japan.

Auch auf westlicher Seite herrscht die Auffassung, dass Japan sich seiner Verantwortung für die Kriegsverbrechen entzieht. Stimmt das denn nicht?

Weigelin-Schwiedrzik: Der Prozess der Vergangenheitsbewältigung in Japan und Deutschland ist sehr unterschiedlich verlaufen. Das lag nicht zuletzt an den USA, die schon ab 1942 langfristige Überlegungen anstellten, wie in Deutschland eine Entnazifizierung nach dem Hitler-Regime durchzurühren wäre im Sinne einer „reeducation“ des deutschen Volkes. Bezogen auf Japan hatte man ähnliche Überlegungen, aber dann ging die Entwicklung einen anderen Weg, weil die USA in Japan darauf verzichteten, das politische System als solches zu zerschlagen und den Kaiser für den Krieg verantwortlich zu machen. In Japan hat nur die Armee kapituliert, der Kaiser schlug sich auf die Seite der Amerikaner und blieb an der Macht. In Deutschland dagegen war das politische System insgesamt zusammengebrochen, und das ist ein ganz anderer Ausganspunkt.

Es ist sehr wichtig, den Unterschied zwischen der deutschen und japanischen Nachkriegssituation zu begreifen.


Die von den USA durchgesetzte „reeducation“ führte also auch zu einem schnelleren Eingeständnis der Kriegsschuld bei den Deutschen?

Weigelin-Schwiedrzik: Nach und nach, ja. Im Gegensatz dazu hielten sich die Amerikaner in Japan mit den Anforderungen für „reeducation“ sehr zurück, und zwar auch aus strategischen Gründen: Es war zu der Zeit unklar, ob in China die Kommunisten die Macht übernehmen würden, und man fürchtete, dass der Kommunismus vom ostasiatischen Festland auf die japanische Insel übergreifen könnte, wenn man Japan zu sehr destabilisiert. Auf institutioneller Ebene haben die USA in Japan zwar die Demokratie eingeführt, aber dies hatte wenig Einfluss auf die Art und Weise des Denkens und der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Es ist sehr wichtig, den Unterschied zwischen der deutschen und japanischen Nachkriegssituation zu begreifen – doch das spielt leider in den ganzen Diskussionen in Ostasien keine Rolle.

Würden Sie nicht sagen, dass die unterschiedliche Art der Vergangenheitsbewältigung auch durch kulturelle Unterschiede bedingt ist?

Weigelin-Schwiedrzik: Da wäre ich sehr vorsichtig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Jedes Jahr besucht der japanische Premierminister den Yasukuni-Schrein, einen wichtigen religiösen Gedenkort in Tokyo. Dieses Ritual wird international mit Befremdung zur Kenntnis genommen. Man muss aber wissen, dass Kaiser Hirohito damals seinem Volk versprach, die Seelen aller im 2. Weltkrieg Gefallenen würden in den Yasukuni-Schrein zurückkehren und dort ihr zu Hause finden. Das glauben die Menschen auch heute noch. Naturreligiöse Vorstellungen sind in Japan – neben aller Moderne – so tief verankert, wie wir es uns gar nicht vorstellen können. Diese Seelen nicht zu besuchen, hieße also, gegen ein gesellschaftliches Grundprinzip zu verstoßen. Direkt neben dem Schrein hat man dann aber ein Museum errichtet, das die Geschichte des 2. Weltkrieges unverändert als Geschichte eines „gerechten Krieges“ darstellt.

Das heißt, es existieren sehr unterschiedliche Geschichtsbilder in der japanischen Gesellschaft?

Weigelin-Schwiedrzik: Man hat es nicht geschafft, einen Konsens darüber herzustellen, welche Rolle Japan zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und dem Ende des 2. Weltkriegs in Asien gespielt hat. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Öffentlichkeit hier gespalten. Die Geschichte des gerechten Krieges wird von vielen Japanern nicht akzeptiert; die Geschichte eines Japan des Imperialismus und Militarismus wird aber auch von vielen Menschen nicht geteilt. Das Ritual am Yasukuni Schrein versucht über diesen gegensätzlichen Geschichtsverständnissen einen Kosens herzustellen.

Die ÖAW ist genau der richtige Ort, um diese brisanten Themen so zu diskutieren, dass sie nicht politisch instrumentalisiert werden.


Was würden Sie vorschlagen: Wie soll man sich zu dieser Art der Erinnerungspolitik verhalten?

Weigelin-Schwiedrzik: Ich bin der Auffassung, dass man die unterschiedlichen Konstellationen in Deutschland und Japan zur Kenntnis nehmen muss und nicht durch das hehre Vorbild deutscher Erinnerungsarbeit noch Öl ins Feuer einer ohnehin angespannten Lage in Ostasien kippt. Derzeit gewinnen in Japan Kräfte einer revisionistischen Geschichtsschreibung wieder an Einfluß. Auf chinesischer Seite wiederum erstarken Kräfte, die in eine nationalistische Feindhaltung gegenüber Japan zurückfallen, weil man der Auffassung ist, dass China nun die Führung in Asien übernehmen sollte. Man will erreichen, dass sich alle anderen Länder Ostasiens von Japan abwenden.

Erinnerungsarbeit steht also unter einem starken politischen Kalkül, und es brodelt in der Region?

Weigelin-Schwiedrzik: Genau das ist der Grund unserer Konferenz. Mein chinesischer Kollege hat gebeten, in Wien als neutralem Ort Wissenschaftler aus China, Japan und Korea zusammenbringen, um die Frage der Kriegsschuld zu diskutieren und sie im Vergleich zur Situation in Deutschland, Österreich und Osteuropa zu betrachten. Es geht uns darum, Simplifizierungen und Vereinseitigungen entgegen zu wirken, und die ÖAW als in Japan, Korea und China hoch angesehene Institution ist genau der richtige Ort, um diese brisanten Themen so zu diskutieren, dass sie nicht politisch instrumentalisiert werden.