25.04.2018

Jäger der verlorenen Schrift

Jahrhundertelang waren sie dem Auge verborgen: Unter den Texten so mancher alten Handschrift sind weitere Texte versteckt. Mit moderner Technik kann die Forschung diese Schriften heute wieder sichtbar machen. So konnte ÖAW-Forscher Grigory Kessel kürzlich eine 1.500 Jahre alte Apothekenrezeptur entdecken.

Wer vorsichtig in alten Handschriften aus dem Mittelalter blättert, wird sie in den seltensten Fällen bemerken. Doch unter so manchem lesbaren Text verbirgt sich ein weiterer, der mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist. Die Wissenschaft spricht von Palimpsesten. Also Manuskripten, deren ursprüngliche Schriften vor Jahrhunderten abgeschabt und mit neuen Texten überschrieben wurden. Keine unübliche Praxis im Mittelalter, war doch Pergament ein teures Beschreibmaterial.

Für die Forschung bieten die „recycelten“ Handschriften heute eine wahre Fundgrube an neuen Erkenntnissen zu unserer Vergangenheit. Denn dank High Tech können die verborgenen Texte unter den Texten wieder sichtbar gemacht werden. Ein besonders großer Schatz an solchen Palimpsesten befindet sich im Katharinenkloster im Sinai. Dort werden rund 1.000 Handschriften in mehr als einem Dutzend Sprachen aus mehreren Jahrhunderten verwahrt. Seit einigen Jahren versuchen Forscher/innen, unter anderem der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken.

Einer dieser Jäger der verlorenen Schrift ist der Byzanzforscher Grigory Kessel, der seit 2016 an der ÖAW forscht und mit einem ERC Starting Grant ausgezeichnet wurde. Er erzählt im Interview, wie man Palimpseste untersucht und welche Entdeckungen er bisher machen konnte.

Herr Kessel, wie kam es dazu, dass Sie Palimpsest-Forscher wurden? Die Disziplin ist ja relativ neu.

Grigory Kessel: Ursprünglich habe ich in Moskau Geschichte der Philosophie studiert, mich später aber für Byzanz und den christlichen Orient interessiert. Länder wie Syrien, Armenien oder Georgien haben mich fasziniert, und über die Sprache bin ich dann zu den alten, syrischen Handschriften gekommen.

Momentan arbeiten Sie mit Palimpsesten, die im Katharinenkloster in der Sinai-Wüste lagern. Sehr alte Handschriften aus dem ersten Jahrtausend nach Christus, die zum Teil mehrfach überschrieben wurden.

Kessel: Als dieses Projekt mit dem Katharinenkloster startete, hat man sich nach Spezialist/innen für verschiedene alte Sprachen umgesehen: Syrisch, Armenisch, Äthiopisch, Georgisch – die sind nicht leicht zu finden. Ich war einer davon, hatte gerade mit dem Palimpsest einer US-Privatsammlung – ebenfalls ursprünglich auch aus dem Katharinenkloster stammend – gearbeitet und die „New York Times“ hatte sogar darüber berichtet. Es ist selten, dass jemand schon Erfahrung mit Palimpsesten mitbringt.

Was macht das Katharinenkloster so besonders für die Palimpsestforschung?

Kessel: Dieses Kloster beherbergt eine der größten Handschriftensammlungen der Welt. Nur der Vatikan hat einen größeren Bestand. Aber dort wurde auch ständig zugekauft und aktiv gesammelt. Im Katharinenkloster wuchs die Bibliothek organisch, und sie ist bis heute im Besitz der Kirche. Viele Pilger, die diesen abgelegenen Ort besuchten, brachten Bücher mit und ließen sie dort. Einige sind der Ansicht, die Bibliothek sei die älteste der Welt.

Wie kommt es, dass sich gerade dort so viele Palimpseste finden – recycelten die Mönche das Pergament, weil in der Abgeschiedenheit kein Neues zu bekommen war?

Kessel: Das wäre eine mögliche Antwort, aber wir wissen es nicht genau. Vielleicht gab es zu wenige Häute und Pergament, vielleicht war das neue Material einfach zu teuer.

Die verschiedenen Schriftschichten werden jetzt durch ein ganz neues Durchlichtverfahren sichtbar gemacht und digital abfotografiert. Geschieht das im Kloster selbst?

Kessel: Ja. 6000 Einzelseiten wurden dort bereits gescannt. Anschließend werden sie nachbearbeitet und von Sprachwissenschaftler/innen ausgewertet. Bald werden die Bilder in extrem hoher Auflösung ins Netz gestellt, damit Wissenschaft daran arbeiten kann. Es war übrigens sehr aufwändig, die Fotoapparatur ins Kloster zu schaffen und dort zu montieren. Die Geräte wurden extra aus den USA eingeflogen.

 

Derzeit arbeiten Sie in Wien mit den dort entstandenen, hoch auflösenden Scans. Waren Sie selbst schon im Katharinenkloster?

Kessel: Ich habe dort im Zuge eines früheren Projekts schon an der Katalogisierung mitgearbeitet. Es war wichtig, zunächst einmal abzuschätzen, wie viele Palimpseste sich wirklich unter den Handschriften verbergen.

Das Katharinenkloster liegt in Ägypten, im Inneren des Süd-Sinai. Das österreichische Außenministerium geht von einem „hohen Sicherheitsrisiko“ für dieses Gebiet aus. Befürchten Sie, dass das Kloster einmal zum Ziel von Anschlägen werden könnte?

Kessel: Vor vier Jahren hat ein Kommandierender der ägyptischen Armee sogar angekündigt, das Kloster zu zerstören. Diese Situation ist durchaus vorstellbar. Auch deshalb wird dieses Projekt gerade bevorzugt gefördert. Die Handschriften des Katharinenklosters sind bedroht.

Sind die Texte in der Klosterbibliothek alle christlicher Prägung?

Kessel: Ja. Es gibt biblische Texte, liturgische Texte, Geschichten aus dem Leben von Heiligen. Aber auch wissenschaftliche, medizinische, pharmazeutische Texte. Im Grunde genommen findet man alle Textsorten, die damals existierten.

Bei der Konferenz sprechen Sie über eine ganz spezielle Handschrift aus dem Kloster, die „Sinai Arabic 514“. Was macht sie so besonders?

Kessel: Das ist eine wirklich ungewöhnliche Handschrift: In den sechziger und siebziger Jahren hat ein US-Forscher ägyptischer Abstammung – Aziz Suryal Atiya – schon daran gearbeitet. Aber er verfügte noch nicht über die Technik, die wir heute haben. In dieser Handschrift sind manche Seiten bis zu drei Mal beschrieben – Arabisch, Syrisch oder Alt-Griechisch. Was diese Handschrift außerdem ganz besonders macht: Sie wurde aus Teilen verschiedener Handschriften zusammengestellt. Dank der multispektralen Fotografie ist es heute möglich, diese Texte gut sichtbar zu machen – und Verborgenes darin zu entdecken.

Haben Sie schon etwas Überraschendes gefunden?

Kessel: Allerdings! Ich konnte einen bisher einzigartigen, pharmazeutischen Text entdecken. Er beschreibt Pflanzen und wie man sie in der Medizin einsetzt, und könnte aus dem 8. Jahrhundert stammen.