09.03.2018

Islam 2.0 - Fromm sein im Zeitalter von Social Media

„Jeder ist ständig online“, so beschreibt der Sozialanthropologe Martin Slama seinen ersten Eindruck, als er begann den Mediengebrauch indonesischer Muslime zu untersuchen. Welchen Einfluss vor allem junge Bloggerinnen auf den religiös geprägten Alltag haben, erklären er und seine Kollegin Dayana Lengauer.

30 Tage – 30 Blog-Einträge: Febrianti Almeera und Kang Ulum wollen heiraten und das lassen die beiden jungen, indonesischen Muslime alle wissen. 30 Tage vor dem großen Tag starten sie einen Blog und machen darin ihre persönliche Geschichte öffentlich. Tag für Tag teilen sie ihre Hoffnungen und bringen ihre Sorgen zur Diskussion, beschreiben, wie sie sich kennengelernt haben, und stellen sogar ihre Auseinandersetzung über Familienfinanzen online. Der Blog brachte den beiden innerhalb der ersten Tage tausende Klicks. „Vor allem bei jungen, muslimischen Frauen wurde die Seite schnell sehr beliebt. Viele sind auf der Suche nach dem Richtigen mit demselben Glauben und Wertvorstellungen“, erklärt Dayana Lengauer vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Nicht zu heiraten gilt aufgrund der religiösen Rahmenbedingungen und der damit verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen als nicht angemessen, ergänzt die Sozialanthropologin. 

„Twitter-Hauptstadt“ Jakarta

Lengauers Studie zum Blog “Prince of Heaven” – zu Deutsch „Prinz des Himmels“ – ist Teil des umfangreichen Forschungsprojektes „Islamic (Inter)Faces of the Internet“, das vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert und vom ÖAW-Sozialwissenschaftler Martin Slama geleitet wird. Es ist ein Projekt, das anhand solcher Beispiele auf vielseitige Art und Weise zeigt, wie wichtig das Internet und soziale Medien für das religiöse Zusammenleben und den Alltag im muslimischen Indonesien geworden sind.

In Indonesien sind soziale Medien überaus populär. Für Krankheits- und Todesfälle in der Familie holt man sich zum Beispiel online geistlichen Rat.


„In Indonesien sind soziale Medien überaus populär“, so Martin Slama. Auf 240 Millionen Einwohner kommen 310 Millionen Handys. Islamische Prediger sind hier Twitter-Popstars mit Millionen Followern, Gebetsgruppen werden über WhatsApp-Chats organisiert und nirgendwo sonst in der islamischen Welt nutzen so viele Menschen Facebook. Das verschaffte Jakarta auch den Beinamen „Twitter-Hauptstadt“. 

„Soziale Medien werden dabei genutzt, um den eigenen Gefühlshaushalt zu managen. Frauen besprechen mit dem Prediger via WhatsApp etwa, wie sie damit umgehen sollen, wenn ihr Mann sie betrügt. Auch für Krankheits- und Todesfälle in der Familie holt man sich online geistlichen Rat“, erklärt Slama.

Macht der Konsumentinnen

Als „affektiven Austausch“ beschreibt er das Onlineverhalten, wodurch Alltag und religiöse Diskurse verwoben werden. Ziel ist es letztlich, ein frommes Leben zu führen. „Dabei geht es nicht nur darum, die Gebetszeiten einzuhalten, sondern eben um Fragen wie den Umgang mit dem anderen Geschlecht vor der Ehe, das Verhalten in der Ehe und andere alltagsrelevante Themen“, so Slama.

Was hier wiederum als fromm und richtig gilt, bestimmen aber nicht allein die Prediger. Selbst wenn ihre Popularität und ihr Einfluss über Twitter und Co. zweifelsfrei gestiegen ist. Vielmehr wird Frömmigkeit in den Blogs und Gruppen-Chats bis zu  einem gewissen Grad auch von der Bevölkerung selbst neu ausverhandelt. Vor allem Frauen schreibt Slama hier eine „Macht der Konsumentinnen“ zu. Letztlich bestimmen sie beispielsweise, welche Prediger zu den Gebetstreffen eingeladen werden, und gefällt ihnen eine Antwort eines Geistlichen nicht, suchen sie sich den Rat woanders, erklärt der Forscher. 

Frischer Wind für religiöse Fragen

Auch Febrianti und Ulum widmen sich in ihrem Blog Alltagsproblemen und Beziehungsfragen im Sinne des Islam, wenngleich sich Febrianti selbst als nicht streng religiös beschreibt, so Lengauer. „Sie erklärt, dass der Blog letztlich Allahs Weg ist, um durch sie und ihren Mann zu den Menschen zu sprechen, damit diese Weisheit (hikmah) finden und an den Beispielen wachsen können. "Auf diese Weise sei es der Bloggerin wie vielen anderen Social Media-Stars gelungen, intime und religiöse Beratung auf eine erfrischende Art zu verbinden und jungen Frauen Orientierung zu geben, schlussfolgert Lengauer. 

Durch Blogs und WhatsApp-Gebetsgruppen werden religiöse Werte in einer neuen Form attraktiv gemacht und ins Zentrum des täglichen Diskurses gerückt.


Letztlich scheinen soziale Medien den Islam auf allen Ebenen wiederzubeleben, erklärt Slama. „Durch die Blogs, WhatsApp-Gebetsgruppen und dergleichen werden religiöse Werte in einer neuen Form attraktiv gemacht und ins Zentrum des täglichen Diskurses gerückt.“

Wie sich soziale Medien auf die Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften auswirken, will Lengauer nun im Rahmen eines einjährigen Forschungsaufenthaltes in Indonesien erforschen, wofür sie kürzlich ein DOC-Stipendium der ÖAW erhalten hat.