20.11.2017

Holocaust: Filme und Bücher gegen das Vergessen

Eine internationale Konferenz rückte die Erlebnisse von Überlebenden des Holocaust und deren Nachfahren in den Mittelpunkt. Welche Bedeutung ihren Erzählungen heute zukommt, erklärte die US-Filmemacherin Melissa Hacker, die in Wien zu Gast war.

Mehr als 10.000 jüdische Kinder können in den Jahren 1938/39 Österreich, Deutschland, Polen und die Tschechoslowakei verlassen. Ihre Rettung geht als „Kindertransporte“ in die Geschichtsbücher ein. Auch Ruth Morley überlebt auf diese Weise den Holocaust und fängt schließlich in New York ein neues Leben an. Ihre Geschichte sowie die vieler anderer geretteter Kinder stehen im Mittelpunkt des berührenden Dokumentarfilms „My Knees Were Jumping“ – erzählt von Melissa Hacker, Filmemacherin und Tochter von Ruth Morley.

Hacker war bei der interdisziplinären Konferenz „Autobiographik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung“ in Wien zu Gast, die gemeinsam vom Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), der Theodor Kramer Gesellschaft und dem Haus der Geschichte Österreich vom 23. bis 25. November 2017 veranstaltet wurde. Dort berichtete die US-amerikanische Künstlerin über die Bedeutung von autobiographischen Dokumentarfilmen für die Erinnerungsarbeit und beleuchtete in einem Filmvortrag die Fluchtgeschichte ihrer eigenen Familie.

Wann haben Sie beschlossen, die Geschichte Ihrer Familie in einem Film öffentlich zu machen und aufzuarbeiten?

Melissa Hacker: Ich war auf der Filmschule und wollte ein kurzes Portrait über meine Mutter machen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nur, dass sie als Teenager mit fast nichts nach New York kam und schließlich eine erfolgreiche Kostümdesignerin für Filmproduktionen wurde. Ich wollte einfach diese Geschichte erzählen und mehr darüber erfahren, wie das genau passiert ist.

Als ich anfing, ihr Fragen zu stellen, sprach sie plötzlich davon, dass sie Wien nach den Novemberpogromen im Jahr 1938 allein verlassen musste. Das tat sie noch nie zuvor. Mir wurde klar, dass meine Mutter damals nicht die einzige war, sondern Teil der sogenannten „Kindertransporte“. Niemand in den USA kannte diese Geschichte. Da war mir klar, ich musste sie erzählen. So wurde aus dem ursprünglich geplanten 20-Minuten Portrait über meine Mutter nach sieben Jahren Arbeit ein umfangreicher Dokumentarfilm.

Als ich anfing, ihr Fragen zu stellen, sprach sie plötzlich davon, dass sie Wien nach den Novemberpogromen im Jahr 1938 allein verlassen musste. Das tat sie noch nie zuvor. Mir wurde klar, dass meine Mutter damals nicht die einzige war.

Das heißt, die Vergangenheit war in ihrer Familie bis dahin ein Tabu?

Hacker: Es gab diese unsichtbare Barriere; Dinge, die man nicht fragte und über die man nicht sprach. Dennoch war das Thema immer da. Ich wusste auch irgendwie, dass ich meine Mutter beschützen muss, dass ich sie von großen Menschenmengen oder Männern in Uniform fernhalten sollte. Auch wollte ich ihr nie erzählen, wenn ich vor etwas Angst hatte oder mich etwas  beschäftigte, weil ich wusste, dass meine Mutter viel schlimmere Dinge überstehen musste, als sie in meinem Alter war. Ich denke, das passierte oft in Familien von Überlebenden.

Wie war es, schließlich all die Fragen zu stellen?

Hacker: Es war, als würde ich eine Rolle einnehmen – ich war also nicht mehr Melissa, die Tochter, sondern die Filmemacherin. Der Film wurde zu einer dritten Entität, wodurch es auch ihr möglich war, meine Fragen zu beantworten. Sie wusste, dass sie dadurch dem Schicksal vieler jüdischer Kinder ein Denkmal setzen konnte.

Leicht war es allerdings nicht. Ich habe in meinen Interviews immer wieder den Punkt erreicht, an dem mir Menschen Dinge erzählten, die sie noch niemanden zuvor verraten haben. Grauenvolle Dinge, die mich oft in eine tiefe Trauer stürzten. Nachdem der Film fertig war, dachte ich nur: „Das war´s, ich mache nie wieder einen Film über den Holocaust oder meine Familie.“ Es war einfach zu hart.

Ich habe in meinen Interviews immer wieder den Punkt erreicht, an dem mir Menschen Dinge erzählten, die sie noch niemanden zuvor verraten haben. Grauenvolle Dinge, die mich oft in eine tiefe Trauer stürzten.

Gleichzeitig sah ich, welche Bedeutung der Film hat. Davor fand man etwa den Begriff „Kindertransport“ in keinem Englisch-Wörterbuch. Ich bin sehr froh, dass ich diese Information in die Welt tragen und darüber hinaus auch dabei helfen konnte, die Kinder von damals wieder zu vereinen.

„My Knees Were Jumping“ ist ein ungewöhnlicher Titel? Was bedeutet er?

Hacker: Viele sagten mir, das sei kein angemessener Titel, weil es nichts erklärt und auch nicht korrektes Englisch ist. Aus diesem Grund gibt es den Untertitel „Remembering the Kindertransport“. Aber es geht dabei um eine der allerersten Erinnerungen, die mir meine Mutter erzählte:

Ihr Vater wurde damals am 9. November 1938 in Wien verhaftet und alle Habseligkeiten wurden aus der Wohnung mitgenommen. Zehn Tage später brachten die Beamten ihren Vater wieder zurück. Es gab allerdings Unstimmigkeiten unter den Polizisten. Meine Mutter belauschte damals aus dem Nebenzimmer, wie sie im Hauptquartier nachfragten, ob sie ihren Vater nun hier lassen oder wieder mitnehmen sollten. Sie erzählte mir, dass sie in dem Moment wusste, wenn sie ihn jetzt mitnehmen, würde sie ihren Vater nie wiedersehen. Sie wurde ohnmächtig und merkte nur noch, wie ihre Knie zu hüpfen anfingen und sich anfühlten, als ob sie jeden Moment aus ihrer Haut springen. Diese Formulierung ist also eine echte Kindheitserinnerung und zugleich eine emotionale Beschreibung.

Darum geht es ja bei einem Dokumentarfilm, es gibt immer zwei Seiten: die rationale, intellektuelle, mit der man alles erklären kann, und dann gibt es die emotionale, durch die andere Menschen die Dinge tatsächlich erfahren können. Diese Ebenen sollen sich in dem Titel vereinen.

Welche Rolle spielen autobiographische Filme sowie Literatur, wenn es darum geht, dass der Holocaust nicht vergessen wird?  Vor allem wenn Zeitzeugen immer weniger werden.

Hacker: Wenn Sie mich vor 20 Jahren gefragt hätten, hätte ich gesagt: „Dokus können die Welt verändern. Es kann Menschen dazu bringen, für oder gegen eine Sache zu demonstrieren oder sich für jemanden zu engagieren.“

Ich fürchte, ein so unmittelbarer Effekt ist mittlerweile nur noch selten zu erreichen, wenngleich es durchaus noch möglich ist. Etwa indem man Dokumentarfilme direkt mit Hinweisen verbindet, wo und wie Menschen aktiv werden können.

Abgesehen davon ist Kunst eine Möglichkeit, damit Menschen intellektuell sowie emotional auf Geschichte reagieren. Sie lernen und fühlen. Es ist ein indirekter Weg, um Herzen und Köpfe zu öffnen und sie etwas sehen zu lassen, das sie davor nicht wahrgenommen haben. Wenn man Menschen Zugang zu Geschichten von Menschen gibt – egal ob durch das geschriebene Wort oder Dokumentarfilme – kann es sie öffnen und verändern.