19.10.2015

Geschichte als Chance

Was das Haus der Geschichte Österreich werden soll und was nicht, diskutierten Historiker/innen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

„Braucht Österreich ein neues historisches Museum (‚Haus der Geschichte‘) und, wenn ja, was für eines?“ Unter diesem Titel veranstaltete das Institut für Österreichische Geschichtsforschung (IÖG) in Kooperation mit dem Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung (INZ) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) eine Enquete von Expert/inn/en zum kontrovers diskutierten „Haus der Geschichte Österreich“.

Die Entscheidung der Bundesregierung für ein Haus der Geschichte Österreich (HGÖ) in der Neuen Hofburg ist vor wenigen Wochen gefallen. Das große Publikumsinteresse an der Enquete lag auch darin begründet, dass das inhaltliche Konzept des HGÖ erstmals öffentlich zur Diskussion gestellt wurde. Darauf verwies einleitend Thomas Winkelbauer, Direktor des IÖG: „Nachdem in den vergangenen Monaten Fragen nach Notwendigkeit und Standort des HGÖ im Vordergrund gestanden sind, geht es nun um die zentralen Fragen des Inhalts und der musealen Umsetzung.“

Ort der Vermittlung
Mit 17 Vorträgen von Historiker/inne/n und Museolog/inn/en gab die Enquete Einblick in unterschiedliche Positionen zur Frage, was das HGÖ werden soll, und: was es nicht werden soll. Vor dem Hintergrund der langen Vorgeschichte und der vielfach gescheiterten Ansätze herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass das neue Museum eine einmalige Chance eröffnet, die nicht verpasst werden dürfe. Denn damit werde ein öffentlicher Ort der wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung mit der österreichischen Geschichte, insbesondere der „langen“ österreichischen Zeitgeschichte, geschaffen. Vor allem angesichts des internationalen Rückstandes Österreichs im Bereich der Geschichtsvermittlung, aber auch des Integrationsbedarfs der Gesellschaft kommt der Einrichtung des HGÖ eine außerordentlich große Bedeutung zu.

Kein Nationalmuseum

Konsens herrschte auch darüber, was das HGÖ nicht werden soll: kein traditionelles Nationalmuseum, kein chronologisches Geschichtsbuch an der Wand. Der Zeithistoriker Oliver Rathkolb, Vorsitzender des internationalen wissenschaftlichen Beirats für ein „Haus der Geschichte“, bezeichnete die Neue Hofburg als nachgerade idealen Ort, der wie kein anderer für die Auseinandersetzung mit der Geschichte fruchtbar gemacht werden könne. Denn von der „Terrasse“ eröffnen sich Blickachsen auf zentrale Objekte, die die demokratische Entwicklung, aber auch ihre Bruchlinien thematisieren: das Parlament, das Wiener Rathaus, aber auch das Heldendenkmal des Ständestaates und einer der Flaktürme des Zweiten Weltkrieges. Einige Gegenstimmen sprachen sich dennoch dafür aus, die Gelegenheit für einen symbolträchtigen republikanischen Neubau am Rande des Heldenplatzes nicht zu versäumen, andere plädierten dafür, die Konzentration auf die Zeitgeschichte auch im Namen zum Ausdruck zu bringen (z. B. „Haus der österreichischen Zeitgeschichte“).

Die Debatten der Enquete richteten sich aber vor allem auf die konzeptionellen Grundlagen: Orientiert sich das HGÖ an einer Geschichte der Gesellschaft oder an der Geschichte des Staates? Wie können die avancierten Konzepte der New Museology fruchtbar gemacht werden? Wie positioniert sich die neue Einrichtung in der Museumslandschaft, sowohl in Österreich als auch international? Wie kann es gelingen, das HGÖ möglichst breit zu verankern und attraktiv für die Jugend zu machen? Die überwiegende Mehrzahl der Vorträge beinhaltete den Appell, das neue Museum als Chance für Österreich zu begreifen.

Das Konzept des HGÖ steht unter dem Motto „Das Museum gemeinsam denken“. Die Positionen der Debatte an der ÖAW haben diesen Gedanken aufgenommen und dazu zahlreiche Anstöße gegeben.