27.04.2016

Facebook des Mittelalters

Geschichte aus einer neuen Perspektive betrachten, das war das Motto der Konferenz „Verflochtene Welten“. Der ÖAW-Historiker Johannes Preiser-Kapeller über die sozialen Netzwerke des 14. Jahrhunderts.

Was war der Anlass für einen Bürgerkrieg im mittelalterlichen Byzanz? Und welche Rolle spielten dabei die Beziehungen, die ein junger Thronfolger zu seinen adeligen Freunden hatte? Die moderne soziale Netzwerkanalyse kann auf solche Fragen neue Antworten geben.

Das machte die Konferenz „Verflochtene Welten. Netzwerkanalyse und Komplexitätstheorie in Geschichtswissenschaften und Archäologie“ deutlich, die im April in Wien stattfand. Organisiert vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) diskutierten dort Forscher/innen aus verschiedensten Disziplinen, wie sich soziale Verflechtungen in geographischen Räumen der Vergangenheit mit modernen Netzwerkanalysen untersuchen lassen.

Der ÖAW-Historiker Johannes Preiser-Kapeller erzählt, was die Netzwerkanalyse für die Geschichtswissenschaften so interessant macht – und warum sie helfen kann mittelalterliche Bürgerkriege und den Sturz eines Kaisers zu erklären.

Soziale Netzwerke gibt es nicht erst seit Facebook. Welche Rolle spielten sie in der Geschichte?

Eine große – insbesondere, wenn es darum ging, wie belastbar Gesellschaften waren. Je stärker gewisse Personen unterschiedlich miteinander vernetzt waren – durch Handelsbeziehungen, Familie, Freundschaften, desto belastbarer war das gesellschaftliche Gefüge  auch gegenüber äußeren Stressfaktoren wie zum Beispiel starken Klimaveränderungen, die im 14. Jahrhundert global auftraten.

Welche neuen Perspektiven bieten hier digitale Netzwerkanalysen?

Es gibt ein Beispiel aus unserer Forschung zu Konflikten in der Führungselite des byzantinischen Reichs: In den 1320er Jahren führte ein Streit zwischen dem damaligen Kaiser Andronikos II. und dessen Enkel Andronikos III., der als sein Nachfolger vorgesehen war, zu einem Bürgerkrieg.

Auslöser für die Auseinandersetzung war, dass der Enkel zuvor unabsichtlich den Tod seines Bruders herbeigeführt hatte – es ging dabei um eine Dame, die von beiden umworben wurde. Der Kaiser enterbte den Enkel. Daraufhin begann dieser gemeinsam mit seinen Freunden gegen den Kaiser zu mobilisieren. Es kam zum Bürgerkrieg und später zum Sturz des Kaisers.

Betrachtet man die Struktur der byzantinischen Führungselite und untersucht dessen Entwicklung, dann zeigt sich mithilfe der sozialen Netzwerkanalyse, dass es bereits vor dem Vorfall zu Polarisierungen kam. Das heißt, es haben sich beispielsweise Gruppen insbesondere des jungen Adels formiert, die sich sukzessive gegen den Kaiser wandten. Auf der anderen Seite werden auch Akteure unterschiedlicher Herkunft sichtbar, die wiederum eigene Vorstellungen hatten, wie sich das Reich entwickeln sollte.

Letztendlich war der Streit also nur der Anlass, an dem sich alles entzündete – die Bruchlinien des Krieg waren im Gefüge der Elite schon angelegt. Das haben wir so in der Form zuvor nicht darstellen können.

Wie genau funktioniert die Methode?

Wir analysieren die Dokumente und Urkunden und versuchen, die Beziehungen zwischen den einzelnen Personen in Kategorien wie Freundschaft, Feindschaft, Verwandtschaft oder Gefolgschaft zu unterteilen. Das alles wird dann systematisch in eine Datenbank eingegeben. Die verschiedenen Beziehungen können wir dann in einem großen Netzwerk zusammenfassen, visualisieren und untersuchen.

Dafür verwenden wir die Software „Open Atlas“ [Link zu www.openatlas.eu/website/], die vom Archäologen Stefan Eichert und vom Softwareentwickler Alexander Watzinger entwickelt wurde.

Hat sich dadurch die Art und Weise verändert, wie und welche Forschungsfragen man stellt?

Die Möglichkeit der digitalen Erfassung erlaubt es uns einfach, viel größere Datenmengen zu sammeln und vor allem anschaulich zu machen. Das war bisher unüblich – die Geschichts- oder Mittelalterforschung war sehr „textlastig“, Visualisierungen waren eher verdächtig. Zum Teil gibt es diese Vorbehalte heute noch.

Mithilfe der Mathematik können wir aber nun Dinge, die man zuvor vielleicht nur intuitiv erschlossen hat, mit belastbaren Zahlen unterfüttern.
Es kann auch sein, dass ich dadurch auf Akteure aufmerksam werde, die weniger im Zentrum standen, für ein Ereignis aber wichtig waren. Was mich als Historiker dazu bringt, bestimmte Dokumente noch einmal gezielt zu studieren.

Ein anderer Aspekt ist sicher, dass wir nun vermehrt interdisziplinär, mit Forscher/innen aus Archäologie, Informatik, Mathematik etc. arbeiten. Oder auch international innerhalb der Geschichtswissenschaft – bei der Konferenz habe ich zum Beispiel eine Vergleichsstudie vorgestellt, bei der ich mit Kolleg/inn/en aus China, Ungarn und Ägypten zusammengearbeitet habe.

Kommt es auch vor, dass man Daten falsch eingibt und die Graphik einen in die Irre führt?

Nun ja, es liegt eine gewisse Verführung in dieser Technik, weil man schnell beeindruckende Graphiken erstellen kann, die dann eine nicht vorhandene Objektivität suggerieren. Natürlich brauche ich nach wie vor eine gewisse Dichte an Informationen aus den Quellen. Es macht auch einen großen Unterschied, ob  ich die Daten einfach unreflektiert in einen Topf werfe, ohne System oder Kategorien.

Um dem entgegen zu wirken, wird beispielsweise  gerade eine Fachzeitschrift für historische Netzwerkanalyse etabliert, die Studien vor ihrer Veröffentlichung begutachtet. Auch vernetzen sich die Wissenschaftler/innen selbst untereinander immer mehr. Das verbessert die Qualität ebenfalls.

Unterm Strich ist eine Software ein zusätzliches Instrument für die – in meinem Fall – Geschichtswissenschaft. Es ersetzt aber die klassische Quellenanalyse und -kritik keineswegs.

Lässt sich die Methode auch verwenden, um moderne Konflikte wie in Syrien zu analysieren?

Es gibt Kollegen, die moderne Netzwerkanalyse betreiben. Der Konflikt in Syrien wurde meines Wissens mit dieser Methode aber noch nicht untersucht. Wobei die Dynamiken von solchen Konflikten speziell sind, insbesondere wenn äußere Akteure mitmischen. Ein Konflikt kann durch externe Intervention intensiviert und unter Umständen in die Länge gezogen werden.

Sind moderne Konflikte dadurch komplexer als jene der Geschichte?

Die Anzahl der Beteiligten und die Dimension der internationalen Verflechtung ist eine andere. Aber das Phänomen als solches finden wir auch in der Geschichte wie beispielsweise beim Dreißigjährigen Krieg. Dieser hätte schon drei oder vier Mal vor 1648 beendet werden können, hätte nicht immer wieder eine europäische Großmacht interveniert. Das sind Dynamiken, die man vielleicht auch auf Konflikte von heute übertragen kann.