30.06.2016

Literatur und Migration: Entwurzelt und umgetopft

Was haben Julya Rabinowich und Vladimir Vertlib gemeinsam? Sie beide sind deutschsprachige Schriftsteller/innen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Die ÖAW-Forscherin Wiebke Sievers hat untersucht, wie zugewanderte Autor/innen in Österreichs Literaturlandschaft aufgenommen werden.

„1977: entwurzelt & umgetopft nach Wien“, schreibt Julya Rabinowich unter dem Menüpunkt „Leben“ auf ihrer Website. Die in Leningrad in der ehemaligen Sowjetunion geborene Autorin ist eine der prominentesten Vertreter/innen sogenannter „migrantischer Literatur“ in Österreich. Wobei: sie selbst würde diese Zuschreibung ablehnen. Auf ihrem Twitter-Account steht als Selbstbezeichnung: „Autorin, vorübergehend Mensch“. Rabinowich ist damit eher ein Beispiel für die „Transnationalisierung des literarischen Felds“, wie die Forscherin Wiebke Sievers vom Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sagt.

Sie hat mit ihrem Team im nun abgeschlossenen Projekt „Literature on the move“ drei Jahre lang untersucht, wie zugewanderte Autor/innen im österreichischen Literaturbetrieb aufgenommen werden, wie sie sich positionieren und wie sie die literarische Landschaft Österreichs verändern. Dabei wurden Schriftsteller/innen vom Anfang des 20. Jahrhunderts, wie Elias Canetti oder Milo Dor ebenso in den Blick genommen, wie Gegenwartsliterat/innen, etwa Dimitré Dinev, Vladimir Vertlib – oder eben Julya Rabinowich.

Wiebke Sievers über die zunehmende Transnationalisierung des Schreibens, das zwiespältige Etikett „Migrationsliteratur“ und warum nur die wenigsten Werke mehrsprachig sind.

Wie bewerten Sie den Begriff „Migrantenliteratur“?

Begriffe wie „Migrantenliteratur“ werden von Autor/innen, die so bezeichnet werden, als ausgrenzend wahrgenommen, denn sie reduzieren diese auf ihren biographischen Hintergrund. Das hat zur Folge, dass ihre Werke nicht als Literatur kategorisiert werden, sondern als authentische Einblicke in fremde Welten gelten, wobei sich das nicht nur auf das Herkunftsland, sondern auch auf Zuwanderungsgruppen in Österreich bezieht. Die literarische Gestaltung der Werke rückt dabei in den Hintergrund.

Die Zuschreibung wird also als Reduzierung empfunden?

Ja, vielen der Autor/innen, die wir untersucht haben, wird diese „Last der Repräsentation“, wie der Kunsthistoriker Kobena Mercer das genannt hat, aufgeladen. Und das zeigt sich nicht erst in der Rezeption der Werke, sondern zum Teil auch schon im Lektorat, wie sich an unserer Untersuchung zum Schriftsteller Ilir Ferra ablesen lässt. Insofern ist die Kritik der Autor/innen an solchen Zuschreibungen durchaus berechtigt.

Gibt es auch Vorteile?

Doch die gibt es. Immerhin haben solche Begriffe enorm zur Sichtbarkeit dieser Autor/innen beigetragen. Selbst Julya Rabinowich, die zu den vehementesten Kritiker/innen des Begriffs zählt, hat inzwischen zugegeben, dass die erhöhte Sichtbarkeit, die mit diesem einhergegangen ist, ihr wahrscheinlich einen schnelleren Aufstieg ermöglicht hat als ihren Kolleg/innen, die keine Migrationserfahrung haben. Sie ist wiederum das beste Beispiel dafür, dass man solche Kategorien dann aber auch hinter sich lassen kann, wie wir in unserem Projekt zeigen.

Soll man solche Kategorien ihrer Meinung nach ganz abschaffen?

Ich glaube, sie sind Teil eines Veränderungsprozesses im „literarischen Feld“, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu das nennt, das heißt, sie werden sich irgendwann von selbst abschaffen. In Österreich waren zugewanderte Schriftsteller/innen bis in die 1960er-Jahre noch eine Selbstverständlichkeit. Zwischen den Siebzigern und den frühen Neunzigern konnten sich dagegen keine neuen zugewanderten Autor/innen etablieren. Aus einer der größten Migrationsbewegungen nach Österreich, nämlich der sogenannten Gastarbeiterzuwanderung aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien, ist hier also anders als in Deutschland keine sichtbare Literatur hervorgegangen.

Erst in den 1990er-Jahren beginnt sich der Literaturbetrieb langsam wieder zu öffnen. Nun spielen Begriffe, die diese Autor/innen als neu markieren, eine Rolle. Dabei sollte man betonen, dass diejenigen, die diese Markierungen vorgenommen haben, nicht in der Absicht handelten, diese Autor/innen auszugrenzen, ganz im Gegenteil, sie wollten ihnen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Die Auseinandersetzung über diese Begriffe ist dann ein weiterer Schritt in diesem Veränderungsprozess. Irgendwann sind zugewanderte Schriftsteller/innen hoffentlich wieder soweit selbstverständlich, dass solche Begriffe an Bedeutung verlieren.

In Ihrem Projekt wurde u.a. die Rezeption von Elias Canettis Werk mit der von zeitgenössischen zugewanderten Autor/innen verglichen. Gibt es da Unterschiede?

Da gibt es sehr deutliche Unterschiede. Autoren wie Elias Canetti in den 1930er-, Milo Dor in den 1940er- und György Sebestyén in den 1950er-Jahren wurden im österreichischen Literaturbetrieb völlig selbstverständlich als deutschsprachige Autoren aufgenommen, ohne dass jemand ihre Herkunft oder Muttersprache thematisierte, auch sie selbst lange nicht.

Eine derartige Selbstverständlichkeit kann man sich heute kaum mehr vorstellen.

Heute sind wir immerhin wieder so weit, dass Immigrant/innen nicht-deutscher Muttersprache nicht mehr grundsätzlich abgesprochen wird, dass sie deutschsprachige Schriftsteller/innen werden können. Das war in den 1990ern nicht der Fall. Dass das bis in die sechziger Jahre anders war, hängt damit zusammen, dass sich der Literaturbetrieb in Österreich eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu nationalisieren begann.

Bis in die 1930er-Jahre waren nicht nur viele Autor/innen, sondern auch Verleger/innen und Kritiker/innen entweder selbst Zuwanderer oder Nachfahren von diesen. Dadurch stellte sich die Frage nach Herkunft und Muttersprache nicht. Dass sich diese transnationale Offenheit im österreichischen Literaturbetrieb bis in die 1950er-Jahre erhalten hat, liegt daran, dass einige der wichtigsten literarischen Akteure in der unmittelbaren Nachkriegszeit, wie Alexander Lernet-Holenia oder Franz Theodor Csokor, schon in den dreißiger Jahren zu schreiben begannen. Sie haben diese Idee der Offenheit weitergetragen und damit auch Autoren wie Milo Dor und György Sebestyén eine Aufnahme in den Literaturbetrieb ermöglicht.

Gibt es einen Einfluss von „Migrationsliteratur“ auf die österreichische Literatur?

Mit der erneuten Wahrnehmung von Zuwanderern im österreichischen Literaturbetrieb seit den neunziger Jahren wird die Immigration nach Österreich zum ersten Mal zum Thema in der Literatur. Und unsere Untersuchungen zeigen, dass das keinesfalls ein selbstverständlicher Prozess war.

Haben Sie ein Beispiel?

Besonders interessant ist etwa Vladimir Vertlibs Laufbahn, denn Vertlib gehört zu den ersten Zuwanderern nicht-deutscher Muttersprache, der sich in den 1990er-Jahren als Autor in Österreich etablieren kann. Immigration war zu diesem Zeitpunkt nicht nur in der Literatur kein Thema. Auch auf der Universität war Vertlib als Zuwanderer eine Ausnahme. Und er musste immer wieder feststellen, dass seine Geschichte entweder niemanden interessierte oder sie einfach nicht verstanden wurde, weil ja seine Kommiliton/innen völlig anders sozialisiert waren. Erst seine Begegnung mit Konstantin Kaiser, dem Herausgeber der Zeitschrift „Zwischenwelt“, eröffnete Vertlib die Möglichkeit, seine Geschichte als Teil einer größeren Geschichte der Vertreibung zu sehen, denn Kaiser verwies ihn auf die Nähe seiner Texte zur Exilliteratur.

Vertlibs erste eigenständige Veröffentlichungen, die Erzählung „Abschiebung“ und der Roman „Zwischenstationen“, die autobiographisch motiviert sind, sind deutlich von der Exilliteratur beeinflusst. Vertlib konnte dadurch seine Erfahrungen in eine existierende Tradition einschreiben und damit auch für österreichische Leser/innen verständlicher machen. Für Autor/innen, die nach Vertlib über Immigration nach Österreich geschrieben haben, wurde es dann weniger schwer, ihre Erfahrungen zu thematisieren. Und inzwischen haben sich auch viele, die nicht als Zuwanderer nach Österreich gekommen sind, wie die Autorin Susanne Scholl oder der Autor Martin Horváth, dieses Themas angenommen.

Spiegelt sich die Mehrsprachigkeit zugewanderter Autor/innen in der österreichischen Literatur wieder?

Viele Autor/innen thematisieren Mehrsprachigkeit in ihren Texten. Und bei einigen finden sich auch Hinweise darauf, dass ihre Mehrsprachigkeit Einfluss auf ihr Schreiben hat. Dennoch hätten wir auf Basis der bisherigen Forschung mehr stilistische Innovation erwartet, als wir dann wirklich vorgefunden haben. Vielmehr mussten wir feststellen, dass die Einsprachigkeit als Norm im Literaturbetrieb noch sehr dominant ist. Das zeigt sich nicht nur in den literarischen Texten jener, die auf Deutsch schreiben, sondern auch daran, dass jene, die nicht in deutscher Sprache schreiben, noch weniger wahrgenommen werden.