22.01.2016

Endlich gleich?

Eine neue Veranstaltungsreihe an der ÖAW macht Diversität und Geschlechtergerechtigkeit zum Thema. Zum Auftakt beleuchtete eine Podiumsdiskussion Gleichheit und Ungleichheit in der Gegenwartsgesellschaft.

Es ist zweifellos als Erfolg im Kampf um Gleichberechtigung zu werten, dass Begriffe wie Gender und Diversität heute ihren Platz in der öffentlichen Debatte haben. Doch das Urteil über die gelebte Realität in Sachen Diversität und Gleichstellung fällt bereits deutlich zwiespältiger aus. Zum Auftakt einer neuen Veranstaltungsreihe an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nahm die Podiumsdiskussion "Diversitätsmanagement - Umgang mit Ungleichheit" mit Expertinnen der Gender- und Diversitätsforschung eine erste Bestandsaufnahme vor zu Anspruch und Wirklichkeit einer entscheidenden gesellschaftspolitischen Frage.

Bemerkenswert ist, wie sich die Expertinnen bei der Diskussion einig waren, dass in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine deutliche Intensivierung der Beschäftigung mit Ungleichheit zu beobachten war – und zwar sowohl in der Forschung als auch in der gesellschaftlichen Debatte. Dabei sei unter anderem klar geworden, wie ÖAW-Klassenpräsidentin Brigitte Mazohl betonte, dass Ungleichheit nicht nur in Bezug auf die Geschlechter zu thematisieren sei. Sondern, dass der Umgang mit Ungleichheit auch hinsichtlich Kriterien wie Herkunft, Alter, sexueller Orientierung oder Weltanschauung zu untersuchen ist und Lösungen für den Alltag zu entwickeln sind.

„Es wurde vor allem in juristischer Hinsicht viel erreicht“, zeigte sich Mazohl ferner in Bezug auf Fortschritte in der Gesetzgebung überzeugt. So haben rechtliche Regelungen nicht nur im öffentlichen Bereich, sondern auch in der Privatwirtschaft Organisationen etwa dazu gezwungen, positive Diskriminierung zu betreiben.

Papierberge und Rosinenpicken

Zufriedengeben kann frau/man sich damit freilich noch lange nicht. So sind beispielsweise im öffentlichen Sektor längst umfangreiche Strategiepapiere und Pläne zum Umgang mit Diversität entwickelt worden. „Doch der Nachteil vieler Pläne ist“, meinte Elisabeth Holzleithner, Professorin für Rechtsphilosophie und Legal Gender Studies an der Universität Wien, „dass sie niemand kennt. Und ihre Umsetzung damit nicht funktioniert.“

Im privatwirtschaftlichen sowie im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich sei gleichzeitig die Idee entstanden, das ursprünglich gesellschaftspolitische Anliegen primär als einen Faktor zu begreifen mit dem sich die Wirtschaftlichkeit erhöhen lässt. Das wiederum habe dazu geführt, wie Heike Mensi-Klarbach, Gender- und Diversityforscherin an der Universität Hannover,  betonte, dass sich „Unternehmen lediglich einzelne Aspekte der Diversität herauspicken, von denen sie sich eben eine Effizienzsteigerung versprechen.“

Diversität und Kapitalismus

Welche Rolle ökonomische Aspekte in der Debatte um Ungleichheit und den gesellschaftlichem Umgang damit einnehmen, sei übrigens insgesamt kritisch zu hinterfragen. Cornelia Klinger, Philosophin an der Universität Tübingen, ist der Ansicht, dass es in erster Linie der neuartige Kapitalismus ab den 1990er Jahren war, der die ursprünglich emanzipatorische Debatte um Gleichheit und Ungleichheit neu angeheizt habe: „Wir möchten inzwischen, dass möglichst viele Menschen aktiv am Wirtschaftsleben beteiligt sind“, führte Klinger aus. Dies erst habe die Nachfrage nach Konzepten entstehen lassen, die das Management ungleicher Belegschaften erlauben und habe damit, unter anderem, neue Materien wie das Diversitätsmanagement entstehen lassen.

Dass diese erstarkte wirtschaftliche Komponente im Ringen um Gleichberechtigung per se ein Nachteil sein muss, glaubt Andrea Bührmann vom Institut für Diversitätsforschung der Universität Göttingen indes nicht. Sie plädierte dafür, dass man alle Kräfte bündle, um einen fairen Umgang mit Ungleichheit und Diversität zu entwickeln. Mit anderen Worten: „Ich möchte nicht als Frau diskriminiert werden. Ich werde aber diskriminiert“. Die Lösung könne daher laut Bührmann nur sein, sich zusammenzuschließen – und gemeinsam für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen.