10.05.2019

„Eine Welt ohne Bargeld wäre menschenfeindlich“

Cécile Morrison leitete lange Jahre das Münzkabinett der Pariser Nationalbibliothek. Im Interview spricht sie über den Wert von Münzen – in der Antike und heute. Am 13. Mai hielt sie einen Vortrag an der ÖAW.

Es gibt kaum etwas, das Geld stärker symbolisiert als Münzen. Sie sind wie die Elementarteilchen des Wirtschaftssystems – und zwar bereits seit der Antike. Diesen kleinsten Bausteinen des Geldes hat die französische Numismatikerin Cécile Morrison ein ganzes Forscherinnenleben gewidmet. Die langjährige und inzwischen emeritierte Leiterin des Münzkabinetts der Französischen Nationalbibliothek gilt als eine der herausragenden Expert/innen zu Münzen aus dem byzantinischen Reich. Aktuell arbeitet sie etwa an der Fertigstellung des Katalogs der byzantinischen Münzen des Pariser Münzkabinetts für die Zeit von der Eroberung Konstantinopels 1204 bis zum endgültigen Fall im Jahr 1453.

Am 13. Mai war Morrison, die heuer als Ehrenmitglied in die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen wurde, in Wien zu Gast. Unter dem Titel: „Reich der neuen Mitte“ nahm sie Byzanz aus der Perspektive der Geld- und Wirtschaftsgeschichte in den Blick. Im Interview spricht sie darüber, was Münzen über das historische Alltagsleben verraten und blickt – kritisch – in die Gegenwart, die sich anschickt zu einer „münzlosen“ Gesellschaft zu werden.

Frau Morrison – wie kam es dazu, dass Sie Münzforscherin wurden?

Cécile Morrison: Gelernt habe ich beim Byzantinisten Paul Lemerle, der mein Interesse auf die Numismatik gelenkt hat, weil Münzfoscher/innen damals in Frankreich fehlten. Mir wurde dann die Veröffentlichung der byzantinischen Münzsammlung der Bibliothèque Nationale unter der Führung von Philip Grierson anvertraut, einem herausragenden Münzforscher, der bis zu seinem Tod 2006 mein Mentor und Freund blieb. Von Anfang an war mir klar, wie viel uns Münzen und ihre Verwendungsmuster über Geld- und Wirtschaftsgeschichte verraten können.

Ihr Hauptinteresse gilt byzantinischen Münzen. Konstantinopel, die Hauptstadt von Byzanz, behielt sich lange das Monopol auf Münzprägung vor. War das eine Voraussetzung, für den sagenhaften Aufstieg des Reiches?

Morrison: Der „Solidus“ oder griechisch „Nomisma“, die bekannteste byzantinische Münze, genoss hohes Ansehen und diente auch in den Nachbarländern als Zahlungsmittel. Er war vom frühen 4. Jahrhundert bis 1354 – also rund tausend Jahre lang – im Umlauf. Diese Münze war Sinnbild der Macht des Herrschers dessen Herkunft die Münzinschriften„ek Theou“ (von Gott) oder „en Christo basileus“ (König in Christus) verkündeten. Mit dem Solidus wurden Militär- und Gemeinwesen finanziert, aber auch Frieden von Feinden gekauft.

 

Tatsächlich wurden Münzen geprägt, um Soldaten zu bezahlen. Erst dann sickerten sie in den Geldumlauf ein.

 

Das deutsche Wort „Soldat“ und der englische „Soldier“ leiten sich bis heute vom „Solidus“ her. Warum nannte und nennt man eigentlich Kämpfer nach dieser Münze und was erzählt uns das über den Zusammenhang von Wirtschaft und Krieg?

Morrison: Gute Frage! Tatsächlich wurden Münzen geprägt, um Soldaten zu bezahlen. Erst dann sickerten sie in den Geldumlauf ein. Der Solidus hatte ein langes Leben. Gegen 680 n. Chr. ging er als Zahlungsmittel vom späten Römischen Reich ins karolingische Währungssystem über: Livre-Sou-Denier ist eine Rechenweise, die in Großbritannien bis zur Dezimalisierung 1971 erhalten blieb. Im Französischen war vor kurzem die Bezeichnung „mes sous“ noch immer gleichbedeutend mit „Geld“ und auch sonst hat der Solidus bei uns einen nicht unbedingt glorreichen Nachhall:  „Soudoyer“  heißt bestechen, „soudards“ sind ungehobelte Soldaten und „soldes“ ist der Ausverkauf.

Das Oströmische Reich gilt als eine der stärksten Wirtschaftsmächte der Geschichte. Gibt es etwas, was wir heutigen Europäer vom Staat Byzanz, seinen Waren- und Geldflüssen lernen können?

Morrison: Im 6. Jahrhundert, nach Justinians Rückeroberung Afrikas, das heißt Tunesiens, und Italiens, erstreckte sich das Oströmische Reich von Gibraltar bis nach Alexandria, von der Donau bis zum Euphrat. Seine mehrere hunderttausend Einwohner starken Städte wurden mit Waren der Nachbarregionen aber auch mit weit hergebrachten Gütern – wie Getreide aus Ägypten – versorgt. Ich würde sagen: Das Münzwesen hat dieses Wachstum zwar nicht hervorgebracht, aber Handel und Austausch in dieser Größe überhaupt erst möglich gemacht. Diese Wohlstands-Phase wurde übrigens durch die große Pestepidemie 542, durch Klimaveränderungen und feindliche Invasionen beendet.

Damals gab es Gesetze die Import und Export beschränkten: Waren die förderlich für das Wachstum von Byzanz?

Morrison: Das glaube ich nicht. Der Export von Gold, strategischen Gütern, wie Waffen, oder Luxusgütern, zum Beispiel hochwertige Seide, war zwar verboten, der Import aber in der Regel gestattet. Der Dichter Tzetzes hat im 12. Jahrhundert Konstantinopel als eine Art Turm von Babel beschrieben, in dem Kosmopoliten und Händler aufeinander trafen.

In Europa deutet einiges darauf hin, dass in den nächsten Jahrzehnten Scheine und Münzen als Zahlungsmittel abgeschafft und durch Kredit- und EC-Karten ersetzt werden könnten. Was halten Sie von dieser Aussicht?

Morrison: Ich bin froh, dass ich das nicht mehr erleben werde. Kann sein, dass die bargeldlose Gesellschaft Steuerflüchtlingen eher auf die Spur kommt und einer Schattenwirtschaft vorbeugt – wobei: Bitcoin und ähnliche Modelle werden ihre Schleichwege finden. Vor allem bedeuten Plastikgeld oder virtuelle Währungen aber mehr Macht für den Staat. Und zwar weniger in einem wohlwollenden, demokratischen Sinn.

 

Ein bargeldloser Zahlungsverkehr gibt dem Staat beängstigende Kontrollmöglichkeiten über das Privatleben jedes einzelnen Bürgers.

 

Wie meinen Sie das?

Morrison: Ich glaube, ein bargeldloser Zahlungsverkehr gibt dem Staat beängstigende Kontrollmöglichkeiten über das Privatleben jedes einzelnen Bürgers, dessen Ausgaben er kennt. Die bargeldlose Gesellschaft wird vor allem den Armen schaden, den Alten und denen, die den Anschluss verloren haben. Er wird persönlichen Austausch, Spenden und Geldgeschenke erschweren. Und was wird passieren, wenn Tornados oder Tsunamis einen Stromausfall bewirken oder Hacker in das Netzwerk der Banken eindringen?

Sie plädieren für den Erhalt des Bargeldes...

Morrison: Eine Welt ohne Bargeld wäre kahl, langweilig, menschenfeindlich. Ganz zu schweigen von dem symbolischen Wert, den Münzen für das jeweilige Land besitzen. Und – denken Sie an die armen Münzsammler des 22. Jahrhunderts: Kein neues Material mehr, das sie zusammentragen, bewundern, untersuchen und zum Ausgangspunkt nehmen können, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen!