15.05.2018

Ein Puzzle in 4 Dimensionen

„A Puzzle in 4D“ ist im deutschsprachigen Raum einzigartig: Das digitale Archiv dokumentiert die Geschichte der Grabungsarbeiten in Tell el-Daba im östlichen Nildelta und macht die archäologischen Funde in mehreren Dimensionen erfahrbar.

Dass wir Bilder in drei Dimensionen anschauen können, sei es als Hologramm, als Film mit Hilfe einer 3D-Brille oder als Computeranimation, ist zur Gewohnheit geworden und nicht weiter verwunderlich. Wenn aber die vierte Dimension hinzukommen soll – die Zeit – dann wird es anspruchsvoll. Genau dies ist das Ziel des am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) angesiedelten Projekts „A Puzzle in 4D“, in dessen Rahmen ein digitales Archiv der archäologischen Funde in Tell-el-Daba entsteht, die sozusagen mit einer „Zeitleiste“ versehen sind.

Das Archiv macht neben den Zeichnungen, Fotos und Grabungsdokumentationen eines der bedeutendsten archäologischen Fundplätze in Ägypten auch die verschiedenen Stadien der Grabungs- und Forschungsgeschichte sichtbar und schnell zugänglich. Auf der Website des Projekts kann man aber auch 3D-Modelle antiker Gräber oder Keller von oben, unten und der Seite betrachten, in Grabungszeichnungen hineinzoomen, Schnitte durch Bauten legen oder einen virtuellen Gang durch den digital rekonstruierten Palast von Tell el-Daba antreten.

Siedlungsgrabung als Rarität

Seit 1966 führen Archäolog/innen der ÖAW in Tell el-Daba Grabungen durch, Pionier war dabei der Ägyptologe Manfred Bietak, der die Grabungen lange Zeit leitete. Im Umland des kleinen Ortes im Nildelta, 140 Kilometer von Kairo entfernt, finden sich die Überreste der altägyptischen Stadt Auaris, Hauptstadt der Hyksos-Dynastie aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. „Siedlungsgrabungen sind in Ägypten eine Seltenheit, schon deshalb ist das Projekt so bedeutsam“, sagt die Ägyptologin Karin Kopetzky, die seit 30 Jahren beteiligt ist an den Grabungen, die heute vom Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW geleitet werden. Während die Königspaläste und Pharaonengräber, für die Ägypten bekannt ist, in Stein gebaut wurden, handelt es sich bei den Häusern in Tell el-Daba um Lehmziegelarchitektur, und es ist keine leichte Aufgabe, sie im feuchten Gebiet des Nildelta freizulegen. Erschwert wird die Arbeit der internationalen Archäologie auch dadurch, dass die ägyptische Regierung die Ausfuhr jeglichen Materials untersagt; alle Forschung muss also vor Ort stattfinden.

Tausende Fotos, Zeichnungen und Scans

Doch nicht nur historische Funde, auch ihre Dokumentation altert: Analoge Fotografien verblassen, Negative zersetzen sich, digitale Speichermedien werden unlesbar. Die Grabungsdokumentation aus Tell el-Daba ist mittlerweile ernsthaft in Gefahr. Die wichtigste Aufgabe von „A Puzzle in 4D“ ist es daher, die bestehenden analogen und digitalen Dokumente zu konservieren – etwa die 200.000 Fotonegative, aber auch alte Scans und über 30.000 Zeichnungen – , und in einem gemeinsamen digitalen Archiv zusammenzuführen. Das ist durchaus, wie der Projektname schon sagt, eine mit dem Zusammensetzen eines Puzzles vergleichbare Aufgabe: „Dieses für den deutschsprachigen Raum einzigartige Vorhaben ist vor allem eine methodische Herausforderung“, sagt daher die wissenschaftliche Projektkoordinatorin Edeltraud Aspöck. Es gilt, verschiedene Materialgruppen mit Metadaten zu versehen, einen eigenen Workflow für die Archivierung zu entwickeln und Regeln für die Programmierung aber auch innovative Möglichkeiten der visuellen Darstellung zu finden. Aspöck ist zuständig für die Entwicklung von solchen Lösungen und – in enger Zusammenarbeit mit dem Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW – für die Umsetzung.

Lebendiges Langzeitarchiv

Mit dem digitalen Archiv, das die Forschungsgeschichte von Tell el-Daba dokumentiert, lassen sich übrigens auch neue Hypothesen aufstellen oder alte falsifizieren. „Durch das im Rahmen des Projekts entwickelte Tool zur räumlich-zeitlichen Auswertung von Grabungsdokumentation konnten wir etwa feststellen, dass Gräber und Siedlungsbauten an einer unserer Fundstellen nicht gleichzeitig entstanden sein können, wie wir anfangs angenommen hatten“, erzählt Kopetzky. Mit „A Puzzle in 4D“ entsteht also nicht nur ein für Öffentlichkeit und Forschung zugängliches digitales Archiv, sondern auch ein Forschungswerkzeug und ein über das Einzelprojekt hinausweisendes Modell, das vormacht, wie digitale Langzeitarchive sich sinnvoll aufbauen und nutzen lassen.