18.09.2017

Digitale Horizonterweiterung auf dem Balkan

Das Bild der mittelalterlichen Machtverteilung auf dem Balkan gewinnt durch neue Methoden der digitalen Geisteswissenschaften deutlich an Tiefenschärfe. ÖAW-Forscher Mihailo Popović verknüpft analoges Wissen mit moderner Geoinformatik am Beispiel des byzantinischen Mazedonien.

Wer regierte oder beanspruchte das byzantinische Mazedonien auf dem zentralen Balkan im Mittelalter? Auf diese Frage gibt es keine einfachen Antworten. Denn in dem gebirgigen Land mit dem beeindruckenden Ohrid-See im Westen und dem Flusstal des Vardar im Osten haben viele Völker und Gemeinschaften ihre Spuren hinterlassen: Lateiner und Byzantiner, Awaren, Slawen und Bulgaren, Christen und später Muslime – um nur einige zu nennen. Ihre Spuren finden sich nicht zuletzt in der Bezeichnung von Bergen, Flüssen und Bauwerken. Für die Mittelalterforschung sind solche „Toponyme“ daher höchst aufschlussreich.

(Virtueller) Atlas des byzantinischen Reiches

Mihailo Popović vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist Spezialist für historische Ortsbezeichnungen auf dem Balkan und deren Kontexte. Im Team des ÖAW-Langzeitprojekts „Tabula Imperii Byzantini“ – kurz TIB – arbeitet er an einem historischen Atlas des byzantinischen Reiches. „Für diesen Atlas erforschen wir die historisch-geographischen Grundlagen. Wir erstellen einen umfassenden Namensindex sowie eine Karte im Maßstab 1:800.000, die alle Toponyme der byzantinischen Zeit enthält, und versehen sie mit Piktogrammen, die Auskunft über historische und archäologische Daten geben“, erklärt Popović.

Was die Kolleg/innen des Forschers im Jahr 1966 mit der TIB in analoger Form begonnen haben, findet nun in einem neuen historisch-geografischen Projekt unter der Leitung von Mihailo Popović eine bedeutende digitale Unterstützung und Weiterentwicklung. 2015 startete der Mittelalterforscher „Digitising Patterns of Power (DPP)“, das die neuesten Methoden der Geoinformatik für die Mittelalterforschung adaptiert. Digitalisierung und Georeferenzierung machen es möglich, große historische und räumliche Datenmengen präzise miteinander in Beziehung zu setzen. Das mittelalterliche byzantinische Mazedonien dient in DPP dabei als eine von fünf  Modellregionen.

„In der TIB schreibe ich analog über das byzantinische Mazedonien. Im Rahmen von DPP verarbeite ich die Daten digital und mache sie dadurch auch für einen größeren Kreis von Nutzer/innen verfügbar“, so Popović. Das setzt umfassende Sprachkenntnisse ebenso voraus, wie Feldforschung und GPS-Vermessung vor Ort. „Ich suche beispielsweise ein bestimmtes Dorf oder eine mittelalterliche Kirche, die ich bereits in der TIB beschrieben habe. Wenn ich sie finde, protokolliere ich die GPS-Koordinaten. Die Daten können dann in vektorisierte Karten übertragen oder etwa in Google Earth eingespielt werden. Somit werden historische Daten aus der TIB international verbindlich verortet und erleichtern es nachfolgenden Forschergenerationen diese Orte wiederzufinden“, freut sich Popović.

Seine Kolleg/innen arbeiten im Rahmen des DPP-Projekts auf der Basis von Quellenanalyse oder der Archäologie, wenn sie die anderen DPP-Modellregionen, die Ostalpen, Bayern, die March-Thaya Region, das historische südliche Armenien oder Bithynien aufarbeiten. Vom Vergleich dieser fünf Regionen erwartet sich das Team, bei dem Mittelalterforscher/innen der ÖAW und der Universität Wien zusammenarbeiten, grundlegende Erkenntnisse in methodischer wie auch inhaltlicher Hinsicht.

Spuren der Macht in der Aneignung des Raumes erkennen

Auf der inhaltlichen Ebene geht es bei DPP um eine Analyse der Raumdarstellung in mittelalterlichen schriftlichen Quellen. Des Weiteren nehmen die Historiker/innen die Wechselwirkung zwischen gebauter und natürlicher Umgebung in den Blick und bewerten diese hinsichtlich politischer, religiöser und ökonomischer Machtstrukturen. „Wir wollen einerseits herausfinden, wie sich Macht lokal auf Grund der Landschaft gewichtet. Darüber hinaus vergleichen wir, wo sich geistliche und weltliche Macht in der Region manifestiert, und welche weniger mächtigen Randgruppen, beispielsweise Nomaden, erwähnt werden“, erklärt Popović.

Die mazedonischen Dörfer im Mittelalter hatten einen Siedlungskern, umgeben von Äckern und anderen Wirtschaftsflächen in einem Radius von etwa zwei Kilometern. Getreideanbau, Holzgewinnung, Viehwirtschaft und Schweinezucht in Eichenwäldern oder die Almwirtschaft waren die Lebensgrundlage. Diese galt es gegen Eindringlinge zu verteidigen. Sie war aber auch durch Kriege immer wieder gefährdet: Anhand von mittelalterlichen Urkunden, der Verortung und Visualisierung im Rahmen von DPP wird beispielsweise ein Konflikt zwischen dem serbischen Königtum und dem byzantinischen Reich deutlich nachvollziehbar, als zwischen 1280 und 1320 serbische Könige die Byzantiner immer mehr nach Süden drängten und das byzantinische Mazedonien schließlich eroberten.

Ein Blick in die Gegenwart

Das ist natürlich nicht das Ende der Geschichte, sehr wohl aber eine zeitliche Grenze für die Mittelalterforschung. Wie es mit dem byzantinischen Mazedonien weiterging, als mit der Eroberung Konstantinopels die Osmanen im Jahr 1453 auch hier die Herrschaft übernahmen, ist eine weitere (andere?) Geschichte, die den Rahmen der TIB und von DPP sprengt. Die Arbeit von Mihailo Popović kann aber die Grundlagen schaffen, dass wir über den Umweg des byzantinischen Mazedonien zu einem tieferen Verständnis eines seiner jetzigen Teile, der heute weitgehend slawisch geprägten ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien, gelangen. Nicht zuletzt helfen dabei historische Raumvorstellungen und noch immer existierende, lokale, mehrsprachige Toponyme, die, so hofft der Forscher, einer konstruktiven mehrsprachigen Völkerverständigung in einem sich vereinenden Europa des 21. Jahrhunderts den Weg ebnen könnten.