10.10.2017

Die Wahrheit der Realität

Existiert die Welt in der wir leben, so wie wir sie sehen? Mit dieser Frage beschäftigten sich schon die frühen indischen Philosophen. ÖAW-Forscherin Anne MacDonald hat sich mit einem bedeutenden Text aus dieser Zeit auseinandergesetzt und diesen erstmals von Sanskrit ins Englische übersetzt.

Für Ihre herausragende Arbeit hat die Wissenschaftlerin vom Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) kürzlich den “Prize for Outstanding Translation” der US-amerikanischen Khyentse Foundation verliehen bekommen. Ziel des Preises ist es, exzellente Übersetzungsarbeiten zu fördern, die das buddhistische Erbe einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Anne MacDonald hat das erste und umfassendste von insgesamt 27 Kapiteln des Textes Prasannapadā ediert und von Sanskrit ins Englische übersetzt. Die Prasannapadā, verfasst im 7. Jahrhundert nach Christus, ist eines der zentralen Werke von Candrakīrti, einem der bedeutendsten indischen Philosophen des  Mahāyāna-Buddhismus. Candrakīrti kommentierte in der Prasannapadā wiederum die Mūlamadhyamakakārikā von Nāgārjuna, eines Lehrers aus dem zweiten Jahrhundert, der der buddhistischen Philosophie zahlreiche wichtige Schriften hinterließ.  

Sanskrit auf Palmblättern mit Tibetisch entziffert

Candrakīrti schrieb in Sanskrit auf Palmblättern. Durch das fragile Material ging über die Jahrhunderte viel verloren. Auch wurden Klöster ebenso wie große Bibliotheken zerstört. Später wurde der Sanskrit-Text ins Tibetische übersetzt und somit auch in Tibet bekannt. “Immer, wenn ich Stellen im Manuskript hatte, wo etwas unlesbar war, etwa auf Grund von Wurmlöchern oder Schmutz, konnte ich auf den tibetischen Text zurückgreifen. Das war sehr hilfreich”, erzählt MacDonald.

 

 

Im ersten Kapitel beschäftigt sich Candrakīrti mit dem philosophischen Umfeld seiner Zeit, das ist, erstens, Mahāyāna, zweitens die konservativen Schulen der buddhistischen Tradition (sonst bekannt als Hīnayāna) und schließlich einige der indischen nicht-buddhistischen Schulen. Candrakīrti gehörte zur Mādhyamaka-Tradition, einer Philosophenschule des Mahāyāna-Buddhismus. Im ersten Kapitel erklärt er die Sichtweisen von Madhyamaka und greift gegnerische Ansichten an. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage ob die Welt existiert oder nicht.

„Madhyamaka wird oft falsch interpretiert, nämlich in der Annahme, dass die Welt wirklich existiert, aber nicht so wie wir sie wahrnehmen. Das ist jedoch nicht richtig. Die Mādhyamikas leugnen letztlich die Existenz der Welt, aber diese Leugnung scheint ein transzendentales Erlebnis der wahren Wirklichkeit zuzulassen, das über Existenz und Nicht-Existenz hinausgeht“, erklärt MacDonald.

Die Mādhyamikas leugnen letztlich die Existenz der Welt, aber diese Leugnung scheint ein transzendentales Erlebnis der wahren Wirklichkeit zuzulassen, das über Existenz und Nicht-Existenz hinausgeht.

Die Übersetzung war für Anne MacDonald eine Herausforderung. “Ich habe in Vancouver Sanskrit gelernt. Eigentlich wollte ich diese Sprache gar nicht lernen, sondern Tibetisch. Schlussendlich habe ich es aber geliebt”, lacht die Forscherin. Als sie ihren PhD begann, entschloss sie sich dazu, nach Hamburg zu gehen. Denn dort hatte sie die Gelegenheit bei Lambert Schmithausen, einem berühmten Professor für Buddhismuskunde, zu studieren. “Das war wirklich einmalig und ich lernte wahnsinnig viel von ihm”, so MacDonald.

Ausgestattet mit einer guten Grundlage war es ihr somit möglich sich an die alten philosophischen Texte heranzuwagen. “Während der Übersetzung überraschte mich, wie schwierig dies war und ohne mein großes Hintergrundwissen wäre es schlicht unmöglich gewesen”, sagt MacDonald.

Unbekanntes Manuskript durch Zufall entdeckt

Hinzu kam großes Glück, denn MacDonald bekam Zugang zu einem Manuskript aus dem 12. Jahrhundert, das bei der Übersetzung eine große Unterstützung war. Das Manuskript war in der Bodleian Library in Oxford seit 1900 gelagert – was jedoch niemand wusste. MacDonald erzählt, wie sie dennoch davon erfuhr: “In einer Bibliographie von japanischen Kollegen wurde erwähnt, dass dieses Manuskript in jener Bibliothek war.”

Es ist heutzutage immer noch so, dass wir Wissenschaftler/innen nicht übereinkommen, was die Mādhayamikas wirklich aussagen wollten, da gibt es sehr viel Diskussion und das macht die Arbeit spannend.

Die umfassende Übersetzung ins Englische macht Candrakīrtis komplexe Argumente nun zugänglich und verbessert auch das Verständnis für seine Vision des Mādhyamaka. “Mein Ziel war es, den Text einerseits für ein breites Spektrum an Gelehrten zugänglich zu machen, wie auch für Doktorand/innen, andererseits aber auch für Mönche, für die der Text immer noch sehr aktuell ist”, umreißt MacDonald das Publikum für ihre Übersetzung.

“Es ist heutzutage immer noch so, dass wir Wissenschaftler/innen nicht übereinkommen, was die Mādhayamikas wirklich aussagen wollten, da gibt es sehr viel Diskussion und das macht die Arbeit spannend und lebendig.” Gut editierte Sanskrit-Texte können hier eine große Unterstützung sein und substantiell zu einem besseren Verständnis der philosophischen Ansichten, die in Candrakīrtis Werken dargestellt werden, beitragen. Wie hilfreich dabei MacDonalds Übersetzung ist, zeigt nun ihre Auszeichnung durch die Khyentse Foundation.